Prozess um Angriff auf Journalisten in Fretterode Wer steckt hinter der "Arischen Bruderschaft"?

Im Prozess um den Angriff auf zwei Journalisten in Fretterode hat die Nebenklage einen Beweisantrag zum rechtsextremen Netzwerk "Arische Bruderschaft" gestellt. Demnach sollen beide Angeklagten engste Kontakte zu der Kameradschaft pflegen. Doch wer ist die selbst ernannte "Arische Bruderschaft"?

Zwei gekreuzte Stabhandgranaten auf schwarzem Hintergrund: Das Logo der selbst ernannten "Arischen Bruderschaft" sieht dem Symbol der 36. Waffen-Grenadier-Division der SS zum Verwechseln ähnlich. Die Division war 1945 aus der SS-Sturmbrigade Dirlewanger hervorgegangen, verantwortlich für Massaker an der polnischen Zivilgesellschaft. Ein Ermittlungsverfahren wegen der Verwendung von verfassungsfeindlichen Kennzeichen gegen Neonazi-Kader Thorsten Heise, der Artikel mit dem Logo der Organisation in seinem Online-Shop vertreibt, wurde von der Staatsanwaltschaft Mühlhausen in der Vergangenheit trotzdem eingestellt.

Mann in schwarzem T-Shirt mit der Aufschrift "Sicherheitsdienst Arische Bruderschaft"
Identisch mit Wappen einer SS-Einheit im Zweiten Weltkrieg: zwei gekreuzte Handgranaten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nun rücken die "Arische Bruderschaft" und ihre Symbole wieder ins Licht der Öffentlichkeit, denn einer der beiden jungen Männer, die sich aktuell wegen des brutalen Angriffs auf zwei Journalisten in Fretterode vor dem Landgericht Mühlhausen verantworten müssen, soll sich bei der Tat mit einem Schal vermummt haben, auf dem eben jenes Symbol der "Arischen Bruderschaft" zu sehen gewesen sein soll. Der andere Angeklagte soll laut Nebenklagevertretung im Prozess sogar Mitglied der Gruppierung sein.

Mobile Beratung geht von hohem Gewaltpotenzial aus

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen (Mobit) sagte MDR THÜRINGEN, die "Arische Bruderschaft" sei um die Jahrtausendwende gegründet worden und eindeutig dem Neonazismus zuzurechnen. "Wir gehen davon aus, dass Thorsten Heise die zentrale Führungsfigur der 'Arischen Bruderschaft' ist, sie ins Leben gerufen hat. Für Heise dient die Kameradschaft als Sicherheitsdienst bei seinen Rechtsrock-Veranstaltungen", so ein Mobit-Sprecher. "Wir gehen von einem hohen Gewaltpotential aus."

Zentral für die Einschätzung der Verbindungen der "Arischen Bruderschaft" in internationale Neonazi-Netzwerke sei die Rolle ihrer Führungsfigur Thorsten Heise. "Er selbst prahlte in den vergangenen Jahren immer wieder mit seinen internationalen Kontakten in zahlreiche Länder und trat bei öffentlichen Veranstaltungen beispielsweise auch als Kontaktperson beispielsweise für Führungskader des 'Blood&Honour'-Netzwerkes aus Großbritannien auf."

Sammelbecken von Kameradschaftskadern

Auch die Rechercheplattform "exif - Recherche" sieht die Kameradschaft als bestens vernetzt. So heißt es auf der "exif"-Webseite, in der Szene nenne man die "Arische Bruderschaft" die "Hausmacht" und "Leibstandarte" Thorsten Heises. Die "Arische Bruderschaft" sei ein Sammelbecken von Wortführern unterschiedlicher Kameradschaft-Strukturen aus Hessen, Südniedersachsen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen und weiteren Vertrauten von Heise. "Innerhalb dieser Bruderschaft ist es Heise möglich, die Führungspersonen einzuschwören und zu dirigieren", schreiben die Rechercheure weiter. Die Organisation habe mittlerweile Ableger in Süddeutschland und Norddeutschland.

Die Rechercheplattform "exif - Recherche" Die Autorinnen und Autoren der "unabhängigen antifaschistischen" Rechercheplattform beobachten die deutsche und internationale Neonazi-Szene seit Jahren und stellen ihre Erkenntnisse in Form von Hintergrund-Dossiers online zur Verfügung.

Kaum Informationen vom Verfassungsschutz

Das Thüringer Amt für Verfassungsschutz antwortet auf MDR-Anfrage zur "Arischen Bruderschaft" allgemein. Die "Arische Bruderschaft" agiere bundesweit und sei um die Jahrtausendwende gegründet worden, um insbesondere Sicherheits- und Ordnerdienste für andere rechtsextremistische Akteure bzw. deren Veranstaltungen zu stellen. (…) "Auch das von Thorsten Heise 2019 in Ostritz (Sachsen) organisierte 'Schild und Schwert Sommerfestival' wurde von der 'Arischen Bruderschaft' entsprechend unterstützt", heißt es weiter. Dies deute "zumindest auf ein enges Zusammenwirken von Heise und der vorgenannten Bruderschaft hin". Zu den internationalen und bundesweiten Verbindungen der Organisation und ihrem Gefährdungspotenzial schweigt die Behörde auf Nachfrage. Ebenso wie weitere angefragte Verfassungsschutzämter.

Bundestagsabgeordnete: Konspirative Gruppe mit elitärem Selbstverständnis

Dieses Schweigen ist es, dass Martina Renner, Bundestagsabgeordnete (Die Linke) und Rechtsextremismus-Expertin, scharf kritisiert. Dass die Organisation nicht einmal im Jahresbericht der jeweiligen Verfassungsschutzbehörden auftauche, sei ein Armutszeugnis, sagte Renner MDR THÜRINGEN. Die "Arische Bruderschaft" sei als "Kameradschaft der Kameradschaftsführer" ins Leben gerufen worden. "Es handelt sich um eine konspirative Gruppe mit einem noch elitäreren Selbstverständnis als der damalige 'Thüringer Heimatschutz' (THS)", so Renner weiter.

Aus dem Thüringer Heimatschutz war in den 1990er-Jahren der selbsternannte "Nationalsozialistische Untergrund" hervorgegangen. Einiges spreche dafür, so Renner, dass es sich bei der "Arischen Bruderschaft" mit Thorsten Heise als Leitfigur um eine Ersatzstruktur für das im Jahr 2000 in Deutschland verbotene Netzwerk 'Blood&Honour' handeln könne. "Inzwischen kann die 'Arische Bruderschaft' auf etwa 40 Personen aus mehreren Bundesländern zurückgreifen, aktuell ist eine 'Sektion Pommern' hinzugekommen." Die Gruppe sei im In- und Ausland gut vernetzt zu anderen relevanten Gruppierungen aus dem militanten Spektrum wie dem in Deutschland 2020 verbotenen Netzwerk "Combat 18".

Die "Arische Bruderschaft" gilt vielen Experten als gefährliche und offenbar unterschätzte rechtsextreme Struktur. Geht es nach den Anwälten der Nebenklage, soll ihre Rolle beim Angriff auf die zwei Journalisten nun näher beleuchtet werden.

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. März 2022 | 19:00 Uhr

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