Wirtschaft Thüringer Auto-Zulieferer: Ein schwerer und teurer Weg aus der Krise

Teure Metalle, nicht lieferbare Chips, hohe Energiepreise: Die Nachwehen des ersten Corona-Winters beschäftigen die Thüringer Autoindustrie nach wie vor. Das hat eine Branchenumfrage des Verbands Automotive Thüringen ergeben. 190 Firmen wurden dafür angefragt, die Rücklaufquote betrug etwa 40 Prozent. Die Probleme werden durch die aktuelle Corona-Lage noch befeuert. Eine Lösung aus Sicht des Verbands: Eine allgemeine Impfpflicht.

Zwei Männer in einer Lagerhalle.
Die Preise für manche Kfz-Bauteile sind in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Das spürt auch die Firma Ha-Beck im Wartburgkreis. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Mathias Hasecke schaut zufrieden die Lagerfläche entlang. Zahlreiche Metallplatten stapeln sich hier, aus denen seine Maschinen später mit Laser-Präzision Bauteile herausschneiden. Von Bremssätteln bis hin zu tragenden Teilen für Landmaschinen oder Nutzfahrzeuge ist alles dabei. Auch er hat gespürt, dass Stahl gegenüber dem vergangenen Jahr deutlich teurer geworden ist. "Mitunter 100 oder 200 Prozent mehr", sagt der Inhaber der Firma Ha-Beck aus Hörselberg-Hainich und Vorsitzende des Verbands Automotive Thüringen.

Wirkliche Engpässe wie andere Unternehmen hatte er nicht zu erleiden. "Wir haben unsere Lieferanten gepflegt über die letzten Jahre und nicht immer um den letzten Pfennig im Preis gedrückt. Das hat sich jetzt ausgezahlt", sagt er.

Mathias Hasecke
Mathias Hasecke, Vorstandsvorsitzender bei Automotive Thüringen und Inhaber der Firma Ha-Beck. Bildrechte: Florian Girwert

Doch nicht nur das Material ist teurer geworden, auch die Energiepreise sind gestiegen. Und weil die Nachfrage durch anhaltende Ungewissheit im ersten Corona-Jahr immer wieder stockte, müssen sich die Unternehmen erst noch erholen, um auf das Niveau von 2019 zu kommen. Die Umfrage des Verbands mit Namen "Branchenmonitor" hat ergeben, dass bei drei Vierteln der Thüringer Autozuliefer das Vor-Corona-Niveau noch auf sich warten lässt. Die meisten rechnen damit, dass es noch bis zu einem Jahr dauert, bis es soweit ist.

83 Prozent der Firmen arbeiten schon für Elektromobilität

Mit einem Firmensterben rechnet der Verband jedenfalls nicht, wenn sich die Lage bei den Rohstoffen und den Energiepreisen sowie die Corona-Situation wieder entspannt. Denn eigentlich sehen viele Firmen die Lage optimistisch. Drei von vier planen weitere Investitionen an ihren Standorten, fast die Hälfte der Betriebe will sogar in Zukunft wachsen.

Denn längst ist der Wandel hin zur E-Mobilität an der Basis angekommen. 83 Prozent der befragten Firmen haben bereits Aufträge für Elektrofahrzeuge zu verzeichnen. "Man muss sich jetzt kümmern, gelistet zu sein", sagt Automotive-Thüringen-Geschäftsführer Rico Chmelik. "Auch wenn das Volumen noch gering ist. Und dann, wenn die Produktion richtig hochfährt, ist man mit an Bord und kann ein hohes Volumen in die eigene Fertigung bringen."

Rico Chmelik
Rico Chmelik, Automotive-Thüringen-Geschäftsführer. Bildrechte: automotive thüringen e.V./Norman Hera

Hochqualifiziertes Personal gefragt

Dafür muss aber oft noch Personal qualifiziert werden, denn gut ausgebildete Leute, die den Wandel mitgestalten können, seien knapp. "Man braucht keine Leute mehr, die einen Behälter von A nach B räumen im Betrieb. Es braucht hochqualifiziertes Personal, Maschinenprogrammierer, Maschinenbediener. Die müssen die Digitalisierung in die Prozesse integrieren."

Chmelik räumt ein, dass es bei der Bezahlung manchmal hapere im Vergleich zu Unternehmen etwa im süddeutschen Raum. "Aber wir arbeiten daran, dass die Unternehmen etwa in Verbundprojekten komplexere Produkte herstellen können. Damit sie eine höhere Wertschöpfung erreichen und höhere Löhne zahlen können." Aber das sei ein Prozess, der Jahre dauern werde. Erste Projekte in der Art seien jedoch auf den Weg gebracht.

Ärger über Corona-Krisenmanagement

Hasecke verweist derweil darauf, dass es natürlich kein Selbstläufer ist, teures Material einzulagern und sich darauf zu verlassen. "In manchen Fällen haben wir uns mit den Abnehmern zusammengesetzt und gefragt, ob wir uns bevorraten sollen. Aber dann muss eben auch klar sein, dass sie zu einem höheren Preis abnehmen, den das Material fordert."

Doch nicht alle Firmen können das - vor allem, wenn sie nur an große Autohersteller liefern: "Es gibt Einzelfälle, die uns rückmelden, dass die Hersteller sagen: Du lieferst, du hast Verpflichtungen. Ansonsten weißt du, was passiert", sagt Rico Chmelik. Der Entzug von großen Aufträgen schwingt hier mit, ohne direkt benannt zu sein. Und so nehmen manche Firmen auch Verluste für manche Projekte in Kauf, um als Partner im Spiel zu bleiben.

Autos vor einem Autohaus 10 min
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10 min

Umschau Di 26.10.2021 20:15Uhr 09:55 min

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Impfen als Weg aus der Krise

Und nun sollten Unternehmen auch noch ihre ungeimpften Mitarbeiter testen - das stößt Mathias Hasecke sauer auf. "Wir sollen die Karre wieder aus dem Dreck ziehen. Den ganzen Sommer hat man verpennt und wir müssen das mit Schnelltests und Selbsttests auffangen. Testzentren stehen nicht mehr zur Verfügung, die hat man ja abgeschafft und muss erst wieder damit anfangen." Inzwischen gebe es in Unternehmen auch Mitarbeiter, die sich krankschreiben ließen, um die Tests zu umgehen. Auch für die Kollegen sei der Umgang damit schwierig.

Neben dem Vertrauen in die Politik gehe auch das Vertrauen untereinander verloren. Für ihn wäre eine allgemeine Impfpflicht die logische Konsequenz: "Was spricht eigentlich noch dagegen? Wenn einer wirklich gesundheitliche Probleme hat, dann akzeptiere ich das. Aber grundsätzlich zu sagen: 'Ich lasse mich nicht impfen' ... ", das geht für ihn nicht. Stattdessen seine Aufforderung: "Leute, lasst euch impfen!"

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Quelle: MDR (mm)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22. November 2021 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

martin vor 26 Wochen

Nun, es ist hinreichend bekannt, dass die Meinung der Impfgegner darüber "Wer was nicht realisiert habe" deutlich von der Mehrheit der Bevölkerung abweicht.

Peter vor 26 Wochen

Hobby-Viruloge007: Die Konfrontation geht in diesem Fall wohl eher von der Minderheit der Impfgegnern aus. Man braucht kein Prophet sein, um zu wissen, wer da am längeren Hebel sitzt - der Impfgegner oder der Chef.

Haller vor 26 Wochen

Die kWh ist bereits über 30 Cent ... wenn der Strom demnächst Öko per Fahrraddynamo erarbeitet wird sind nicht unter 5 Stunden Mindestlohn zu zahlen.

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