Bessere Forschung, bessere Aufträge Thüringer Autozulieferer gründen Innovationscluster

16 Unternehmen und Institute haben ein neues Innovationscluster gegründet. Sie wollen die Trends der Automobilhersteller mitbestimmen - als vereinte Kräfte in einem Team aus Unternehmenden und Forschenden. Vor allem für die kleineren Zulieferer aus Thüringen bietet der Zusammenschluss in Zukunft mehr Möglichkeiten.

Ein Mann in einem Anzug hält ein Autoteil in den Händen.
Thomas Reußmann vom TITK zeigt die Rückseite einer Rückbank fürs Auto. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

16 Unternehmen und Institute haben sich zum Innovationscluster "Interieur der Zukunft aus der Zulieferindustrie" - kurz Izzi - zusammengeschlossen. Für die Automobilindustrie wollen sie Trends mitbestimmen. Unternehmen und Forschende wollen ihre Fähigkeiten verbinden und zusammen größere Aufträge an Land ziehen als es kleine Mittelständler allein könnten.

Ein halbes Dutzend unterschiedliche Folien und Beläge lassen die beiden Mitarbeiter in die große Maschine gleiten. Die lässt immer wieder einen kleinen Donner los, wenn wieder ein neuer Abschnitt erhitzt, zusammengepresst und miteinander verbunden wird.

Thüringisches Institut für Textil und Kunststoff-Forschung in Rudolstadt 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 29.07.2021 19:00Uhr 02:04 min

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Eines der Ziele: Einfacheres Recycling der Materialien

In der Testfertigung im Technikum des Thüringischen Instituts für Textil- und Kunststoff-Forschung (TITK) in Rudolstadt arbeitet man gerade daran, solche Materialen leichter recycelbar zu machen. Vorgaben der EU verlangen mehr Recycling-Materialen in Autos. Nur leichter zu sein als die Blech-Abgrenzung zwischen Kofferraum und Rücksitzen oder tragende Teile zu verstärken und damit ebenfalls leichter zu machen, das reicht nicht mehr.

Dieser Vorgabe erfolgreich Folge zu leisten ist eines der Ziele des Innovationsclusters "Izzi", der am Donnerstag offiziell seine Arbeit aufgenommen hat. 16 Zulieferer und Forschungsinstitute bündeln ihre Fähigkeiten, um zusammen besser forschen und höheren Anforderungen begegnen zu können. "Der Vorteil von regionalen Wertschöpfungsnetzwerken liegt in der Chance, langfristig Module für die Hersteller fertigen zu können", sagt Rico Chmelik, Geschäftsführer des Branchenverbands Automotive Thüringen. Wer komplexere Teile fertige, sei weniger austauschbar.

Eine Maschine presst Materialien zusammen
In einer solchen Maschine, werden unterschiedliche Material-Schichten zusammengepresst. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Kleine Mittelständler hoffen auf Vernetzung und mehr Forschung

Die oft kleinen Zulieferer im Freistaat aber haben diese Fähigkeit allein meist nicht, weil sie entsprechend auch nur kleine Forschungsabteilungen haben. "Izzi" soll das ändern: "Für uns ist wichtig, dass wir in einem Netzwerk Entwicklungskapazitäten in einer Synergie nutzen", sagt Michael Petry, geschäftsführender Gesellschafter des Zulieferers GBneuhaus, der auf Materialbeschichtung spezialisiert ist. "Und es kommen natürlich bei Treffen mit anderen Netzwerkern direkt Produkt-Ideen auf."

Weniger Konkurrenz - mehr Miteinander

Die Unternehmen wollen sich also nicht mehr nur als Konkurrenz sehen, sondern häufiger miteinander arbeiten. Letztlich sollen so komplexere Teile entstehen, die sich teurer verkaufen lassen - zumal eine Studie des Chemnitz Automotive Instituts im Auftrag der Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) nahelegt, dass die Wertschöpfung im Innenraum zu 80 Prozent von den Zulieferern kommt. Sie liefern die Ideen, und müssen nicht nur Vorgaben der Hersteller umsetzen. Hier lässt sich also auch Geld verdienen. "Das kann letztlich auch zu besserer Bezahlung der Mitarbeiter führen", sagt Chmelik.

Was fällt weg, was muss neu erfunden werden?

Mit mehr Elektromobilität müssen sich die Zulieferer etwas für die Heizung des Fahrzeug-Innenraums einfallen lassen, wenn die Abwärme des Motors ausfällt und die Heizung möglichst sparsam sein soll. Schaltknaufe könnten bei nur einem oder zwei Gängen künftig wegfallen. Das dürfte auch immer mehr Knöpfen passieren, wenn die Bedienung stärker über Gesten oder Touch-Displays funktioniert.

Autonomes Fahren könnte Lenkräder irgendwann überflüssig machen. Zudem könnten Sitze oder Kameras immer mehr Vitaldaten der Passagiere erfassen - oder sich aktiv melden, wenn an der Raststätte aus Versehen jemand vergessen wurde. Zudem finden sich in den Oberflächen im Fahrzeug immer öfter Naturfasern wie Flachs.

Eine Hand hält eine Platte
Die leichten, aber sehr formstabilen Platten, lassen sich zum Beispiel als Verkleidungen einsetzen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Ergebnis bleibt noch Ungewiss

Wie die neuen Teile genau aussehen werden, wissen auch die Mitglieder noch nicht. "Aber egal ob die Elektromobilität ein Erfolg wird oder nicht, der Innenraum von Autos wird sich verändern", sagt TITK-Direktor Benjamin Redlingshöfer.

An seinem Institut sind bereits Verfahren entwickelt worden, um etwa Leichtbau mittels Verbundwerkstoffen und Kunststoff-Recycling unter einen Hut zu bringen. Nun bringen weitere Zulieferer Kompetenzen etwa aus Spritzguss-Fertigung und anderen Bereichen ein. Stabiler, leichter und mit mehr Funktionen können Bauteile so ausgestattet werden. Mitte des Jahrzehnts wollen die Cluster-Unternehmen mit ersten Produkten am Markt sein.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 29. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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