Awo Thüringen Awo-Vorsitzende Rottschalk spricht von moralischem Schaden durch Gehälteraffäre

Porträt Autor Dirk Reinhardt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Vor gut zwei Jahren hatte die Arbeiterwohlfahrt in Thüringen heftige Turbulenzen erlebt: Nach Kritik wegen mangelnder Transparenz und hohen Managergehältern waren Landesvorstände zurückgetreten und der bis dahin mächtigste Mann im Wohlfahrtsverband, Michael Hack, entlassen worden. Die neue Awo-Führung versprach Aufklärung und Reformen. Wie es dabei bislang lief, wurde am Samstag in Erfurt auf einer Landeskonferenz der Awo diskutiert.

Es ist ein deutliches Signal des Awo-Landesvorstandes an seinen Verband: Für ihren Mut und ihre Courage wird Claudia Zanker der Emma-Sachse-Preis verliehen. Benannt nach der SPD-Politikerin und Antifaschistin Emma Sachse aus Altenburg, würdigt dieser höchste Preis der Arbeiterwohlfahrt in Thüringen herausragendes ehrenamtliches Engagement von Mitgliedern.

Zanker habe mit ihrem "unbeirrbaren Mut und Courage den Stein ins Rollen gebracht", würdigt die Awo-Landesvorsitzende Petra Rottschalk die Pädagogin aus dem Unstrut-Hainich-Kreis. Durch beharrliches Nachfragen und Drängen auf mehr Transparenz hatte Zanker in den vergangenen Jahren den damaligen Landesvorstand um den Vorsitzenden Werner Griese gegen sich aufgebracht - und vor allem auch die seinerzeit zentrale Figur im Machtgefüge innerhalb des Verbandes: Michael Hack, den Geschäftsführer des Tochterunternehmens AJS gGmbH.

Awo-Landesvorsitzende Petra Rottschalk überreicht Clauda Zanker den Emma-Sachse-Preis.
Awo-Landesvorsitzende Petra Rottschalk (li.) überreicht Clauda Zanker den Emma-Sachse-Preis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Reformen gehen weiter

Mit der Auszeichnung Zankers wollte der neue Landesvorstand unter Rottschalk wohl allen Parteigängern von Griese und Hack und sicher auch allen Reformern im Verband signalisieren: Die 2020 nach dem Rücktritt des alten Vorstands um Griese und der Entlassung von Hack als AJS-Chef eingeleiteten Reformen sind ernst gemeint und sollen weitergeführt werden.

In ihrem Bericht über die zurückliegenden Monate spricht Rottschalk dann viel über die Affäre um hohe Managergehälter und mangelnde Transparenz, die der Awo Thüringen einigen "moralischen Schaden" zugefügt habe. Und die sie rund 600 Mitglieder in den Jahren 2020 und 2021 gekostet hätte. Zwar sei die Tendenz bei der Mitgliederzahl - derzeit rund 10.000 - wieder steigend. Doch die Aufarbeitung der Affäre sei weiter wichtig, "um Vertrauen wieder aufzubauen", sagt Rottschalk.

System von persönlichen Abhängigkeiten

Ein Rückblick: Vor einigen Jahren hatte ein anonymer mehrseitiger Bericht, der unter anderem bei Staatsanwaltschaften landete, von einem System aus Abhängigkeiten innerhalb der Awo und deren Tochterfirma AJS gesprochen. Im Zentrum der Kritik: Michael Hack, Chef der AJS und angeblicher Strippenzieher im Awo-Landesverband. Dessen Gremien tanzten nach Hacks Pfeife, so der Tenor der Vorwürfe. Erreicht habe Hack das unter anderem durch ein von ihm geschaffenes System von persönlichen Abhängigkeiten.

Kritiker wie der oder die anonymen Verfasser des Berichts oder wie Claudia Zanker aus Nordthüringen prallten an Hack und dessen Getreuen ab. Doch im Frühjahr 2020 meldete sich der Awo-Bundesverband mit einem Prüfbericht zu Wort. Der hatte es in sich: Die Gehälter von Hack und seinem Co-Geschäftsführer Achim Ries wie auch die von mehreren weiteren AJS- bzw. Awo-Managern seien deutlich zu hoch, gemessen an den Vorgaben des seit November 2018 geltenden Awo Governance Kodex.

Und der Bundesverband drängte auf Konsequenzen im Verband. Griese und mehrere weitere Vorstandsmitglieder traten im Laufe der folgenden Wochen zurück. Im Juli 2020 wählte ein Landesausschuss der Awo einen geschäftsführenden Vorstand unter Petra Rottschalk. Die neue Führung sorgte umgehend für die Entlassung von Hack, der laut Prüfbericht des Bundesverbandes ein Jahresgehalt von rund 300.000 Euro bezogen hatte. Ob dieses Gehalt selbst ausschlaggebend für die Kündigung war, ist dem Geschassten laut Auskunft seines Anwalts Carsten Sewtz bis heute unklar. Man warte immer noch auf eine schriftliche Begründung der Kündigung, so Sewtz.

Kündigungsgründe unklar

Dass er und sein Mandant diese jemals bekommen werden, ist derzeit eher unwahrscheinlich. Die Klage Hacks gegen seine Entlassung landete erst beim falschen Gericht und dann beim falschen Adressaten. Das Arbeitsgericht Erfurt erklärte sich für nicht zuständig. Im Fall Hacks sei das GmbH-Recht anzuwenden, und demnach sei ein Geschäftsführer kein Angestellter, sondern ein Organ der Gesellschaft, beschied das Arbeitsgericht und reichte die Klage an das Landgericht Erfurt weiter.

Der frühere Geschäftsführer der Awo-AJS, Michael Hack, mit seinem Anwalt Carsten Sewtz, im Gerichtssaal am Oberlandesgericht Jena.
Ex-AJS-Chef Michael Hack (re.) und sein Anwalt Carsten Sewtz im Oberlandesgericht Jena Bildrechte: MDR/Alexander Reißland

Dieses wies Hacks Klage mit der Begründung ab, er habe mit der Geschäftsführung der AJS das falsche Organ verklagt. Er hätte stattdessen den Aufsichtsrat des Unternehmens verklagen müssen. Die von Hack dann angerufene nächsthöhere Instanz, das Oberlandesgericht Jena, will ihr Urteil am kommenden Montag verkünden. In einer mündlichen Verhandlung vor einigen Wochen hatten die Richter aber schon angedeutet, wohl der Auffassung des Landgerichts folgen zu wollen.

Zurück zur Awo-Landeskonferenz in der Arena Erfurt. Hier wird Rechtsanwalt Christian Stückrad - er ist als Gast dabei - von einem Delegierten um Details des Revisionsberichts gebeten, den er im Auftrag des AJS-Aufsichtsrates zum Geschäftsgebaren der alten Geschäftsführung um Hack erstellt hat. Die Prüfergebnisse, so referiert der Anwalt, hätten zur Entlassung von Michael Hack und zur Auflösung des Vertrags von Co-Geschäftsführer Achim Ries geführt. Die Kündigung von Hack sei unter anderem wegen Kompetenzverstößen und Managementfehlern erfolgt.

Mehr Gehalt, obwohl weniger angebracht gewesen wäre

Ausführlich geht Stückrad auf eine Episode ein, die als Beispiel für eine dem AJS-Chef Hack von Kritikern vorgeworfene Selbstbedienungsmentalität gelten kann. Am 27. Juli 2018 habe die damalige AJS-Geschäftsführung die Gesellschafter des Unternehmens um eine Anpassung ihrer Vergütung gebeten. Gesellschafter der AJS damals wie heute: der Awo-Landesverband als Mehrheitseigentümer und der Awo-Kreisverband Erfurt. Passiert sei in Sachen Vergütung zunächst nichts, so Stückrad.

Am 25. November 2018 trat der Governance Kodex der Awo in Kraft, der bundesweit in dem Wohlfahrtsverband gilt und definiert, welche Gehaltshöhen für Führungskräfte als angemessen angesehen werden. Die damaligen Gehälter von Hack und Ries hätten die im Kodex formulierten Obergrenzen deutlich überschritten, so Anwalt Stückrad. "Zu diesem Zeitpunkt hätten sich die Gesellschafter Gedanken machen müssen, die Gehälter auf ein Niveau zurückzuführen, dass mit dem Kodex in Übereinstimmung ist."

Doch das Gegenteil passierte: Am 23. Januar 2019 habe eine Gesellschafterversammlung der AJS stattgefunden. Dort hätten die beiden Gesellschafter - vertreten durch Awo-Landeschef Werner Griese und die Vorsitzende des Erfurter Awo-Kreisverbandes Elvira Diebold - einer Gehaltserhöhung für Hack und Ries von jeweils 20.000 Euro pro Jahr zugestimmt - im Fall des Landesverbandes vorbehaltlich einer Zustimmung von dessen Vorstand.

Der versammelte sich dann einige Tage später, am 4. Februar. Teilnehmer der Sitzung: Griese, Diebold - sie war damals auch Mitglied des Awo-Landesvorstandes - sowie die Vorstandsmitglieder Katrin Matzky und Steffen Kania. Matzky und Kania hätten, so Anwalt Stückrad, zu verstehen gegeben, dass sie sich wegen der kurzfristig einberufenen Sitzung überrumpelt fühlten und sich deshalb bei der geplanten Abstimmung über die Gehaltserhöhungen enthalten würden. Das Ergebnis der Abstimmung: zwei Ja-Stimmen (Griese und Diebold), zwei Enthaltungen. Damit war die Gehaltserhöhung auch vom Awo-Landesvorstand bestätigt worden.

Ermittlungen gegen Hack, Griese und Diebold

Wegen dieser Vorgänge ermittelt die Staatsanwaltschaft Mühlhausen gegen Griese, Diebold und den früheren AJS-Chef Hack wegen des Verdachts der Untreue. Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Strafanzeige. Von wem die gestellt wurde, weiß nur die Staatsanwaltschaft, die bislang auf Anfragen von MDR THÜRINGEN keine Angaben dazu gemacht hat.

Ein Hinweis von Anwalt Stückrad bei der Landeskonferenz in Erfurt hat dann auch konkrete Folgen. Würde der alte Vorstand unter dem damaligen Awo-Landeschef Griese nun durch die Landeskonferenz entlastet, wären mögliche Schadenersatzforderungen gegen Beteiligte der Vorgänge damals nicht mehr möglich. Und so verweigert die Landeskonferenz denn auch gegen Ende der Tagung neun der elf Mitglieder des bis Mitte 2020 verantwortlichen Landesvorstandes die Entlastung. Die bekommen nur die damalige Beisitzerin Lore Mikolajczyk und die frisch gekürte Emma-Sachse-Preisträgerin Claudia Zanker.

Gewerkschaftsprotest vor dem Tagungsgebäude

Empfangen worden waren die Delegierten der Landeskonferenz am Morgen vor dem Tagungsgebäude von einer Abordnung der Gewerkschaft ver.di. Die protestierte gegen das Gebaren des Arbeitgeberverbandes der Awo Thüringen in den laufenden Tarifverhandlungen.

Nur die Hälfte der von der Arbeitnehmerseite formulierten Punkte seien überhaupt verhandelt worden, und nach sieben Tagen habe die Arbeitgeberseite die Verhandlungen für beendet erklärt, kritisiert Gewerkschaftssekretärin Teresa Gärtner. Das sei kein Ausdruck von Wertschätzung. Später auf der Landeskonferenz verteidigt Landeschefin Rottschalk das Verhalten des Arbeitgeberverbandes: Man habe ein Angebot vorgelegt, das in der Sozialwirtschaft seinesgleichen suche.

Ver.di-Aktion vor Awo-Landeskonferenz in Erfurt
Vertreter von verd.di und der Awo-Belegschaft im Gespräch mit Delegierten der Landeskonferenz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immerhin: Dass die Awo nun mit der DGB-Gewerkschaft ver.di Tarifgespräche für die rund 10.000 Beschäftigten der Awo Thüringen und ihrer Tochterunternehmen führt, ist auch ein Teil des Reformprozesses im Wohlfahrtsverband. Denn unter Hack und Griese waren Tarifverträge mit der Klein-Gewerkschaft DHV vereinbart worden - mit dem Ergebnis, dass Awo-Beschäftigte teilweise deutlich schlechter bezahlt wurden, als Beschäftigte anderer Träger im Sozialbereich.

Kritik an Möller

Die Tarifverhandlungen mit ver.di sorgten denn auch für einen kurzen Moment emotionaler Aufwallung auf der ansonsten eher geschäftsmäßig sachlichen Landeskonferenz - ausgelöst durch einen Antrag von Rüdiger Schaller aus dem Awo-Kreisverband Gotha. Der forderte die Abberufung des SPD-Landtagsabgeordneten Denny Möller - einem der schärfsten Kritiker des "Systems Hack" - als Aufsichtsrat der AJS. Denn dieser habe sich in den vergangenen Tagen öffentlich kritisch über die Arbeitgeberseite bei den Tarifverhandlungen geäußert - in seiner Eigenschaft als Bezirksvorstand von ver.di Thüringen.

Solche Äußerungen stellten, so Schaller, einen Interessenkonflikt zwischen Möllers Ämtern bei der AJS und ver.di dar. Nach Applaus aus mehreren Kreisverbänden für den Antrag und heftiger Gegenrede eines anderen Delegierten beschied Tagungsleiterin Ulrike Grosse-Röthig, man werde den Antrag im Landesvorstand beraten. Möglicherweise wird darüber aber eher der Awo-Kreisverband Erfurt zu befinden haben. Denn der hat Möller in den AJS-Aufsichtsrat entsandt.

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Mai 2022 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Karl Schmidt vor 1 Wochen

@Atheist:
Wegen "Gejammer" hat Ihre Mutter Trinkgeld bezahlt????
Was soll denn das für `ne Geschichte oder gar Geschäftsidee werden?

Ihr erster Abschnitt hingegen ist intellektuell im Wesentlichen emissionsarm formuliert, weshalb jener auch nach mehrmaligem lesen nicht mal annähernd versucht, irgendeinen Sinn zu ergeben.

Habe die Ehre, K.S.

Atheist vor 1 Wochen

Hat man oft, wenn ein Verein oder Partei ständig den moralischen Zeigefinger hebt haben die meist den meisten D am Fuß.
Meine Mutter wurde jahrelang von denen gepflegt, das hat meiner Mutter ein Vermögen an Trinkgeldern gekostet weil sie das Gejammer über die schlechte Bezahlung erlegen war.

MDR-Team vor 1 Wochen

Die beiden Geschäftsführer der AJS gGmbH erhalten laut Website des Unternehmens eine Vergütung entsprechend dem Fallbeispiel 2a des AWO Governance Kodex. Dieses legt einen Rahmen von 135.000 bis 155.000 Euro pro Jahr fest.

Mehr aus Thüringen