Arbeiterwohlfahrt Thüringen Neuwahl von Awo-Spitze verzögert sich - Ex-AJS-Chef klagt gegen Kündigung

Seit Sommer dieses Jahres ist die Arbeiterwohlfahrt in Thüringen im Umbruch. Nach Kritik - unter anderem wegen überhöhter Manager-Gehälter bei der Tochterfirma AJS - waren der damalige Landesvorsitzende Griese und seine drei Stellvertreter zurückgetreten. Seitdem wird die Awo von drei neuen Stellvertretern geführt. Die für November geplante Wahl eines neuen Landesvorsitzenden wurde wegen Corona verschoben. Und auch bei der AJS ist einiges in Bewegung, zum Beispiel die Bezahlung der Mitarbeiter.

Dirk Gersdorf, Pressesprecher AWO Thüringen
Nach rechtssicherem Wahlverfahren unter Corona-Bedingungen wird noch gesucht: Awo-Sprecher Dirk Gersdorf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Wahl eines neuen Landesvorsitzenden der Arbeiterwohlfahrt Thüringen verzögert sich weiter. Nach Angaben des Sozialverbandes wird derzeit an einem Wahlmodus unter Corona-Bedingungen gearbeitet. Dieser könnte nach Informationen von MDR THÜRINGEN eine Mischung aus Briefwahl und digitaler Abstimmung vorsehen. Wichtig ist laut Awo-Sprecher Dirk Gersdorf, dass das Wahlverfahren rechtssicher über die Bühne gehen kann. Die Wahl soll nach MDR-Informationen voraussichtlich im ersten Quartal kommenden Jahres stattfinden.

Interimsführungen bei Awo und Tochterfirma AJS

Der bisherige Awo-Landesvorsitzende Werner Griese war im Mai dieses Jahres von seinem Amt zurückgetreten. Auslöser war unter anderem anhaltende Kritik an einer Vertragsverlängerung für den Geschäftsführer der Awo-Tochterfirma AJS gGmbH, Michael Hack. Laut Awo-Bundesverband war dem Geschäftsführer dabei im vergangenen Jahr eine Erhöhung des Jahresbruttogehalts um 20.000 Euro zugestanden worden.

Wolfgang Stadler, Vorstandsvorsitzender AWO-Bundesverband
Awo-Bundesvorstandschef Wolfgang Stadler Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Erhöhung widersprach laut Bundesverband dem seit 2017 geltenden Awo Governance Kodex. Darin wird definiert, bis zu welcher Höhe die Gehälter von Geschäftsführern der Awo und ihrer Tochterfirmen als angemessen betrachtet werden. Laut einem Prüfbericht des Bundesverbandes vom Frühjahr dieses Jahres lag Hacks Jahresgehalt aber schon vor der Erhöhung um mindestens 100.000 Euro über dem für ihn laut Kodex als angemessen eingeschätzten Wert.

Umnutzungskonzept vom Kurhaus Charlotte in Bad Liebenstein.
Der damalige AJS-Chef Michael Hack (re.) bei der Vorstellung eines neuen Projekts in Bad Liebenstein im Mai 2019 Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Die umstrittene Gehaltserhöhung aus dem Jahr 2019 für den AJS-Manager war nach MDR-Recherchen von Awo-Landesverbandschef Griese und der damaligen Vorsitzenden des Awo-Kreisverbandes Erfurt, Elvira Diebold, genehmigt worden. Der Landesverband ist zu 65 Prozent Gesellschafter der AJS, der Kreisverband Erfurt zu 35 Prozent. Griese und Diebold wollten sich auf Anfrage von MDR THÜRINGEN nicht zu den Vorgängen äußern.

Der Awo-Landesverband wird seit Juli von drei neugewählten stellvertretenden Vorsitzenden geleitet. Einen neuen Landesvorsitzenden gibt es aber bislang nicht. Eine im November geplante Wahl wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

Auch die AJS wird seit Sommer von einer Interimsgeschäftsführung geleitet. Ende Mai hatten Geschäftsführer Hack und seine Co-Geschäftsführer Achim Ries und Antje Wolf um Entbindung von ihren Aufgaben gebeten, was dann Ende Juni vollzogen wurde. Hack wurde dann Mitte August fristlos entlassen.

Klagen gegen Kündigungen eingereicht

Die Entlassung Hacks und die seiner Frau Petra Köllner-Hack - sie war Geschäftsführerin der AJS-Tochterfirma Awo Soziale Dienste gGmbH Gotha - hat indes ein juristisches Nachspiel. Beide haben am Arbeitsgericht Erfurt Klage gegen ihre seine Entlassungen eingereicht. Die für November vorgesehenen Gütetermine beider Verfahren wurden jedoch aufgehoben. Ein Sprecher des Arbeitsgerichts sagte MDR THÜRINGEN, zunächst müsse geprüft werden, ob das Gericht überhaupt zuständig sei. Hintergrund ist, dass Geschäftsführer von GmbH laut Arbeitsgerichtsgesetz nicht als Arbeitnehmer gelten. Zuständig für Verfahren, in denen es um Kündigungen von Geschäftsführern geht, sind daher die Landgerichte.

Rechtsanwalt Carsten Sewtz aus Leipzig
Hacks Rechtsanwalt Carsten Sewtz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hacks Anwalt Carsten Sewtz kritisierte im Gespräch mit MDR THÜRINGEN die Interimsgeschäftsführung der AJS scharf. Seinem Mandanten seien bislang keine Gründe für seine fristlose Entlassung genannt worden. Außerdem sieht er seinen Mandanten als Opfer einer Hetzkampagne. Zur Kündigung sagte der AJS-Interimsgeschäftsführer Andreas Krauße dem MDR, man werde die Begründung vor Gericht vortragen.

Noch ohne Ergebnis sind bislang zwei Prüfverfahren in der AJS und der Awo Thüringen. Der Aufsichtsrat der AJS hatte im Sommer externe Revisoren mit einer Untersuchung des Unternehmens beauftragt. Dabei sollen unter anderem Verträge und geschäftliche Beziehungen des Unternehmens auf mögliche Unregelmäßigkeiten untersucht werden. Ein Ergebnis dieser Revision liegt nach Auskunft der AJS noch nicht vor.

Gehälter von Geschäftsführern werden überprüft

Im Awo-Landesverband läuft hingegen noch die Überprüfung der Gehälter von Kreisgeschäftsführern und von Awo-Tochterfirmen. Im Juli hatte der Landesausschuss in Oberhof beschlossen, dass alle Geschäftsführer-Verträge dahingehend überprüft werden sollen, ob sie dem Awo Governance Kodex entsprechen. Dieser schreibt vor, dass sich die Gehälter an der Besoldungsordnung A (und in Ausnahmefällen an der Besoldungsordnung B) des öffentlichen Dienstes orientieren sollen.

Der Vorsitzende des AWO-Kreisverbandes Saale-Holzland und sein Geschäftsführer Ralf Batz auf dem AWO-Landesausschuss am 25.07.2020 in Oberhof
Der Vorsitzende des Awo-Kreisverbandes Saale-Holzland, Klaus-Dieter Kunze (li.) und sein Geschäftsführer Ralf Batz auf dem Awo-Landesausschuss am 25.07.2020 in Oberhof Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei fiel das Gehalt des Geschäftsführers des Awo-Kreisverbandes Saale-Holzland, Ralf Batz, auf. Batz bezieht ein Jahresgehalt von rund 200.000 Euro für seine Tätigkeit als Kreisgeschäftsführer sowie als Geschäftsführer eines Tochterunternehmens des Kreisverbandes. Da Batz' Vertrag zum Jahresende ausläuft, drängt der Awo-Landesverband nun darauf, dass er ein geringeres Gehalt akzeptiert. Sollte eine Vereinbarung dazu nicht zustande kommen, werde zumindest sein Vertrag als GmbH-Geschäftsführer nicht verlängert, so der Landesverband.

Neuer Tarifverträg für AJS-Beschäftigte wird angestrebt

Die Interimsgeschäftsführer der AJS gGmbH, Katja Glybowskaja und Andreas Krauße
Die Interimsgeschäftsführer der AJS gGmbH, Katja Glybowskaja und Andreas Krauße Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachverhandelt werden sollen, nach Aussage der amtierenden AJS-Geschäftsführung, auch die Gehälter der Mitarbeitenden in Kindergärten und Pflegeeinrichtungen. In einigen Fällen erhalten diese 20 bis 30 Prozent weniger Lohn als Angestellte im Öffentlichen Dienst. AJS-Interimsgeschäftsführerin Katja Glybowskaja sagte MDR THÜRINGEN, man kämpfe derzeit für einen thüringenweiten Tarifvertrag in allen Awo-Einrichtungen. Dieser könnte künftig mit der Gewerkschaft Verdi verhandelt werden. Dafür müssten aber zunächst Gespräche mit den Kommunen und der Pflegekasse geführt werden, um die Lohnerhöhungen gegen zu finanzieren. Derzeit gilt bei der AJS noch ein mit der Gewerkschaft DHV vereinbarter Tarifvertrag. Dieser läuft Ende 2021 aus.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 09. Dezember 2020 | 20:45 Uhr

6 Kommentare

Jack vor 28 Wochen

Entschuldigung, selten so herzhaft gelacht... Opfer einer Hetzkampagne..
Logisch das die ehemaligen Aufsichtsräte sich nicht äußern. Soweit man den Pressemitteilungen diesen Skandals entnehmen kann, bestanden mit Jedem, in irgendeiner Art und Weise Abhängigkeiten zu Herrn Hack. Bei einer anderen Entscheidung wären sie schon weg vom Fenster gewesen. Nun hoffen einige sicherlich der Kelch zieht an ihnen vorüber und nichts sagen ist auch eine Antwort. Im übrigen haftet ein Aufsichtsrat für seine Entscheidungen, sofern ein Nachweisbarer Schaden für das Unternehmen entstanden ist.
Es ist bestimmt auch schlimm auf den protzigen Dienstwagen zu verzichten.
Noch übler wird Einem,wenn man liest 20-30 %weniger Einkommen des Pflegepersonal der AWO im Vergleich zu Angestellten im öffentlichen Dienst, so daß neu verhandelt werden soll.
Solche Menschen, incl. der anderen AWO Skandale in Frankfurt etc., haben kein Gewissen, Schaden dem Ansehen der Leute die dort für wenig Geld arbeiten.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 28 Wochen

...ach, und „früher“ mussten wir auch nur einen Generalsekretär mit „durchfüttern“ — und heute gleich Dutzende und ihre Familien und
ihre Büros und ihre Geschäftsführerinnen etc. pp gleich mit dazu ...

Tacitus vor 28 Wochen

Durch den Gehaltsskandal hat sich die AWO selbst seine Namen verbrannt.
Bei solchen Einrichtungen sollten alle Gehälter über 100 T für Chefs tabu sein.
Ich hatte früher oft für Unicef gespendet- nach dem damaligen Gehaltsskandal und Gebührenskandal nie mehr. Wer sich bei sich nicht dem Geist und Anliegen der AWO verpflichtet fühlt, ist dort fehl am Platze.

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