Bahn Kein zweites Gleis: Flaschenhälse bleiben auf der Mitte-Deutschland-Verbindung in Thüringen

Eigentlich sollte die Mitte-Deutschland-Verbindung zwischen Gößnitz und Weimar in Thüringen zweigleisig ausgebaut werden. Doch das wird zu teuer für das Land. Zwischen Jena und Gera gibt es zwei Strecken-Abschnitte, auf denen nur ein Gleis liegt. Für schnelleren Fern- und Güterverkehr bräuchte es aber zwei. MDR THÜRINGEN beantwortet die wichtigsten Fragen zum Projekt.

Bahnstrecke zwischen Papiermühle und Hermsdorf kurz vor dem Hermsdorfer Bahnhof. Dieser Regionalzug ist in Richtung Jena unterwegs und fährt gerade in den eingleisigen Abschnitt ein.
Bahnstrecke zwischen Papiermühle und Hermsdorf kurz vor dem Hermsdorfer Bahnhof. Dieser Regionalzug ist in Richtung Jena unterwegs und fährt gerade in den eingleisigen Abschnitt ein. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Woran scheitert es?

Das Thüringer Verkehrsministerium hat den Kostenvoranschlag der Bahn bekommen und entschieden, dass 130 Millionen Euro für den Landeshaushalt derzeit einfach zu viel sind. Ausgegangen war man nach Aussage einer Ministeriums-Sprecherin eher von der Hälfte der Summe.

Wenn aber parallel auch andere Verkehrsprojekte und der laufende öffentliche Nahverkehr finanziert werden müssen, reichen die Reserven im corona-bedingt knappen Haushalt nicht für wenige Kilometer Bahnstrecken-Ausbau.

Das Land helfe beim Azubi-Ticket, unterstütze den regionalen Busverkehr sowie den Nahverkehr in den Städten und bemühe sich, einige Bahnstrecken zu reaktivieren, sagte Ministeriums-Sprecherin Konstanze Gerling-Zedler.

Wofür würden die 130 Millionen Euro gebraucht?

Damit würden die Abschnitte zwischen Papiermühle und Hermsdorf sowie zwischen Gera und Töppeln mit einem zweiten Gleis ergänzt. Dafür müssten Bahndämme vergrößert werden, neue Brücken gebaut und alte abgerissen werden. Die Strecke führt dort durch hügelige Wälder.

Das macht es teuer, obwohl es nur um wenige Kilometer geht. Zwischen Großschwabhausen und Jena sowie zwischen Neue Schenke und Stadtroda wurde die Zweigleisigkeit auf der Strecke vor wenigen Jahren hergestellt.

Bahnstrecke zwischen Hermsdorf und Papiermühle in Richtung Jena an einem Bahnübergang ohne Schranke. Das zweite Gleis dürfte hier so schnell nicht gebaut werden.
Bahnstrecke zwischen Hermsdorf und Papiermühle in Richtung Jena an einem Bahnübergang ohne Schranke. Das zweite Gleis dürfte hier so schnell nicht gebaut werden. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Wie würde ein zweites Gleis helfen?

Sollen viele Züge aus beiden Richtungen rollen, müssen sie teilweise aufeinander warten. Wenn sich dann ein Zug verspätet, geraten auch die Fahrpläne der anderen Fahrtrichtung durcheinander. Wenn es nur ein Gleis gibt, wirkt das also wie ein Flaschenhals.

Das ist kein großes Problem, solange pro Stunde nur zwei Nahverkehrs-Züge in jede Richtung auf der Strecke rollen. Doch mehr Güterzüge oder Intercity-Züge sind mit einem solchen Flaschenhals schwer zu bewältigen. Bisher fahren drei Intercity-Züge pro Tag in jede Richtung über die Strecke. Sie fahren dann allerdings jeweils statt eines Nahverkehrs-Zugs und nicht zusätzlich.

Solche Züge fahren eher auf anderen Strecken. Die fehlende Attraktivität der Strecke für den Fernverkehr kritisiert auch Olaf Behr, Landesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn in Thüringen: „Über längere Strecken ist der Wettbewerb für diese Eisenbahnstrecke die Autobahn A4.

Die ist nach der Wende mit 3,5 Milliarden hervorragend ausgebaut worden, ist durchgehend dreistreifig mit guten Geschwindigkeiten befahrbar“, sagt er. "Die Mitte-Deutschland-Verbindung liegt teilweise eingleisig mit Trassierungen aus dem letzten Jahrhundert daneben. Und erlaubt keine Fahrzeiten, die tatsächlich wettbewerbsfähig sind."

Olaf Behr, Landesvorsitzender des Fahrgast-Verbandes ProBahn
Olaf Behr, Landesvorsitzender des Fahrgast-Verbandes ProBahn Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Was wird trotzdem gebaut?

Die Strecke wird trotzdem elektrifiziert. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hatte im Zank um die Maut für Pkw aus dem Ausland im Bundesrat nicht gegen das einstige CSU-Lieblingsprojekt gestimmt.

So sicherte er für die Elektrifizierung der wichtigen Ost-West-Bahnstrecke im Jahr 2017 die Finanzierung durch das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium. Die Kosten dürften bei etwa 200 Millionen Euro liegen. Auch dafür müssen einige Bauwerke verändert und die Infrastruktur für das Stromkabel neu gebaut werden.

Langfristig will das Land so auch Geld sparen, denn mit Diesel-Fahrzeugen ist der Nahverkehr auf der Schiene teurer als mit elektrischen Fahrzeugen. Und der Nahverkehr wird vom Land mitfinanziert.

Reicht die Elektrifizierung, damit die Züge schneller fahren?

Das ist nicht sicher. Das Thüringer Verkehrsministerium spricht davon, dass Verbindungen zwischen Gera und Weimar künftig drei Minuten schneller sein könnten. Das wären 46 statt 49 Minuten - immerhin.

Doch im Gegensatz zu manchem Diesel-Regionalexpress, der zwar lauter und schmutziger ist, könnten die Elektrozüge ab 2028 ohne Neigetechnik unterwegs sein.

Diese erlaubt Geschwindigkeiten bis 160 km/h. Ob die Strecke an manchen Stellen so umgebaut wird, dass etwa schnellere Kurvenfahrten möglich sind, ist noch nicht klar. Und die zwei Streckenabschnitte bremsen: "Es kann sein, dass Züge weiter vor diesen Abschnitten warten müssen. Und dann sind die unterm Strich einfach nicht so schnell, wie sie sein könnten", so Behr.

Bahnstrecke zwischen Papiermühle und Hermsdorf. Oben drüber quert die Autobahn A9 mit 6 Spuren.
Bahnstrecke zwischen Papiermühle und Hermsdorf. Oben drüber quert die Autobahn A9 mit sechs Spuren. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Ist das Projekt noch zu retten?

Das ist ungewiss. Es besteht Hoffnung, dass eine neue Bundesregierung ab Herbst den Bahnverkehr anders gewichtet und womöglich bei der Finanzierung hilft. Sicher ist das allerdings nicht - und bei der Planung drängt die Zeit.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. August 2021 | 19:00 Uhr

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