Baubranche Kostenexplosion: Viele Thüringer stoppen geplante Bauvorhaben

In allen Lebenslagen werden im Moment Güter teurer: in der Baubranche ist der Trend aber bereits seit Beginn der Pandemie erkennbar - und reißt nicht ab. Zusätzlich belasten gestiegene Kreditzinsen Bauwillige. Viele Thüringer sehen deshalb von geplanten Bauvorhaben ab.

Mitarbeiter der Schwoerer Haus KG bauen am 28.05.2018 in Ravensburg-Oberzell (Baden-Wuerttemberg) ein Fertighaus auf. Foto: Daniel Maurer
Viele Thüringer müssen derzeit den Traum vom Neubau aufgeben. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Immer mehr Bauwillige in Thüringen sehen von ihren Vorhaben ab. Grund sind laut Branchen-Experten vor allem die gestiegenen Preise. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts haben sich die Baupreise massiv erhöht, so zum Beispiel Konstruktionsvollholz um 77 Prozent innerhalb eines Jahres, Betonstahl um 53 Prozent. Auch alle anderen Rohstoffe sind aufgrund der weltpolitischen Lage teurer geworden.

Unternehmen spüren Rückgang im Privatsektor

Die IHK Erfurt berichtet, dass bei den ihr angeschlossenen Unternehmen Rückgänge vor allem im privaten Sektor deutlich spürbar geworden sind. Die Gemengelage aus vielen Faktoren mache es den potenziellen Bauherren zunehmend schwer, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen. Neben den massiv gestiegenen Materialpreisen fehlten oft die Baufirmen, die noch freie Kapazitäten haben. Auch mache sich der Fachkräftemangel in der Branche massiv bemerkbar sowie die gestiegenen Zinsen. Aufgrund dieser Rahmenbedingungen denken viele Bauwillige laut IHK Erfurt darüber nach, ihre Projekte zu verschieben oder ganz auf Eis zu legen.

Wie es in einem konkreten Fall bei Betroffenen aussieht, können Sie in unserem Bericht "Die Freude ist weg" erfahren.

Bauen: Kreditraten oft nicht tragbar

Ein Sprecher der VR-Bank Mitte sagte MDR THÜRINGEN, die Banken spürten schon die ersten Kundenreaktionen. Vereinzelte Kunden würden von ihren Bauvorhaben abspringen, weil die ursprünglich kalkulierten Kosten deutlich überschritten werden. Vor allem die steigenden Zinsen für Baukredite überraschten die Kunden.

Benjamin Beck von der Sparkasse Mittelthüringen sagte, das aktuelle Zinsniveau belaste die Kunden. Bereits in den Beratungsgesprächen vor Abschluss eines Kredits müssten sie vermehrt feststellen, dass sie sich die monatlichen Raten nicht leisten könnten. Das werde durch gestiegene Baupreise und längere Lieferzeiten noch verstärkt. Die Kunden stornieren ihre Kredite laut Beck aber nicht, sondern schließen sie meist erst gar nicht ab.

Ein Sprecher der Kreissparkasse Eichsfeld sagte, das Neukundengeschäft sei tot. Von den bisherigen Anfragen für Immobilienkredite seien fast 70 Prozent abgesprungen. Bei der Sparkasse Gera-Greiz stellen die Berater ebenfalls fest, dass Bauwillige ihre Vorhaben entweder zurückstellen oder statt neuzubauen lieber einen günstigeren Altbau erwerben.

Bauzinssatz fast verdreifacht

Bei einer zehnjährigen Kreditlaufzeit wurde 2021 nach Angaben der Sparkasse noch ein Zinssatz von 1,25 Prozent pro Jahr kalkuliert, aktuell sind es rund 3,3 Prozent. Laut Internetportal "Immowelt" stiegen die Bauzinsen von 1,38 Prozent im Januar auf 2,05 Prozent Ende März und 3 Prozent Ende Mai. Das bedeutet eine monatliche Mehrbelastung von mehreren Hundert Euro.

Thüringen: Auch Gemeinden stornieren Bauprojekte

Auch einige Gemeinden in Thüringen berichten davon, dass Bauvorhaben wegen der hohen Kosten platzen. So zum Beispiel der Bürgermeister der Gemeinde Harztor, Stefan Klante. Vergangenes Jahr hatte es seinen Angaben nach 50 Bewerbungen für acht Baugrundstücke der Gemeinde gegeben. Von den acht, die den Zuschlag erhalten haben, sind nun fünf wieder abgesprungen. Das Hoch- und Tiefbauamt in Bad Salzungen berichtet davon, dass nach Eingang der Baugenehmigung nur noch halb so viele Bauanträge ankommen wie im Vorjahr.

Grundstücksmarkt noch nicht betroffen

Trotz gestiegener Preise wird weiterhin gebaut. Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG), die zahlreiche Grundstücke im Land erschließt und vermarktet, sieht sich aktuell noch nicht mit Absagen konfrontiert. Pressesprecher Holger Wiemers vermutet aber, dass der Bruch erst später bei der LEG ankommt.

Auch die Geschäftsführung der Eichsfeldwerke gibt an, es gebe noch keine Probleme. Das Unternehmen betreut unter anderem mehrere Neubaugebiete im Kreis. Ähnliches ist aus der Landgemeinde Dingelstädt zu hören.

Maurer auf der Baustelle
Noch keine Probleme in Thüringens Neubaugebieten (Symbol). Bildrechte: imago images/U. J. Alexander

Baubranche trotz Preissteigerungen noch ausgelastet

Aus Sicht der Bauindustrie sind die Auftragsbücher nach wie vor voll. In der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen berichten 86 Prozent der Baufirmen von einem verhältnismäßig großen oder ausreichenden Auftragsbestand. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 15 Prozent mehr. Laut der IHK Südthüringen sind dort 45 Prozent der Unternehmen sind noch mindestens vier Monate mit Aufträgen versorgt, weitere 41 Prozent noch zwei bis drei Monate.

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MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 24. Juni 2022 | 16:00 Uhr

43 Kommentare

Peter Pan vor 7 Wochen

Die Baupreise sind seit Corona kontinuierlich gestiegen, aber jeder Häuslebauer macht gewöhnlich eine Wohnung frei, ein Aspekt der immer unter den Tisch fällt, Außerdem profitieren davon viele, nicht zuletzt die Baubranche.
Im November konnte man einen Hypothekenkredit noch mit 1,25 % bekommen, hat nur viele Bauwillige nicht interessiert. Wir zahlen derzeit 1,06 % und das noch mindestens für die nächsten 5 Jahre.
Warum die Hypothekenkredite jetzt plötzlich duch die Decke gehen ist für mich nicht erklärbar, der Leitzins ist immer noch bei Null Prozent, die Bedingungen haben sich nicht geändert, ich habe eher den Eindruck das derzeit wegen des Ukrainekrieges so ein Mitnahmeeffekt entstanden ist, jeder möchte daran mitverdienen, die Mineralölgesellschaften leben es vor und alle anderen machen es nach.

wo geht es hin vor 7 Wochen

"Dieses Gesetz war eine Einmaligkeit! "
Sie meinen sicher die Anwendung. Und dazu hätte ich eine Frage: sind Sie sich da so sicher, daß Sie Ihr gesamtes Hab und Gut darauf verwetten würden? Also ich nicht, da die stille Enteignung schon jahrelang läuft (0 - Zins - Politik) ohne das die Regierung irgendetwas dagegen unternommen hätte und das bei den nun noch mehr steigenden Schulden auf Dauer nicht mehr reichen wird, um den Staat zu füttern. Schon gar nicht mehr bei steigenden Zinsen, wo der Staat jetzt auf ein Mal wieder Zinsen auf seine Kredite zahlen muss. Für mich ist der Lastenausgleich ein durchaus realistisches Szenario - es wird nur unter einem anderen Namen verpackt werden. Das Zauberwort heisst dann Solidarität.

Tschingis1 vor 7 Wochen

@Camper
Auch wenn es dieses Gesetz noch gibt und das SGB XIV "soziale Entschädigungen" aus diversen anderen Gesetzen zusammenfasst, u.a. auch dem o.g. Gesetz, so entspricht ihre Vermutung nur als Vermutung.
Dieses Gesetz war eine Einmaligkeit!

Sie können aber auch gerne Ihre Immobilie verkaufen und in Edelmetalle anlegen, wie schon andere, die dieser Behauptung als Fakt annahmen.

Übrigens, "Ossis" konnten aus diesem Gesetz auch profitieren, wenn sie Kriegsgeschädigte waren.

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