Bestattungen Thüringer wünschen sich alternative Bestattungs-Möglichkeiten - Kritik vom Bistum Erfurt

Mit dem Thema Tod geht jeder Mensch anders um. Die meisten beschäftigen sich erst dann damit, wenn sie es müssen. Und gehen dann zum Teil ungewöhnliche Wege. Zehn Prozent der Verstorbenen in Thüringen, so schätzt es der Bestatterverband, bleiben ihren Angehörigen mittlerweile als Diamant, Amulett oder Lichtkristall erhalten. Kritik kommt vom Bistum Erfurt.

Ein Lichtkristall, in dem die Asche eines Verstorbenen eingebracht werden kann
Ein Andenken an den Angehörigen: In diesen Lichtkristall ist die Asche eines Verstorbenen eingearbeitet worden. Bildrechte: MDR/Dian Zetkow

Asche aus Urnen zu entnehmen, das ist laut dem Thüringer Bestattungsgesetz nicht erlaubt. Doch das Gesetz von 2004 scheint in die Jahre gekommen zu sein und entspricht nicht mehr unbedingt den Wünschen der Menschen beim Thema Tod.

Die Erinnerungskultur hat einen höheren Stellenwert in der modernen Bestattungskultur gewonnen.

Gerd Rothaug, Thüringer Landesinnungsmeister der Bestatter

Immer mehr Menschen wünschten sich laut Gerd Rothaug, Thüringer Landesinnungsmeister der Bestatter, alternative Bestattungsmöglichkeiten, bei denen die Erinnerungskultur im Vordergrund steht.

Zum Beispiel, einen Teil der Asche des Verstorbenen als Amulett nahe am Herzen zu tragen, einen Diamanten daraus zu machen oder eine Mini-Urne auf dem Wohnzimmersims stehen zu haben. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren sei laut Rothaug die Nachfrage danach gestiegen. Der übrige Teil der Asche würde, wie traditionell üblich, in einer Urne auf einem Friedhof beigesetzt werden.

Ein Diamant, in dem die Asche eines Verstorbenen eingebracht werden kann
Erinnerungsstücke wie beispielsweise ein Diamantring, in dem die Asche eines Verstorbenen eingebracht werden kann, haben in den vergangenen Jahren in Thüringen immer mehr an Bedeutung gewonnen. Bildrechte: MDR/Dian Zetkow

Bestattungspflicht: Urnen werden ins Ausland gebracht

Um diesen Wunsch zu erfüllen, lassen Bestattungsunternehmen die Urnen ins Ausland bringen. In Tschechien, der Schweiz und der Niederlande ist es erlaubt, Asche aus Urnen zu entnehmen. Das Unternehmen von Landesinnungsmeister Gerd Rothaug hat dafür eigens eine Tochtergesellschaft in Tschechien gegründet.

"Die Hinterbliebenen entscheiden sich, dass die Asche auf einem Friedhof in Tschechien beigesetzt wird, damit kann die Asche dann nach Tschechien überbracht werden. Und damit habe ich dann alle Möglichkeiten, die in Tschechien gelten und dort ist viel viel mehr möglich als in Deutschland", erklärt der Unternehmer.

Dass die Institute damit Lücken des Thüringer Bestattungsgesetz ausnutzen, so möchte es Rothaug nicht nennen. Eher suchen sich die Bestatter legale Möglichkeiten, um die Bedürfnisse der Hinterbliebenen zu erfüllen.

Gerd Rothaug, Landesinnungsmeister der Thüringer Bestatter
Gerd Rothaug, Landesinnungsmeister der Thüringer Bestatter Bildrechte: MDR/Dian Zetkow

Bestatter fordern, Gesetz anzupassen

16 Bestattungsgesetze gibt es in Deutschland - für jedes Bundesland eines. Das in Thüringen zählt mit zu den strengsten. Schon deshalb fordert Rothaug, das Gesetz anzupassen und etwa zu erlauben, dass eine geringfügige Menge an Asche aus der Urne entnommen werden darf. An der im Gesetz geregelten Friedhofspflicht, also der Beisetzung auf geweihtem Gelände, hält die Mehrheit des Verbandes fest.

Bestattungen auf dem privaten Grundstück sind laut Gesetz verboten. Wer seine Verstorbenen im Garten oder Hof beisetzt - und das kommt in Thüringen durchaus vor - begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldstrafe von bis zu 10.000 Euro rechnen. Auch die Bestatter können bestraft werden, wenn diese die Hinterbliebenen nicht hinreichend über die Rechtslage aufklärt haben.

Thüringer Bestattungsgesetz

ThürBestG, vom 19. Mai 2004, § 1 Grundsätze:

(1) Ziele des Gesetzes sind insbesondere die Wahrung der Ehrfurcht vor den Toten, die Achtung der Totenwürde sowie der Schutz der Totenruhe und der Totenehrung.

(2) Die würdige Bestattung von Verstorbenen und Totgeborenen ist eine öffentliche Aufgabe.

(3) Mit Leichen, Fehlgeborenen, Leibesfrüchten aus Schwangerschaftsabbrüchen, Leichen- und Körperteilen sowie Aschenresten Verstorbener darf nur so verfahren werden, dass die Würde des Menschen, das religiöse Empfinden des Verstorbenen und das sittliche Empfinden der Allgemeinheit nicht verletzt werden und keine Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung zu befürchten sind.

Bistum Erfurt sieht sieht alternative Bestattungsmöglichkeiten kritisch

Das katholische Bistum Erfurt sieht den Wunsch der Bestatter nach mehr Freiheit beim Umgang mit Verstorbenen kritisch. Vor allem das Aufbewahren der Asche als Amulette oder auch Mini-Urnen zuhause werfe Fragen auf, sagte Bistumssprecher Peter Weidemann. Es handle sich, wenn auch in verarbeiteter Form, um sterbliche Überreste von Menschen, die als solche aber nicht erkennbar seien. So sei unklar, ob damit ein würdevoller Umgang mit Verstorbenen garantiert ist.

Eine Mini-Urne
Peter Weidemann, Sprecher des katholischen Bistums Erfurt, hält Mini-Urnen wie diese eher für einen modischen Trend und nicht für einen kulturellen Fortschritt. Bildrechte: MDR/Dian Zetkow

Weidemann stelle sich außerdem die Frage, ob überhaupt ein Abschied vom Verstorbenen möglich ist, wenn er oder sie im Umfeld der Angehörigen dauerpräsent ist und vielleicht sogar am Körper getragen wird. Auch an die nachfolgende Generationen müsse gedacht werden. Wenn diese keine persönliche Beziehung zu dem Verstorbenen gehabt haben, ist offen, was mit dem Gegenstand passiert. Möglicherweise lande er auf dem Müll, so Weidemann.

Kristalle, Amulette oder auch Mini-Urnen für zuhause sind laut Weidemann in den Augen der katholischen Kirche kein kultureller Fortschritt, sondern fallen eher in den Bereich modischer Trends, die morgen schon ganz anders aussehen können.

EKM für mehr Freiheiten im Umgang mit der Asche von Verstorbenen

Anders sieht es dagegen die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM), die sich für mehr Freiheiten im Umgang mit der Asche von Verstorbenen ausspricht. Die EKM-Regionalbischöfin für den Propstsprengel Erfurt, Friederike Spengler sagte, wenn der größte Teil der sterblichen Überreste eines Menschen an einem Ort mit öffentlichem Zugang beigesetzt werde, spreche nichts dagegen, aus persönlichen Gründen ein kleiner Teil der Asche zu entnehmen.

Der Wunsch nach einem Trauer-Ort in direkter Nähe sei nachvollziehbar, zumal viele Trauernden weit weg von den Gräbern ihrer Verstorbenen lebten, so Spengler. Niemand dürfe vorschreiben, wie und wo zu trauern sei. Ein Toter dürfe aber nicht privatisiert werden, sagt die Pröpstin. Die evangelische Kirche halte Friedhofspflicht daher für ein hohes Gut.

Moderne Trauerkultur bisher kein Thema in der Politik

Bei der Politik ist die Debatte um eine modernere Bestattungskultur noch nicht angekommen. Es käme immer wieder vor, dass Gesetze nach Jahren nochmal angefasst werden, um zu schauen, ob sie noch der Gesellschaft entsprechen, sagt Madeleine Henfling, innenpolitische Sprecherin der Grünen in Thüringen.

Madeleine Henfling, innenpolitische Sprecherin der Grünen
Madeleine Henfling, innenpolitische Sprecherin der Grünen Bildrechte: MDR/Dian Zetkow

Henfling ist der Meinung, dass es durchaus noch Möglichkeiten zur Liberalisierung im Bestattungsgesetz, auch in der Frage der Friedhofspflicht, gibt. Sie schränkt jedoch ein: "Das ist eine schwierige Diskussion, weil es da doch sehr unterschiedliche Ansichten gibt, was Bestattungen und Beerdigungen angeht."

Dennoch würde sich der Vorsitzende des Thüringer Bestatterverbands, Gerd Rothaug, genau diese Diskussionen wünschen, um auf die persönlichen Wünsche der Menschen einzugehen und die moderne Art der Trauerkultur gesetzlich zu verankern.

Ich denke, nicht das Gesetz, nicht die Regierung, nicht die Menschen allgemein, sondern der Trauernde selbst muss für sich entscheiden, wie er Trauerbewältigung umsetzt, was er dazu braucht. Und dies sollte man ihm, soweit es irgendwie möglich ist, zubilligen.

Gerd Rothaug, Landesinnungsmeister der Thüringer Bestatter

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10. Mai 2022 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

astrodon vor 1 Wochen

Hauptsache scheint zu sein, mal wieder den Hass auf eine bestimmte politische Richtung rauslassen zu können.
Warum muss ich mir als Hinterbliebener (und ggf. auch als Verstorbener) Vorschriften machen lassen, wie mit Tod und sterblichen Überresten umzugehen ist ? Viele der Vorschriften scheinen nur dem Umsatzstreben der Bestattungsbranche und der Friedhofsbetreiber zu dienen. Nach dem leten Willen, der Trauer der Hinterbliebenen und den Unterschieden in der Verlustbewältigung fragt da kein Gesetzgeber.

augu vor 1 Wochen

Bei der Art der Bestattung sollten die nächsten Angehörigen sehr wenig in ihrer Wahl durch Vorgaben eingeschränkt werden und so weitgehend die Wünsche des Verstorbenen bzw. ihre eigenen Vorstellungen umsetzen können. Althergebrachte Traditionen, Mehrheitsansichten in der Gesellschaft oder die Ansicht der Kirche, die Jahrhunderte lang hier zuständig war, sollten heute nicht mehr zwingend für alle gelten. Ethik- und Moralvorschriften können sich ändern, bei Sexualität und Partnerwahl heute keine Frage mehr, bei den Umgang mit Verstorbenen wird aber streng auf Einhalt bestehender alter Regeln gedrungen.

RnnD vor 2 Wochen

Wenn man wirklich denkt, dass es nicht noch d……. geht, dann lohnt es sich doch wieder einmal, einer Grünen-Politikerin bei diesem Thema gespannt zu lauschen. Bei dieser Partei ist eben alles möglich, wenn sonst schon alle Regeln und Normen abgeschafft werden, warum dann auch beim Tod eines Menschen aufhören.

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