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Braumeister Martin Kullik betreibt mit dem "Brauhaus Weimar" seine eigene kleine Brauerei. Bildrechte: MDR/Christian Franke

WirtschaftBier aus Thüringen wird teurer - keine akute Flaschenknappheit

von Christian Franke, MDR THÜRINGEN

Stand: 26. Mai 2022, 16:00 Uhr

In Thüringen muss man sich vorerst keine Sorgen machen, dass die Bierflaschen ausgehen. Für die Brauereien und Glashersteller bleibt die Lage dennoch angespannt. Und das nicht nur, weil an allen Ecken und Enden die Kosten steigen und sie die Preise anheben müssen. Wir haben mit ihnen über die aktuelle Situation gesprochen.

Etwa zehn bis zwölf Umläufe schafft eine Bierflasche - mal mehr, mal weniger. Heißt, sie wird gekauft, ausgetrunken und landet als Leergut wieder in einer Brauerei, in der sie aufbereitet und neu befüllt wird. Ist ihr Lebenszyklus am Ende, muss Ersatz her.

Doch das mit der Beschaffung von Neuglas ist aktuell eine kompliziertere Angelegenheit als üblich. Die Gründe dafür sind vielfältig. Droht in Thüringen gar eine Bierflaschenknappheit? Wir fragen die, die es wissen müssen: Thüringer Brauereien.

Bierflaschenknappheit im Sommer keine Seltenheit

Zu Gast sind wir zunächst in einer Mikro-Brauerei in Weimar. Martin Kullik ist gelernter Braumeister, aber hauptberuflich nicht mehr in Branche tätig. Vor rund drei Jahren hat er sich mit dem Brauhaus Weimar den Traum einer eigenen kleinen Brauerei erfüllt. "Jeder Brauer träumt von seiner eigenen kleinen Brauerei. Ich hab's dann umgesetzt", erzählt er.

Wenn jetzt plötzlich die Energiezufuhr wegbricht, dann weiß man auch nicht, ob überhaupt noch produziert wird.

Martin Kullik | Braumeister aus Weimar

Kullik verkauft sein eigenes Bier - an der Haustür und in zwei Weimarer Läden. Zudem organisiert er seit kurzem Bierverkostungen an der örtlichen Volkshochschule. Rund 22 Hektoliter Bier hat er im vergangenen Jahr produziert. Das entspricht etwa 6.500 bis 7.000 Flaschen. "Ein Brauer lacht, wenn er das hört. Aber ich habe auch nur eine ganz kleine Anlage und das läuft nebenbei", erklärt der Familienvater.

Auf die Bierflaschenknappheit angesprochen, reagiert Kullik gelassen. "Die Bierflaschenknappheit ist ja jedes Jahr im Sommer immer das aktuelle Thema. Die Brauereien schreien nach Leergut. Das heißt die Menschen horten zu Hause, die kaufen einmal viel und dann bringen sie das Leergut nicht mehr zurück", erklärt Kullik. Dieses Leergut sei dann erst einmal "gebunden" und komme erst verspätet wieder in den Flaschenkreislauf.

Die Bierflaschenknappheit ist ja jedes Jahr im Sommer immer das aktuelle Thema.

Martin Kullik | Braumeister aus Weimar

Zu diesem Sommer-Phänomen kommen in diesem Jahr aber noch andere Faktoren. Die Energiepreise sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen, unter anderem durch Inflation und den Krieg in der Ukraine. Somit ist auch die Neuglasproduktion, für die beispielsweise viel Erdgas benötigt wird, wesentlich teurer geworden. "Wenn jetzt plötzlich die Energiezufuhr wegbricht, dann weiß man auch nicht, ob überhaupt noch produziert wird", sagt Kullik. Das könnte für die Brauereien unter Umständen einen hohen finanziellen Schaden bedeuten.

Preisexplosion nicht nur beim Glas

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Carsten Schütz, Geschäftsführer der Vereinsbrauerei Apolda. Das 1887 gegründeten Unternehmen spielt in einer anderen Größenordnung. Hier laufen im Jahr rund 70.000 Hektoliter Flaschenbier vom Band, was etwa 14 Millionen Flaschen entspricht. Auch in der Apoldaer Vereinsbrauerei gibt es im Moment keine akute Flaschenknappheit. Die Auswirkungen der internationalen Lage sind trotzdem zu spüren: "Wir haben uns zum Glück Anfang des Jahres einen Vorrat an Flaschen angeschafft, bevor der Krieg begonnen hat", sagt Schütz. Heute hätte er für die angeschafften Reserven noch mehr bezahlt.

Etwa acht Millionen Liter Bier produziert Apoldaer im Jahr - sieben Millionen davon sind Flaschenbier. Bildrechte: IMAGO / Manfred Segerer

Aber nicht nur das Glas sei teurer geworden, sagt Schütz. Überall habe es Preissteigerungen gegeben - nicht nur bei Strom, Gas oder dem Diesel für die Lieferfahrzeuge. Auch das Malz sei beispielsweise fast doppelt so teuer als üblich. "Preissteigerungen gibt es überall. Bei der Verpackung, den Kronkorken, dem Reinigungsmittel und dem Papier für die Etiketten", führt Schütz aus. Das geht natürlich auch nicht an den Kunden vorbei: "Einen Euro pro Kasten haben wir den Preis schon angehoben auf 14 Euro, aber das ist inzwischen eigentlich schon wieder zu wenig. Theoretisch wäre eine zweite Preiseerhöhung notwendig." Praktisch sei das aber immer schwierig. Schließlich gibt es genügend Konkurrenz.

Reliefflaschen verlangsamen Rücklauf

Ein ganz anderer Punkt ist der Einsatz von sogenannten Reliefflaschen. Also Bierflaschen, auf denen beispielsweise der Name der Brauerei vermerkt ist. Landen diese Flaschen bei der falschen Brauerei, können sie vorerst nicht verwendet und müssen aussortiert werden, entweder durch die Brauereien selbst oder durch externe Firmen. Auch das verlangsamt den Rücklauf des Leerguts, das teilweise mehrere Hundert Kilometer durchs Land gefahren werden muss, um bei der richtigen Brauerei anzukommen.

Anderer Brauereien setzen hingegen auf sogenannte Normflaschen, also auf Mehrweg-Pool-Flaschen. Die Brauerei Oettinger gibt zum Beispiel an, dass sie diese Flaschen benutzen, weil sie eben nicht nur von einer, sondern von ganz vielen Brauereien verwendet werden können. So seien sie schneller wieder im Mehrwegkreislauf.

Wir teilen die allgemeine Besorgnis in der Branche und rechnen im Sommer mit einer drastischen Verknappung.

Peter Böck | Geschäftsführer im Vertrieb & Marketing Oettinger

Mit einer akuten Bierflaschenknappheit sieht man sich auch bei Oettinger noch nicht konfrontiert. Aber: "Wir teilen die allgemeine Besorgnis in der Branche und rechnen im Sommer mit einer drastischen Verknappung – insbesondere, wenn manche Hersteller aufgrund steigender Rohstoff- und Energiepreise weniger Neuglas zukaufen würden", schreibt Peter Böck von der Brauerei Oettinger. Das bedeute auch weniger Neuflaschen im Mehrweg-Pool, die den regulären Ausschuss hinreichend ersetzen könnten.

Glashersteller: Nachfrage übersteigt Angebot

Viele Brauereien in Thüringen haben eine Sache gemeinsam: Sie beziehen ihr Glas nach eigenen Angaben aus Schleusingen im Landkreis Hildburghausen. Dort befindet sich ein Standort von Wiegand-Glas. Etwa 3,5 Millionen Glasbehälter werden dort nach Unternehmensangaben täglich hergestellt. Gibt es hier eine Knappheit? Mit Blick auf seinen Betrieb kommt Geschäftsführer Nikolaus Wiegand zu der Einschätzung: "Ich würde sagen, es gibt einen Mangel. Wir produzieren bereits mehr als im vergangenen Jahr. Wir können nicht noch mehr produzieren, aber wir könnten mehr verkaufen. Unsere Bestände sinken", erklärt Wiegand. Erst im März ist eine neue Schmelzwanne in Betrieb genommen worden.

Die neue Glaswanne von Wiegand-Glas in Schleusingen. Bildrechte: MDR/Lisa Wudy

Einen wesentlichen Grund dafür sieht Wiegand in der internationalen Lage: "Viel Glas kam auch aus Russland und der Ukraine. Dort war es günstiger als in Westeuropa. Mit den Sanktionen und dem Krieg fallen nun etwa eine Million Tonnen Glas pro Jahr weg." Auch das sei ein Faktor für die gestiegene Neuglaspreise.

Mit den Sanktionen und dem Krieg fallen nun etwa eine Million Tonnen Glas pro Jahr weg.

Nikolaus Wiegand | Geschäftsführer Wiegand-Glas Schleusingen

Zwar sei es normal, dass sich in der Produktion die Preise für einzelne Komponenten ändern. Aktuell ziehe sich der Anstieg aber durch alle Kostenbestandteile. Die Glasherstellung sei gegenüber dem Vorjahr um 30 bis 40 Prozent teurer geworden. "Wichtig ist, dass wir weiterhin über die notwendigen Mengen an Gas verfügen. Sonst können wir nicht produzieren", sagt Wiegand.

Kunden können bei Entspannung der Lage helfen

Auch wenn es aktuell keine Bierflaschenknappheit in den Brauereien gibt, lässt sich die Lage als angespannt bezeichnen. Auch, weil der Ukraine-Krieg und die damit verbundenen Sanktionen Produktions- und Lieferketten ins Wackeln bringen.

Daher bitten wir alle Verbraucher, zeitnah ihr Leergut zu den Verkaufsstellen zurückzubringen.

Uwe Helmsdorf | Köstritzer Schwarzbierbrauerei

Nach Angaben einiger Brauereien können aber auch die Kunden mithelfen, die Lage zu entspannen. So etwa Oettinger: "Wir appellieren immer wieder an die Verbraucher, die Kästen bei der Rückgabe möglichst nicht mit verschiedenen Flaschentypen zu durchmischen", schreibt das Unternehmen. Und auch der Geschäftsführer der Köstritzer Schwarzbierbrauerei, Uwe Helmsdorf, richtet sich an die Kunden: "Eine Knappheit von Bierflaschen würde natürlich auch unsere Lieferketten beeinflussen. Daher bitten wir alle Verbraucher, zeitnah ihr Leergut zu den Verkaufsstellen zurückzubringen."

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MDR (cfr)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 26. Mai 2022 | 13:00 Uhr

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