Der Redakteur | 07.06.2022 Brauchen Thüringer Kinder Bratwurst zum Großwerden?

Bei Facebook ist über Pfingsten die Milch übergekocht. Der Grund ist eine Bratwurst-Belohnungsaktion in Thüringer Kindergärten. Doch ist das der richtige Ort? Und was bedeutet gesunde und ausgewogene Ernährung für die Kleinen? Thomas Becker hat nachgehakt.

Thüringer Rostbratwürste werden auf einem Holzkohlegrill gewendet
Thüringer Rostbratwürste vom Holzkohlegrill - ist das bald Standard in Thüringer Kindergärten und Schulen? Bildrechte: dpa

Nicht alles sollte so heiß gegessen werden, wie es auf Facebook hochkocht. Wenn es zu einem Kinderfest einmal Bratwurst gibt, dann geht davon nicht die Welt unter. Eis ist schließlich auch nicht gesund, Kuchen ist es auch nicht, es folgen Gummibärchen, Lollis, Ketchup, Fernsehen und Computerspiele. Macht ein Komplettverbot möglicher Sünden ein Kind wirklich glücklich?

Bratwurstaktion in Thüringer Kindergärten Seit dem 1. Juni läuft eine landesweite Aktion für die Thüringer Bratwurst. Wie Vereinschef Uwe Keith von den Bratwurstfreunden MDR THÜRINGEN sagte, wird bis Mitte Juli in 22 Städten je eine Kita einen Tag mit Bratwürsten versorgt. Die "Bratwurst on Tour" sei auch ein Dankeschön an Kinder und Erzieher für ihre Geduld während der Pandemie. Die Aktion wird von Thüringer Fleischern, vom 1. Deutschen Bratwurstmuseum in Mühlhausen und dem Verein "Freunde der Thüringer Bratwurst e.V." in Holzhausen bei Arnstadt unterstützt.

Unter einem Post auf unserem Facebook-Kanal (@MDRThueringen) hatte sich dazu über das Pfingst-Wochenende eine rege Diskussion entbrannt.

Ernährungswissenschaftler Prof. Stefan Lorkowski rät dazu, für alles ein gesundes Maß zu finden und bittet um mehr Vertrauen in seiner Zunft. Er und seine Wissenschaftlerkollegen kümmern sich gerade in mehreren Fachgremien und Projekten darum, in Thüringer Kindergärten und Schulen ausgewogene, gesunde und leckere Mahlzeiten auf die Tische zu bekommen.

Wir fahren heute als Ernährungsexperten längst nicht mehr die Linie, alles zu verbieten, sondern weisen darauf hin, dass man bestimmte Sachen nicht so oft essen sollte und nicht in so großen Mengen.

Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler Uni Jena

Fleisch in Maßen

Als Einzelaktion und Grill- und Kulturgut sei auch die Bratwurst im Kindergarten völlig in Ordnung, ansonsten gibt es aber bei der Ernährungssituation in den Thüringer Kindertagesstätten größeren Handlungsbedarf. Wie auch im Rest des mitteldeutschen Landes wird zu viel Fleisch gegessen. Bedeutet: Ihren Fleischbedarf decken die Kleinen gewöhnlich schon zu Hause. Von daher sollte sich das tägliche Angebot in Kindergarten und Schule diesbezüglich zurückhalten.

Ein Junge schaut erstaunt auf eine Wurst. 21 min
Bildrechte: imago/MITO
21 min

zum Anhören: Stefan Lorkowski vom Institut für Ernährungswissenschaft

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 07.06.2022 16:10Uhr 20:49 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-experte-ernaehrung-bratwurst-kinder-100.html

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Einmal pro Woche würde reichen, sagt Prof. Lorkowski und selbst wenn es am Ende ein Hackeklops wird, auch den kann man noch ausgewogener gestalten - zum Beispiel mit geraspelten Möhren als ergänzenden "Zuschlagstoff". Auch sonst ist ein bisschen mehr Phantasie gefragt. Man muss nämlich den Kindern nicht alles vom Teller nehmen, was sie lieben.

Natürlich stehen die Nudeln mit Tomatensoße ganz oben auf der "Lecker-Liste", es spricht aber nichts dagegen, diese Tomatensoße mit verschiedenen Gemüsesorten in pürierter Form anzureichern. Auch der nicht sehr geliebte Brokkoli oder die Linsen können püriert als Cremesuppe serviert werden und sind dann plötzlich lecker.

Tomatensauce
Klassische Gerichte kann man Zuhause leicht abwandeln. Bildrechte: Colourbox.de

Alles Bio oder was?

Schlagworte wie "Bio" und "vegan" erzeugen mitunter ein gewisses Reizklima, weil hier oft Weltanschauungen aufeinanderprallen. Dabei ist nicht alles, was vegan ist, auch automatisch gesund. Auch das Biosiegel ist kein Kriterium für Nachhaltigkeit. Bioprodukte aus Südamerika machen unter Umständen schon wegen des langen Transportweges das wieder kaputt, was durch den gut gemeinten Anbau geschaffen wurde.

Oder nicht einmal das. Die beliebte Fleischersatzfrucht Avocado zum Beispiel wächst unter anderem in Mexiko, Peru, der Dominikanischen Republik, Chile oder Kolumbien. Ihr Wasserbedarf ist enorm, viel größer beispielsweise als bei Tomaten. Das führt dazu, dass nicht nur die Avocado-Bauern in Chile buchstäblich auf dem Trockenen sitzen, wie die Kollegen des ARD-Weltspiegels schon 2018 eindrücklich gezeigt haben. Und auch der BUND hat sich bereits mit den Schwächen des Trends beschäftigt.

Regal mit diversen Bioprodukten
Bei Bioprodukten sollte auf Regionalität geachtet werden. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Nun ist natürlich auch der Wasser- und Futterverbrauch für tierische Produkte ein Thema für sich. Aber wir dürfen nicht so tun, als würden wir mit kollektiver Umstellung auf vegan die Welt retten. Erstens dürfen unsere Fleischersatzprodukte nicht auf Kosten der fernen Herkunftsregionen produziert werden und zweitens darf eine laienhafte Ernährungsumstellung nicht auf Kosten derer gehen, die sich gar nicht wehren können. Und da sind wir wieder im Kindergarten.

Vegane Ernährung wird bei Kindern nicht empfohlen, weil essentielle Nährstoffe fehlen.

Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler Uni Jena

Gerade für die Entwicklung müssten wichtige Nährstoffe wie B12, andere B-Vitamine, Folsäure, Zink oder Aminosäuren sehr gezielt zugeführt werden, wenn komplett auf tierische Produkte verzichtet wird. Das erfordert Aufwand und Wissen. Auch sind wir da schnell bei Nahrungsergänzungsmitteln. Hinzu kommt, dass die Datenlage bei vegan ernährten Kindern noch sehr dünn ist.

Bislang gibt es keine aktuellen Daten zum Ernährungs- und Gesundheitsstatus von sich vegetarisch bzw. vegan ernährenden Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Vegan ist auf der Glastür eines Kühlregals in einem Biosupermarkt zu lesen
Vegan heißt nicht gleich gesund. Bildrechte: dpa

Auch deshalb gibt es weiterhin keine Empfehlung der DGE für eine vegane Ernährung bei Kindern, die ja ausgewogen ernährt werden sollen. Und dazu können vegane Produkte nicht zwingend einen Beitrag leisten. Was zum Beispiel als Analogkäse auf der Pizza schon einmal verschrien war, wird in der veganen Küche weiter verwendet. Dieser "Käse" ist aber ungesünder als richtiger Käse, sagt Prof. Lorkowski, weil er viele gesättigte Fettsäuren enthält und ihm andere wichtige Dinge, die wir brauchen, fehlen.

Wer gezielt nach solchen veganen Lebensmitteln greift, muss sich auch klar machen, dass es hochverarbeitete Lebensmittel sind und dass das nicht gleichbedeutend ist mit, sich gesünder zu ernähren.

Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler Uni Jena

Und hochverarbeitet ist auch unsere Bratwurst. Diese nun durch eine vegane zu ersetzen, ist vielleicht für das Schwein gesünder - aber ob sie nachhaltiger ist, das entscheiden letztlich die verwendeten Ausgangsstoffe.


Was gibt es denn nun künftig für die Kleinen?

Aktuell laufen kostenlose Online-Tagungen, die sich unter anderem an die Kindergarten-Leitungen und die Träger richten und auch die Küchen sind mit im Boot. Am Ende sollen Menü-Empfehlungen stehen, die in der Summe eine ausgewogene und leckere Ernährung ergeben.

In Thüringen haben die Nudeln oft schon ein paar Kilometer hinter sich, wenn sie dann auf dem Teller landen, es geht also auch darum, so zu kochen, dass da kein Klumpen entsteht. Es gibt Caterer, die das schon sehr gut beherrschen, sagt Prof. Lorkowski, dieses Wissen soll auch an andere weitergegeben werden, auch wenn es leider oft am Geld scheitert, wenn Eltern letztlich nicht bereit sind, ein paar Cent mehr für das gesunde Essen auszugeben.

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MDR (tk)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. Juni 2022 | 16:40 Uhr

21 Kommentare

DermbacherIn vor 17 Wochen

Eigentlich sollte mittlerweile Jede wissen, dass der Konsum von tierischen Produkten maßgeblich zur Steigerung der Treibhausgasemissionen und auch zur Entwaldung weltweit beiträgt, darüber wird doch fast täglich berichtet, Bratwurst anzubieten ist deswegen schlecht für die Umwelt und dem Klima.
Die Fleischbranche hat natürlich ein großes Interesse daran, die nächste Generation zu Fleischesser zu konditionieren, damit auch weiter mit tierischen Produkten Profit gemacht werden kann, die eigentlich schädlich sind, Belohnungen sollten auf gar keinen Fall schädlich für die Umwelt sein.

DermbacherIn vor 17 Wochen

Und gerade Kindern sollte man beibringen, wie schädlich Fleisch für die Umwelt ist, mir wurde es leider nicht als Kind beigebracht, und dass finde ich überhaupt nicht gut, mir wurde nicht mitgeteilt, dass ganze Regenwälder für den Fleischkonsum zerstört werden,
mir wurde auch nicht mitgeteilt, wie grauenvoll der gesetzliche Standard in der Tierindustrie ist.
Als ich davon erfahren habe, konnte ich aus Mitgefühl keine tierischen Produkte mehr essen und ich war wütend, dass ich belogen wurde, dass alles in Ordnung wäre.
Kinder sollten nicht benutzt werden. Die Eltern tragen die Verantwortung, was gut ist und was schädlich.
Und Fleischkonsum ist definitiv schädlich für die Umwelt, vom Tierleid mal ganz abgesehen.

Sozialberuflerin vor 17 Wochen

Sorry liebes MDR-Team!
Es wird beim Ausgangsthema darüber diskutiert, ob Thüringer Bratwurst in Kitas "sein muss"!
Ich finde ich bin sehr wohl im Ausgangethema, wenn ich der "ungesunden" Bratwurst all die anderen, täglichen verzehren Speisen gegenüberstelle und hintefrage : "warum genau, dass niemanden stört und man die, selten gereichte Bratwurst, verteufelt?"

Gehört eine Untersuchung der Fakten von mehreren Seiten nicht zu einer sachlichen Diskussion?



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