Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr "Es war ein würdiger Abschluss" - Thüringer beim Zapfenstreich in Berlin dabei

Porträt Autor Dirk Reinhardt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Am 13. Oktober haben Bundestag und Bundesregierung die 93.000 Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr gewürdigt, die in den vergangenen 20 Jahren im Afghanistan-Einsatz gedient haben. Ursprünglich sollte die Ehrung schon Ende August stattfinden, war aber wegen der dramatischen Rettungsaktion von Ortskräften aus Afghanistan nach dem Siegeszug der Taliban verschoben worden. Bei der Ehrung in Berlin war auch ein vor elf Jahren schwer verwundeter Soldat aus Thüringen dabei.

Mittwochabend in Berlin: Vor dem Reichstag marschiert das Wachbataillon der Bundeswehr zum Großen Zapfenstreich auf. Marschmusik ertönt, Fackelträger beleuchten die Szenerie. Gegenüber dem Parlamentsgebäude steht ein große Tribüne, auf der hunderte Gäste des militärischen Zeremoniells Platz genommen haben. In der ersten Reihe: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU).

Ehrung für 93.000 Teilnehmer des Afghanistan-Einsatzes

Mit dem Großen Zapfenstreich ehren Bundestag und Bundesregierung die rund 93.000 Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr, die im Afghanistan-Einsatz gedient haben. Der hatte 2001 begonnen und im Sommer dieses Jahres geendet - mit einer dramatischen Rettungsaktion der Bundeswehr, bei der mehrere Tausend Afghanen aus dem Land evakutiert worden sind. Vor allem Männer, die in den vergangenen Jahren als Ortskräfte für die Bundeswehr gearbeitet haben und nach dem Siegeszug der islamistischen Taliban in Afghanistan um ihr Leben und das ihrer Familien fürchten. Sie und ihre Familien wurden vor Racheakten der Taliban in Sicherheit gebracht.

In der ersten Reihe der Besuchertribüne vor dem Reichtstag in Berlin sitzt - einige Meter links von Schäuble und Kramp-Karrenbauer, ein Soldat in einem Rollstuhl. Er trägt die Paradeuniform des Heeres, auf dem Kopf das rote Barett der Pioniertruppe der Bundeswehr. Es ist Sven Hornig aus Peuschen im Saale-Orla-Kreis. Der Hauptfeldwebel schaut aufmerksam auf das Geschehen vor ihm, wo das Wachbataillon inzwischen Paradeaufstellung genommen hat und ein Musikkorps der Bundeswehr Märsche spielt.

Bundeswehr-Soldat und Afghanistan-Veteran Sven Hornig beim Großen Zapfenstreich in Berlin am 13. Oktober 2021
Sven Hornig beim Großen Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude Bildrechte: MDR/Sebastian Reschke

"Ein schöner Abschluss"

Der Zapfenstreich ist Abschluss einer Reihe von Veranstaltungen in Berlin an diesem Tag, mit denen die Soldaten und Soldatinnen des Afghanistan-Einsatzes gewürdigt werden. Unter anderem wird mit einer Kranzniederlegung am Ehrenmal der Bundeswehr am Bendlerblock der 59 beim Einsatz ums Leben Gekommenen gedacht. 37 von ihnen waren bei Kampfhandlungen und Anschlägen ums Leben gekommen. Viele weitere Bundeswehr-Angehörige sind wie Sven Hornig aus Thüringen verletzt worden - an Körper und Seele.

Es sei ein sehr schöner Abschluss gewesen, sagt Hornig nach dem Zapfenstreich im Gespräch mit MDR THÜRINGEN. Der Hauptfeldwebel leidet bis heute unter den Folgen seiner Verletzungen, die er am 15. April 2010 bei einem Angriff der Taliban auf eine Bundeswehr-Patrouille an der Dutch-Bridge bei Baghlan im Norden Afghanistans erlitten hatte. Ein in der Erde vergrabener und wohl fernzgezündeter Sprengsatz hatte das gepanzerte Fahrzeug vom Typ "Eagle", in dem der Kampfmittelräumer Hornig saß, völlig zerstört. Drei deutsche Soldaten starben, fünf wurden verletzt. Hornig erlitt ein schweres Schädel-Hirntrauma und mehrere Knochenbrüche.

Mühsames Ringen um die Erinnerung

Die Jahre nach dem Anschlag verbrachte Hornig vor allem in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen. Und mit der Frage, was genau an jenem 15. April 2010 geschah, bei dem Anschlag und dem folgenden Gefecht, an das Hornig keine Erinnerung mehr hat. Die Bundeswehr habe zugesagt, ihm nach zehn Jahren einen offiziellen Bericht dazu zukommen zu lassen, erzählt Hornig. Doch den habe er bis heute nicht erhalten. Und so ist er auf Berichte anderer Soldaten angewiesen, die an jenem Tag dabei waren.

"Ich habe heute etwas mehr erfahren", erzählt Hornig nach dem Zapfenstreich in Berlin. Die Taliban hätten sich wohl damals gezielt den "Eagle" ausgesucht, in dem die Kampfmittelräumer der Bundeswehr saßen. Vermutlich, um genau jene Spezialisten auszuschalten, deren Aufgabe es war, nach Sprengsätzen zu suchen und diese unschädlich zu machen. Und um wohl auch zu testen, wie ein "Eagle" bekämpft werden könnte. "Sie haben den Eagle damals noch nicht gekannt. Es war wohl doch gezielt, um mal zu gucken, wie so ein Auto reagiert, wenn es angesprengt wird."

"Es war schon sehr traurig"

Hornigs Mutter Doris steht neben ihm, als er von seinen neuen Erkenntnissen berichtet. Für sie war der Tag in Berlin "sehr, sehr emotional": "Ich habe auch Hinterbliebene getroffen. Es war schon sehr traurig", sagt sie. Die Gedenkveranstaltungen und Ehrungen wie den Zapfenstreich nennt sie "wirklich sehr würdevoll".

Doris Hornig
Doris Hornig Bildrechte: MDR/Sebastian Reschke

Thüringer Soldaten im Afghanistan-Einsatz

Wie viele Thüringer Soldaten und Soldatinnen im Afghanistan-Einsatz gedient haben, kann die Bundeswehr nicht angeben. Ihre Zahl dürfte aber mehrere Tausend betragen angesichts des langen Zeitraums des Einsatzes von 20 Jahren. Unter den in Afghanistan getöteten Bundeswehr-Soldaten waren mehrere Thüringer. So starb im Jahr 2005 ein aus Nordthüringen stammender Oberfeldwebel, der beim Verladen von sichergestellter Munition als Sicherungssoldat eingesetzt war. Dabei explodierte eine Rakete und riss mehrere Menschen in den Tod. Untersuchungen ergaben später, dass die Rakete manipuliert war, es sich also um einen Anschlag handelte. Im Jahr 2009 starben zwei Hauptgefreite des Panzergrenadierbataillons 391 aus Bad Salzungen bei einem Gefecht mit Taliban in der Nähe von Kunduz.

"Signale, die wir sonst nicht oft hören"

Bernhard Drescher vom Bund Deutscher Einsatzveteranen (BDV) findet ebenfalls Worte der Würdigung. "Es sind Signale, die wir sonst nicht oft hören", sagt er im Gespräch mit dem MDR. Seine Worte richten sich an die politisch Verantwortlichen im Land, die nach Einschätzung des Verbandes im Juli dieses Jahres den Einsatz ziemlich würdelos beendet haben. Scharfe Kritik hatte es aus der Veteranenbewegung und auch aus der Bundeswehr vor allem daran gegeben, dass kein Vertreter der Bundesregierung und des Bundestags die letzten Soldaten des Einsatzes bei ihrer Ankunft in Deutschland begrüßt hatte.

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, Bernhard Drescher
Bernhard Drescher vom BDV Bildrechte: MDR/Sebastian Reschke

Immerhin: Mit den Gedenkveranstaltungen und Ehrungen am Mittwoch hat die Politik wohl alles richtig gemacht, ist am Abend vor dem Reichstag in Gesprächen mit Veteranen zu hören. Der Zapfenstreich dürfe aber kein Schlussstrich unter dem Einsatz sein, sagt Drescher. "Wir hoffen, dass dieser Moment dazu genutzt werden kann, eine seit 30 Jahren in Deutschland fehlende Veteranenkultur zu starten und zu beginnen. Eine Kultur der Betreuung, der Versorgung, der Wertschätzung für alle Veteranen, auch für die außerhalb der Bundeswehr."

Sven Hornig und seine Mutter haben nach dem Zapfenstreich in Berlin noch einen straffen Zeitplan. Für den nächsten Tag ist in Dresden eine Veranstaltung für Afghanistan-Veteranen geplant, zu der sie eingeladen sind. Und einige Tage danach geht es wieder in die Reha-Klinik zur nächsten Behandlung.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 17. Oktober 2021 | 18:00 Uhr

18 Kommentare

Ilse vor 6 Wochen

@mediator

-Korruption ist Ergebnis des US/Nato-geführten Afghanistan-Einsatzes

haben sie vergessen

Im übrigen hätte auch die Sowjetunion, etwas modifiziert, fast alle ihre Punkte übernehmen können, als ihr langjähriger Verbündeter USA, religiös-verrückten Mohadscheddin die Waffen lieferte.

Mediator vor 6 Wochen

@Matthi

Die Definition von "verheizen" ist wohl etwas anders, als dass eine Armee in einem zwanzigjährigen Einsatz 59 Tote zu beklagen hat.

Nur zur Erinnerung... diese Zahl entspricht ungefähr der Zahl an Bundeswehrsoldaten, die in zwei Jahren Selbstmord begehen.
Wollen sie ernsthaft diskutieren, oder nur polemisieren?

Ansonsten hätten sie besser hinschauen sollen, wem zu Ehren der Große Zapfenstreich abgehalten wurde. Ich habe dort zwei Afghanistanveteranen, stellvertretend für alle Soldaten in diesem Einsatz, auf dem Podest gesehen.

Mediator vor 6 Wochen

@knarf2
Ein bisschen verkürzt ist ihre "Analyse" wohl doch um nicht zu sagen primitiv!

Deutschland hatte sehr viel in Afghanistan verloren, denn wir waren nicht wegen nationaler Egoismen, sondern gut begründet dort.

- der Bündnisfall nach Art 5. des NATO Vertrags war aktiviert, nachdem unsere langjährigen Verbündeten die USA von dort angegriffen wurden

- es wurde ein brutales steinzeitliches Regime beseitigt, dass die Menschen in Afghanistan knechtete

- wir haben dort für 20 Jahre sichergestellt, dass in Afghanistan humanitäre Hilfe möglich war, dass man dort Freiheiten wieder leben konnte, die seit der Machtergreifung der Taliban unmöglich waren

- wir haben einer ganzen Generation Bildung und einen Neuanfang ermöglicht

- wir haben dort unseren Verbündeten zur Seite gestanden

Der Ausgang des Einsatzes hätte sicher besser sein können, aber das gilt auch für die Wiedervereinigung. Heute sind Rechtsextremisten in Ostdeutschland oft tonangebend.. das wusste 1991 auch keiner.

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