Umfrage Viele Thüringer kritisieren Umgang mit ehrenamtlicher Arbeit

Ob als Bürgermeister, in der Feuerwehr oder in der Pflege: Ehrenamtliche leisten häufig Arbeit, die klassischerweise in den Aufgabenbereich des Staates fällt. Laut einer aktuellen Umfrage sehen das viele kritisch.

Ein Schrank mit Jacken und Helmen der Freiwilligen Feuerwehr
Nicht mehr wegzudenken: Die Arbeit der Freiwilligen in der Feuerwehr. Bildrechte: dpa

Viele Thüringer kritisieren, dass immer mehr zentrale staatliche Aufgaben von Ehrenamtlern ausgeübt werden. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den MDR.

Ehrenamtliche sind häufig in der Kommunalpolitik aktiv oder leisten Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr. Aber auch im sozialstaatlichen Bereich sind sie oft anzutreffen - etwa in der Nachbarschaftshilfe oder der Pflege.

Fast 60 Prozent der Befragten in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sehen bei diesen Aufgaben den Staat in der Pflicht. Ein Drittel spricht sich sogar eindeutig dagegen aus, dass hier Ehrenamtliche einspringen. Nur rund 25 Prozent sind der Meinung, dass Ehrenamtliche auch klassische staatliche Aufgaben übernehmen sollten.

Zur Umfrage

Die genaue Umfrage lautete: "Wie finden Sie es, wenn Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich der Staat gewährleisten sollte (Feuerwehr, Kommunalpolitik, Pflege)?" Das Meinungsforschungsinstitut Civey berücksichtigte für das Gesamtergebnis die Antworten von 2.516 Befragten ab 18 Jahren aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Der statistische Fehler lag bei 2,7 Prozent. Damit ist die maximale Abweichung der Ergebnisse, die man mithilfe der Stichprobe erzielt hat, von den realen Werten in der Grundgesamtheit gemeint. Der Befragungszeitraum war vom 02.09.2020 bis zum 13.09.2020.

Kritik aus der Wissenschaft

Die Soziologin Tine Haubner von der Friedrich Schiller-Universität Jena sieht die Entwicklung kritisch. Der Staat wälze Verantwortung auf überdurchschnittlich engagierte Menschen ab, sagte sie MDR THÜRINGEN. Damit sei weder den Betroffenen geholfen, noch dem Ehrenamt an sich.

Mit Blick auf die Umfrage sagt sie: "Dieses Ergebnis überrascht mich mit Blick auf meine eigene Forschung nicht. Viele Engagierte wollen nicht ausgenutzt werden und das sollte auch politisch ernst genommen werden." Sie glaubt aber, dass künftig noch mehr solcher Aufgaben von Freiwilligen getragen werden.

Debatte über Ehrenamt in der Verfassung

In der Thüringer Politik gibt es gegenwärtig Bestrebungen, das Ehrenamt in der Landesverfassung zu verankern. Die Politik, aber auch Thüringer Vereine und Organisationen begrüßen diesen Schritt mehrheitlich, weil dadurch die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements aufgewertet werde. Der Vizepräsident des Kulturrats, Gideon Haut, warnte aber davor, dass so noch mehr Ehrenamtler als bislang Aufgaben von hauptamtlichen Mitarbeitern übernehmen müssten.

TV-Tipp: Um das Thema Ehrenamt geht es am Montag in unserem Bürgertalk Fakt Ist! aus Erfurt um 20:15 Uhr im MDR FERNSEHEN. Unsere Moderatoren Andreas Menzel und Lars Sänger diskutieren mit der zuständigen Ministerin Heike Werner (Linke), Soziologin Tine Haubner von der Uni Jena, Sozialforscher Thomas Gensicke und weiteren Gästen im Publikum.

Quelle: MDR THÜRINGEN/sar

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt Ist! aus Erfurt | 14. September 2020 | 19:00 Uhr

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