Pandemie Coronavirus im Abwasser nachweisen: Land fördert Forschungsprojekt

In Kläranlagen stecken wichtige Informationen: Im Abwasser finden sich messbare Rückstände von Viren und Bakterien - auch vom Coronavirus. Wie die Analysen von Wasserproben noch besser werden können und wie die Gesundheits­ämter mit den Daten umgehen, das soll in den nächsten acht Monaten in einem Forschungsprojekt ermittelt werden. Der Freistaat Thüringen fördert das Projekt mit 430.000 Euro.

Das Coronavirus im Abwasser nachweisen - das ist das Ziel eines Forschungsprojekts, das der Freistaat Thüringen mit insgesamt 430.000 Euro fördert. Der Löwenanteil fließt an die Bauhaus-Universität Weimar, etwa 70.000 Euro gehen an Analytik Jena. In den kommenden acht Monaten wird das Abwasser in Thüringen dabei landesweit auf Coronaviren untersucht.

Im Verbund soll erforscht werden, wie sich das Coronavirus am besten im Abwasser nachweisen lässt, welche Rückschlüsse Gesundheitsämter aus den Daten ziehen können - und wie sich die Erkenntnisse auch auf andere Krankheitserreger übertragen lassen. Hier schlummert auch Potenzial für Unternehmen wie zum Beispiel Laborbetreiber.

Corona-Forschungsprojekt: Material aus Kläranlagen

Am Beginn der Analyse steht erst einmal die Probe: Ehe die ins Labor kommt, muss in einer der 20 am Projekten beteiligten Thüringer Kläranlagen Material gesammelt werden. Eine so genannte 24-Stunden-Mischprobe entspricht dabei dem aktuellen Forschungsstand. Das heißt, über 24 Stunden werden immer wieder kleine Mengen aus dem Abwasserzustrom abgeleitet und in einen Behälter gefüllt. Das geschieht automatisch - aber unter Aufsicht, wie in Jena-Zwätzen in der Kläranlage, wo Abwasser-Techniker Markus Rödel die Probenentnahme überwacht. "Eine von vielen Aufgaben hier", sagt er. Auch andere Kläranlagen haben ähnliche Technik zum Entnehmen von Proben.

Ein Mann vor einer Kläranlage.
Abwassertechniker Markus Rödel nimmt Wasserproben. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

24 Stunden lang wird gesammelt, damit quasi jeder Einwohner in der Probe vorkommt. Ob vielleicht auch nur morgens oder abends in kürzerer Zeit gesammelt werden kann, soll ebenfalls erforscht werden. Anschließend kommen die Proben ins Labor. Das Tagesgeschäft wird die Bauhaus-Universität Weimar in den kommenden acht Monaten übernehmen. Hier werden die Proben mittels Kompressor durch eine Membran gepresst. Was dort hängenbleibt, wird - verkürzt erklärt - angereichert und dann dem PCR-Test unterzogen.

Binnen weniger Stunden soll dann klar sein, ob im Gebiet der Probenentnahme Corona-Infektionen vorliegen. Welchen Rückschluss die Zahl der nachgewiesenen Viren auf die Infektionsrate erlaubt, soll erforscht werden. In den kommenden Monaten soll auch klar werden, was die beteiligten Gesundheitsämter mit den Daten anfangen können.

Schnelle Test-Routine statt Warten auf Symptome

Auf alle Fälle ist die Routine-Analyse des Abwassers deutlich schneller als individuelle Tests, die bei Symptomen durchgeführt werden. "Infektionsherde lassen sich mehrere Tage früher ausmachen", sagt Dr. Robert Möller von Analytik Jena. Und die Probe kann durchaus kleinteiliger entnommen werden - statt für eine ganze Stadt auch nur für einen Straßenzug. Denkbar sind auch Tests von Unternehmen, die mögliche Infektionsherde in ihrer Belegschaft identifizieren wollen. Schlägt der Abwasser-Test an, könnte individuell getestet werden. Das Unternehmen strebt mit dem Forschungsprojekt an, seine Tests weiter zu verbessern - und so als Technik-Lieferant für Analyse-Labors noch interessanter zu werden.

Ein Mann hält eine Kiste.
Dr. Rober Möller von Analytic Jena. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die so gewonnenen Daten sollen im Forschungsprojekt an der Bauhaus-Universität digital aufbereitet werden - und dann etwa den Gesundheitsämtern zur Verfügung gestellt werden. Die Politik erhofft sich bessere Daten für schnellere Entscheidungen: "Und zwar in beide Richtungen. Die Maßnahmen verschärfen oder schneller zurücknehmen zu können, weil sich eine positive Entwicklung abzeichnet", sagte Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bei der Übergabe des Förderbescheids am Mittwoch.

Wenn der Prozess besser erforscht ist, sind andere Krankheiten kein Problem

Zudem ist die Forschung darauf ausgerichtet, dass sie nicht nur für die Corona-Pandemie genutzt werden kann. Auch Nachweise multiresistenter Keime oder anderer Viren ist möglich. "Abwasserbasierte Epidemiologie" heißt das in der Fachsprache und gilt nicht nur an der Bauhaus-Universität als Zukunftsthema. Niemand weiß schließlich, was nach Corona kommt. Auch die EU hat ihren Mitgliedsstaaten geraten, Forschung auf dem Gebiet voranzutreiben. Thüringen sieht sich dabei ganz vorn, wie Tiefensee sagte.

Dank Förderung könne man nun "ganz neue Wege in der Wasser- und Abwasserforschung beschreiten", sagt Professor Silvio Beier, der das Institut für zukunftsweisende Infrastruktursysteme an der Hochschule leitet. Für Analytik Jena und im Nachgang auch für Laborunternehmen bieten sich hier wirtschaftliche Chancen, die weit über Corona hinausreichen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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