Thüringen Kosmetikerin wird Zugbegleiterin: Corona verändert den Arbeitsmarkt

Die Corona-Pandemie verändert den Thüringer Arbeitsmarkt. Über Monate geschlossene Betriebe verlieren Mitarbeiter - manchmal für immer. Für manchen war die Krise offenbar Ansporn, etwas Neues zu probieren. Das könnte den Fachkräftemangel an mancher Stelle noch verstärken. Aus Sicht der Gastronomie etwa, die besonders viele Mitarbeiter verloren hat, helfen nur zügige Öffnungen.

Junge Frau mit Gesichtsmaske im Kosmetiksalon bekommt Kopfmassage.
Weil sie zu den sogenannten körpernahen Dienstleistungen gehören, zählen Kosmetikstudios zu den am stärksten von den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie betroffenen Branchen. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Panthermedia

Ina Böttgers freundliches Lächeln ist auch hinter der Maske zu erkennen. Sie geht durch die Sitzreihen des Zugs der Erfurter Bahn und prüft die Fahrkarten. "Schönen guten Tag, die Fahrausweise bitte", sagt sie immer wieder. An diesem Freitag auf dem Weg von Erfurt nach Saalfeld. Kurz nach 21:30 Uhr rollen drei Waggons erst gen Arnstadt. Dort wird Böttgers Wagen abgekoppelt und fährt in Richtung Saalfeld weiter. Etwa jeder vierte Sitzplatz ist besetzt.

Wäre die Pandemie nicht gewesen, würde Böttger jetzt mutmaßlich einer Kundin in Weida eine Kosmetik-Behandlung angedeihen lassen. Doch Corona kam und das Studio konnte nicht mehr arbeiten. Im Frühjahr 2020 für sechs Wochen, ab dem späten Herbst dann wieder.

"Da war absehbar, dass wir länger schließen müssen. Irgendwann sind die finanziellen Polster aufgebraucht", sagt sie. Ihre Kollegin habe ihr dann erzählt, dass die Erfurter Bahn auf der Suche nach Mitarbeitern sei. Und dann ging es rund um den Jahreswechsel sehr schnell. Vorstellungsgespräch, Quereinsteiger-Kurs über drei Monate.

 Ina Böttger, Zugbegleiterin der Erfurter Bahn
Ina Böttger im Regionalzug der Erfurter Bahn Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Gastronomie, Friseure und Kosmetik-Studios müssen lange schließen

Dass Menschen ihrer bisherigen Branche den Rücken kehren, ist in der Pandemie recht verbreitet. Schaut man in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit, finden sich bereits bis September 2020 deutliche Verschiebungen. In der Körperpflege, zu der Ina Böttgers Kosmetikstudio gezählt wird, geht die Zahl der Mitarbeitenden zurück.

Besonders betroffen ist aber die Gastronomie. Hier ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um fünf Prozent gegenüber September 2019 zurück. Statt 22.790 Mitarbeitern noch 21.700.

Wie sich die weitere Schließung ab November ausgewirkt hat, ist noch unklar, die Daten der Arbeitsagentur laufen nur bis September. Dirk Ellinger, der Chef des Branchenverbands Dehoga Thüringen, ahnt Schlimmes: "Aus der versprochenen kurzzeitigen Schließung wurde mehr als ein halbes Jahr. Wenn ich dann die Zeiten von letztem Jahr März bis Mai noch dazu rechne, haben die Mitarbeiter unserer Branche zehn Monate kein reguläres Einkommen gehabt."

Stattdessen Kurzarbeitergeld. "Da überlegt sich jeder: Komme ich mit dem Geld klar?" Die Branche dränge deshalb zu Öffnungen, um der Abwanderung Herr zu werden. Ohnehin sei die Gastronomie kein Treiber des Infektionsgeschehens, sagt er. Die Ausbildung werde nun ebenfalls zum Problem - es gibt nur wenige Bewerbungen und die Unternehmer seien verunsichert, wie es weitergeht.

Auch andere Branchen verlieren Mitarbeiter. Die Leiharbeit verzeichnet im gleichen Zeitraum sieben Prozent Minus, die Metall- und Elektroindustrie knapp vier Prozent. Auf der anderen Seite gibt es bei Verkehr und Lagerei einen leichten Aufbau von 0,4 Prozent. Auch hier dürfte sich der Trend im Winter verstärkt haben, denn Lieferdienste gehörten zu den Gewinnern der Corona-Pandemie. Das Gesundheitswesen verzeichnet ebenfalls einen Stellenaufbau um 1,1 Prozent auf 66.800. Die Energiewirtschaft gewinnt ebenfalls Mitarbeiter hinzu. Doch nicht alle Veränderungen gehen auf Corona zurück.

"Lobenswert", wenn Menschen nicht auf den Staat warten

Aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft sind die Verschiebungen eine normale Reaktion des Marktes. "Diese Art von Wandel ist schon immer da gewesen", sagt Andreas Freytag, Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Wirtschaftswissenschaftler Prof. Andreas Freytag von der Uni Jena
Prof. Dr. Andreas Freytag, Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Jena Bildrechte: Andreas Freytag

Unternehmen schieden aus, Menschen verlören ihre Arbeitsplätze. "Andere Unternehmen treten in den Markt ein, Menschen finden einen neuen Arbeitsplatz." Die Corona-Krise sei natürlich besonders, weil "auf einmal sehr viele Menschen nichts zu tun hatten wegen der Beschränkungen". Doch es sei lobenswert, wenn Menschen dann nicht mehr auf staatliche Hilfe warteten und selbst aktiv würden, so wie die frühere Kosmetikerin Ina Böttger.

Generell sollten Menschen nach Freytags Meinung weniger auf den Staat bauen, sei es in Gestalt von Kurzarbeitergeld oder Übergangshilfen. Das könne letztlich auch zu Trägheit führen - und das sei nicht erstrebenswert.

Das Kosmetik-Studio indes hat unter der Regie von Ina Böttgers Kollegin inzwischen wieder eröffnet. Böttger selbst hat seit einigen Wochen im Zug viele gute Erfahrungen gemacht. Da helfen 25 Jahre Erfahrung als Dienstleisterin: "Manchmal muss ich eben einfach ordentlich erklären, dass das Gleis noch nicht frei ist und wir nicht einfach springen können", sagt sie mit Blick auf womöglich manchmal angespannte Fahrgäste. "Aber wenn man den Menschen freundlich gegenübertritt und mit einem Lächeln, dann bekommt man auch Verständnis."

Eine Rückkehr ins Kosmetik-Studio ist derzeit keine Option. "Manchmal purzelt einem eben was vor die Füße. Und dann soll es so sein."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 01. Juni 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Sozialberuflerin vor 49 Wochen

Respekt und Lob an die Zugbegleiterin/Kosmetikerin!
Wünsche ihr alles Gute!

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