Bahnverkehr Weniger Fahrgäste seit Corona: Bis zu zwei Drittel weniger nutzen Regionalzüge

Dass heute bis auf wenige Ausnahmen viele Fahrgäste ohne Probleme einen Sitzplatz finden, kannte man früher aus der Bahn nicht. Stattdessen mussten viele Fahrgäste auch außerhalb des Berufsverkehrs stehen - und bei Großereignissen wie den Weihnachtsmärkten mitunter dicht gedrängt. Seit März 2020 aber sind die Fahrgastzahlen stark eingebrochen. Wann sich das wieder ändern könnte - und warum trotzdem die meisten Züge ohne Einschränkungen fahren, dazu beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Regionalbahn steht bei Sonnenuntergang am Bahnhof
Thringer Regionalbahnen sind seit der Corona-Pandemie deutlich weniger ausgelastet. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Markus Wetterauer

Wie viele Menschen nutzen die Bahn in Thüringen?

Rein auf den Regionalverkehr geschaut - also auf Verbindungen wie Gera-Erfurt, Apolda-Weimar oder Leinefelde-Gotha - benutzten ihn im Jahr 2019 etwa 54.000 Menschen am Tag. Das besagt die Statistik aus dem Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft. Hier sind nicht alle Verbindungen erfasst - tatsächlich dürfte die Zahl der Nutzer also noch etwas höher liegen. Aber der Vergleichswert zu den 54.000 Fahrgästen sank im Jahr 2020 coronabedingt auf etwa 39.000 pro Tag. Ein gutes Viertel weniger als im Jahr zuvor. Besonders heftig fiel das Minus im April 2020 aus. Insgesamt fuhren hier zwei Drittel Passagiere weniger, auf manchen Strecken fiel das Minus noch größer aus. Im Dezember, wenn die Züge in normalen Jahren oft von Weihnachtsmarkt-Besuchern verstopft waren, waren es 2020 nur halb so viele Fahrgäste wie ein Jahr zuvor.

Wie haben die Bahn-Unternehmen reagiert?

Die haben begonnen, Hygienemaßnahmen umzusetzen. Die Züge werden öfter gereinigt, es herrscht Maskenpflicht - und man lässt trotz weniger Passagieren die meisten Züge in voller Länge rollen, um das Einhalten von Abstandsregeln zu erleichtern.

Die Kostendeckung der Bahnen nimmt dadurch ab - wer gleicht das aus?

Land und Bund haben als Reaktion ihre Zuschüsse an die Bahn-Unternehmen erhöht. Ohnehin sind die Verbindungen im Regionalverkehr meist nicht kostendeckend. Stattdessen soll die Straße entlastet werden - und die Klimabilanz von Zug-Pendlern ist besser als die von Auto-Pendlern. Deshalb waren die Bahnunternehmen froh über die Steigerungen der Passagierzahlen, die man bis Februar 2020 verbucht hatte. Die Unternehmen hoffen, hier bald wieder anknüpfen zu können.

ICE-T der Deutschen Bahn zwischen Erfurt und Ebensfeld im Thüringer Wald. 35 min
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Fr 08.12.2017 06:10Uhr 34:58 min

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Woher kommt das Minus bei den Passagieren?

Die Vermutung liegt nahe, dass einige Passagiere sich nicht mit einer Maskenpflicht anfreunden können. Tatsächlich ist das Ursachen-Spektrum breit. Bahn-Gewerkschafter Michael Lieske sagt: "Die Leute reisen natürlich auch weniger, weil sie weniger Reiseziele haben." Zwar seien Masken nervig, aber wer zur Arbeit müsse, fahre meist trotzdem. Ausflüge in den Zoo, ins Theater oder zum Weihnachtsmarkt hingegen seien weggefallen. Eine nicht klar umrissene Zahl von Menschen pendle zudem nicht mehr mit dem Zug, sondern mit dem Auto - teilweise auch aus Sorge vor Ansteckung. Mancher pendle hingegen gar nicht mehr, sondern arbeite von zu Hause. Zudem liegen manche Wirtschaftszweige aktuell nach wie vor brach - etwa Teile der Gastronomie oder die Veranstaltungswirtschaft.

Wird die Maskenpflicht eingehalten?

Hier kommt es darauf an, wen man fragt. Die Statistik der Bundespolizei jedenfalls verzeichnet hunderte Zwischenfälle seit Anfang November in Thüringen. 651 Mal seien Fahrgäste durch das Personal belehrt worden, ihre Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Das geht aus Zahlen der Bundespolizei für Thüringen hervor. In 529 Fällen habe eine deutliche Ansprache ausgereicht - in 94 Fällen sei die Bundespolizei hinzugezogen worden, heißt es von dort. 93 Verfahren wegen einer Ordnungswidrigkeit seien eingeleitet worden. Vereinzelt komme es auch zu gezielten Provokationen, sagte Bundespolizei-Sprecher Karsten Täschner im Gespräch mit MDR Thüringen. Wenn etwa Reisende unterwegs seien zu Veranstaltungen aus dem Querdenker-Umfeld, werde mitunter geradezu auf den Einsatz von Bahn und Polizei gewartet, um ihn dann aufzuzeichnen und in sozialen Netzwerken zu verbreiten.

Michael Lieske von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG vor dem Erfurter Hauptbahnhof.
Michael Lieske von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG vor dem Erfurter Hauptbahnhof. Bildrechte: Florian Girwert

Nach den Angaben von Bahn-Gewerkschafter Michael Lieske würden zudem längst nicht alle Verstöße gemeldet. Es gebe nämlich zahlreiche Begebenheiten, bei denen Zugbegleiter auf sich gestellt seien. Das Frustrationslevel bei manchen Fahrgästen steige - und dann eskalierten mitunter die Situationen nach einer Masken-Aufforderung des Personals:  "Das fängt an bei Beleidigung, beim blöden Spruch, bespucken, aber natürlich auch Handgreiflichkeiten." Erst in der letzten Woche habe es in Erfurt einen solchen Vorfall gegeben. Das Durchsetzen der Sicherheit sei aber nicht Aufgabe der Zugbegleiter, sondern des Sicherheitspersonals. "Da wägen viele ab, ob sie den Sicherheitsdienst oder die Polizei dabeihaben", so Lieske. Derartige Vorfälle dürften auch manche Fahrgäste abschrecken. Die Zahl der Vorkommnisse aber ist nach Angaben der Bundespolizei rückläufig.

Wann kommen die Passagiere zurück?

Die Frage bewegt viele. Sowohl Gewerkschaft als auch das zuständige Thüringer Ministerium gehen davon aus, dass es in den kommenden Monaten mit dem Fortschreiten der Impfungen und geringeren Infektionszahlen besser wird. Zudem könnten im Wintersemester wieder mehr Studierende der Thüringer Hochschulen mit dem Zug pendeln, die derzeit noch oft im Heimatort via Internet Lehrveranstaltungen besuchen. Fraglich sei dann, wie viele Unternehmen und Mitarbeiter in Zukunft weiterhin Gebrauch von Homeoffice machten, sagt Staatssekretärin Susanna Karawanskij (Die Linke).

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15. Mai 2021 | 05:00 Uhr

3 Kommentare

Durchblick vor 5 Wochen

Wer setzt sich denn jeden Tag mit einer FFP2-MASKE in den Zug, wenn er ein Auto hat? So klein ist der Eingriff auch wieder nicht, wie immer wieder gerne behauptet wird. Und Geimpfte oder Genesene müssen sie auch tragen. Das hat alles nichts mehr mit Gerechtigkeit zu tun.

Ritter Runkel vor 5 Wochen

Die beste Lösung meiner Meinung nach wäre ein voll integriertes Unternehmen unter öffentlicher Kontrolle (z. B. durch Offenlegungspflicht aller internen Dokumente), welches der Fahrgastzahlmaximierung verpflichtet ist und betriebswirtschaftlich einen Gewinn/Verlust von nahe null erzielt.
Für den Kunden ist es am angenehmsten, wenn alles aufeinander abgestimmt ist (insbesondere Anschlüsse) und er mit wenig Aufwand ein Ticket von A nach B lösen kann, ohne für jeden Streckenabschnitt eine separate Fahrkarte lösen zu müssen und bei Verspätungen/Ausfällen mit konkurrierenden Unternehmen zurechtkommen muss (warum sollte der Zug von Unternehmen A zwei Minuten auf den Zug von Unternehmen B warten?).
Dazu kommt noch, dass die Bahncard manchmal gilt, manchmal nicht, dies ist ein Graus.
Zudem ist es insbesondere im Bahnverkehr essenziell, Fahrplan, Infrastruktur und Fahrzeuge aufeinander abzustimmen.

Monazit vor 5 Wochen

"Wer setzt sich denn jeden Tag mit einer FFP2-MASKE in den Zug, wenn er ein Auto hat?"

Ich kann ihnen versichern, man gewöhnt sich dran.

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