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CoronaIntensivstation in Hildburghausen: Covid-Patienten sterben binnen Stunden

von Rainer Erices, MDR THÜRINGEN

Stand: 04. Dezember 2021, 06:00 Uhr

Die Lage auf der Intensivstation der Henneberg-Kliniken in Hildburghausen ist dramatisch. Das medizinische Personal arbeitet an der Belastungsgrenze. Im Interview spricht Chefarzt Thomas Eckermann über die Komplikationen bei Patienten mit der Covid-Erkrankung, über schwere Verläufe auch bei Geimpften und über eine mögliche Triage. Und er äußert sich auch über die Forderung seiner Kollegen an seinem Krankenhaus nach einem Ende der Corona-Einschränkungen.

Jeder zweite Covid-Patient, sagt Thomas Eckermann, der zu ihnen auf die Intensivstation komme, sterbe - trotz Maximaltherapie. Die Erkrankung sei heimtückisch. Die Patienten würden beatmet, hochdosiert mit Medikamenten behandelt, ständig umgelagert. Teilweise sei das erfolgreich, die Atemprobleme würden sich bessern. Doch dann würden die Organe versagen, Niere, Herz und Leber.

Wo man grad dachte, mit der Luft wird es jetzt besser. Dem Patienten geht es besser, und dann ist er sechs Stunden später tot und man konnte nichts machen. Das ist etwas, was auch das Personal sowohl das ärztliche als eben auch das Pflegepersonal emotional stark belastet.

Thomas Eckermann

Covid-19: Organe versagen

Grund dafür sind vor allem Umbauvorgänge bei Covid-Patienten. In den kleinen Gefäßen bildet sich vermehrt Bindegewebe. Der Sauerstoff kommt schlechter von der Lunge in die Transportgefäße und somit zu den Organen. In den Organen treten vermehrt Blutgerinnsel auf, die Gefäße verstopfen, die Organe versagen. Diese Komplikationen, so erklärt Thomas Eckermann, die bei Covid-Patienten zusätzlich zum Lungenumbau entstünden, machten die Krankheit so gefährlich.

Längst nicht jeder Covid-Patient landet auf einer Intensivstation. Unter fünf Erkrankten entwickele etwa ein Patient schwere, kritische Symptome. In der ITS in Hildburghausen seien bislang 57 Patienten mit Covid-Erkrankung behandelt worden.

Acht Betten habe die Station, sagt Eckermann, er arbeite an der oberen Belastungsgrenze. Für sein Personal sei die Situation äußerst anstrengend. Für die ITS gelten momentan zusätzliche Hygieneregeln. Die Arbeit mit den atemgeschwächten Patienten sei körperlich sehr anstrengend. Sie müssten ständig gewendet werden, was für die Pflegekräfte in Schutzkleidung nicht einfach sei. Wenn man die Intensivstation verlasse, sei man oft schweißnass, sagt Thomas Eckermann.

Geplante Operationen werden verschoben

Überhaupt sei die Situation in den Kliniken sehr angespannt. Es gebe kaum Normalität. Geplante Operationen fänden nicht mehr statt. Das Pflegepersonal bekäme neue Aufgaben, überall würden verschärfte Hygiene-Bedingungen herrschen. Für viele Mitarbeiter fehle einfach das Licht am Ende des Tunnels.

Nach der zweiten oder dritten Welle habe man gedacht, dass es wieder bergauf gehe, doch ein Ende der Pandemie sei weiter nicht in Sicht. Mehrfach habe er bereits knapp vor der Entscheidung stehen müssen, zu wählen, welcher Patient behandelt werden solle und welcher nicht. Er habe Angst vor dem Gedanken der Triage, doch noch habe es stets eine Lösung für die schwerstkranken Patienten gegeben - die Kliniken der Region würden sich im Notfall untereinander helfen.

Die meisten Patienten sind ungeimpft

53 der 57 Schwerstkranken auf seiner ITS bisher seien ungeimpft gewesen. Nach den Gründen, warum sich seine Patienten nicht impfen lassen haben, frage er nicht. Es spiele für ihn keine Rolle. Als Arzt behandele er alle Patienten gleich, erzählt Eckermann. Die Entscheidung zur Impfung müsse jeder mit sich ausmachen, so sei das Recht und er verstehe auch manche Vorbehalte.

Gleichzeitig warnt er vor einer Verharmlosung der Krankheit. Der Altersdurchschnitt der Schwerkranken sei deutlich gesunken. Abgesehen davon, würden auch jene Patienten mit milden Verläufen monatelang unter Symptomen leiden, vor allem unter Geschmacksverlust. Das Essen schmecke wie Pappe und beispielsweise ein Glas Wein gar nicht mehr.

Außerdem würden auch bei den milden Verläufen jene mikroskopisch kleinen Umbauvorgänge im Körper irreversibel vonstattengehen können. Das könnte bei einer neuen Infektion fatale Folgen haben. Insofern sei auch ein sogenannter milder Verlauf keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen.

Thomas Eckermann warnt davor, Covid-19 zu verharmlosen. Bildrechte: privat

Aufhebung aller Corona-Regeln gefordert

Trotz dieser Umstände gibt es weiter erhebliche Widerstände beim Kampf gegen die Seuche. Für Schlagzeilen sorgt momentan ein Aufruf von Ärzten und Beschäftigten im Gesundheitswesen der Region Hildburghausen für ein Ende aller Corona-Einschränkungen. Unter den Unterzeichnern des Aufrufs sind auch Kollegen von Thomas Eckermann, die auf anderen Stationen arbeiten.

Es sei ihr Recht, ihre Meinung zu äußern, sagt der Intensivmediziner. Er glaube, dass es sich bei den Unterstützern des Aufrufs eher um einzelne Personen handele, längst nicht um die Mehrheit seiner Medizinerkollegen. Allerdings, so kritisiert Eckermann, sollten sich besonders jene Ärzte in einer höheren Position und mit einem besonderen Status ihrer Außenwirkung bewusst sein. Jede Äußerung löse etwas aus.

Persönlich würde er es für fatal halten, die Corona-Maßnahmen aufzuheben. Das Gesundheitswesen würde von Krankheitsfällen überrannt werden und rasch zusammenbrechen.

Das Gleiche gelte für die Impfung. Man könne für oder gegen die Impfung sein. Aber die Menschen sollten überlegen, selbst wenn sie sich um ihr eigenes Leben keine Sorgen machten, ob sie vielleicht doch die Leute, die sie mögen - "Eltern, Großeltern, Schwiegereltern, Kinder oder auch die nette Nachbarin" - schützen wollten.

Quelle: MDR

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Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | 04. Dezember 2021 | 06:00 Uhr