Pandemie-Bekämpfung Thüringer Sonderweg: Corona-Impfungen für Hochrisiko-Patienten aufgeschoben

In Thüringen starten wie im gesamten Bundesgebiet die Impfungen von Lehrern und Erzieherinnen. Gleichzeitig müssen Hochrisiko-Patienten weiter auf ihre Impfung warten. Bei Klinikern sorgt der Thüringer Sonderweg für Kopfschütteln. Der Bund hatte andere Empfehlungen gegeben.

Lehrer Impfung
Eine Impfung für Krebspatienten, Diabetiker oder dialysepflichtige Menschen ist wichtig, da diese ein erhöhtes Risiko haben, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nein, er könne das gar nicht verstehen, sagt Andreas Hochhaus. Er leitet den Jenaer Lehrstuhl für Onkologie, also für Krebserkrankungen. Wieso Krebspatienten jetzt immer noch nicht dran sein sollten mit einer Impfung, erschließe sich nicht. Dabei gebe es doch klare Vorgaben vom Bund. Krebspatienten wie auch Diabetiker oder dialysepflichtige Menschen haben ein erhöhtes Risiko, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben. Sie sollten geschützt werden.

Sterblichkeit bei Krebspatienten deutlich erhöht

Auch Bernhard Wörmann von der bundesweiten Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie schüttelt den Kopf. Natürlich sei auf Bundesebene diskutiert worden, in welcher Reihenfolge geimpft werden solle. Noch im Dezember hatte die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert Koch-Institut Schwerkranke mit Krebs oder anderen Diagnosen in die dritte Impfgruppe einsortiert. Doch dann kamen Forschungsdaten, die eine hohe Gefahr insbesondere für jüngere Krebspatienten nachwiesen, wenn sie an Covid-19 erkrankten.

Die Sterblichkeit sei deutlich erhöht. Grund ist, dass Krebspatienten eine verminderte Körperabwehr haben, insbesondere dann, wenn sie gerade eine Chemotherapie erhalten. Besonders gefährdet seien Menschen mit einem bösartigen Bluttumor, etwa einem Lymphom.

Nur Impfstoff von Astra-Zeneca steht zur Verfügung

Anfang Februar nun korrigierte die Stiko ihre Vorgaben. Seitdem gelten Krebskranke als Hochrisiko-Patienten, sie gehören damit in die - auf Behördendeutsch - "Prioritätengruppe 2". Alle Menschen, die zu dieser Gruppe gehören, können seit dieser Woche geimpft werden. Allerdings nur, so die grundsätzliche Bundesregel, wenn die Gruppe 1 und damit alle über 80-Jährigen, die eine Impfung wünschen, versorgt wurden.

Mit einem Aber: Mittlerweile steht der Impfstoff von Astra-Zeneca zur Verfügung, der nur an unter 65-Jährige verimpft werden darf. So kann die Gruppe 2 bereits unabhängig von der Durchimpfung der über 80-Jährigen starten.

Wie die Impfungen ablaufen, ist Ländersache. In Sachsen etwa fehlt Impfstoff für die Alten. Aber für die Jüngeren steht er zur Verfügung. Seit Donnerstag vergibt das Land über sein Anmeldeportal entsprechend Impftermine für alle jüngeren Berechtigten der Gruppe 2. Das sind zum großen Teil Krebspatienten.

Abweichung zu Bundesvorgaben in Thüringen

Thüringen weicht von den Bundesempfehlungen ab. Das Land unterteilte nämlich in Eigenregie die zweite Gruppe noch einmal. Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) verkündete Anfang der Woche zwar den Impfstart für diese Gruppe, jedoch nicht für die Schwerkranken. Für sie reiche der Impfstoff momentan nicht aus.

Außerdem sollen nun wie im gesamten Bundesgebiet erst einmal Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher geimpft werden. Wann Krebspatienten geimpft werden, sei unklar. Vermutlich, so die Hoffnung, Mitte März. Wenn Impfstoff zur Verfügung steht. Eine Sprecherin sagte dem MDR, damit orientiere sich das Land an den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts. In der Bundesverordnung finden sich diese Empfehlungen des RKI zur Untergruppierung nicht.

Kritik an Ungleichbehandlung

Für Professor Hochhaus ein Unding. Eigentlich sollten Patienten in Deutschland alle gleich behandelt werden. Nun sei der Thüringer Krebspatient schlechter gestellt als beispielsweise in Sachsen. Hochhaus berichtet von einem schweren Fall eines jüngeren Krebspatienten. Der Ausbruch von Covid-19 sei kaum beherrschbar gewesen.

Prof. Andreas Hochhaus vom Universitätsklinikum Jena steht in einer Messehalle.
Prof. Dr. med. Andreas Hochhaus, Direktor der Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie der Universitätsklinik Jena. Bildrechte: MDR/Kristin Kielon

Besonders Chemotherapie-Patienten müssen regelmäßig in die Klinik kommen. Auch mit Maske und allem Schutz setzen sie sich häufiger einem Risiko einer Ansteckung aus. Abgesehen davon sei die Kommunikation, welche Patienten nun wann endlich geimpft werden können, nicht besonders glücklich. Dass Lehrer nun an der Reihe seien, sei im Grunde richtig, doch das Land müsse in der Lage sein, gleichzeitig auch seine Krebspatienten zu schützen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 25. Februar 2021 | 16:00 Uhr

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