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Mit dem 2. April sind in Thüringen viele Corona-Schutzmaßnahmen ausgelaufen. Eine Maskenpflicht gibt es nur noch in ganz bestimmten Bereichen. Bildrechte: imago images/Bernd Friedel

PerspektivenCorona-Regeln gelockert: Was ein Befürworter und eine Kritikerin sagen

von Christian Franke und David Straub, MDR THÜRINGEN

Stand: 17. April 2022, 18:48 Uhr

Der Thüringer Landtag hat Ende März gegen die Verlängerung vieler Corona-Maßnahmen gestimmt. Den Zeitpunkt finden viele zu früh. Das geht aus einer Umfrage von MDRfragt hervor. Was für oder gegen Lockerungen spricht, haben wir zwei Personen gefragt, die sich an der Erhebung beteiligt haben.

Ende März hat der Thüringer Landtag beschlossen, viele Corona-Regeln am 2. April auslaufen zu lassen. Seitdem sind Zugangsbeschränkungen wie 2G oder 3G passé und auch auf Masken kann - bis auf Ausnahmen wie etwa in Bus und Bahn - in den meisten Bereichen verzichtet werden. Aber sind Lockerungen und der damit verbundene Wegfall vieler Corona-Maßnahmen der richtige Weg? Das wollte MDRfragt in einer nicht repräsentativen Umfrage wissen.

Das Ergebnis: ein klares "Jein". Ein Großteil der Umfrage-Teilnehmer will bestimmte Regeln weiterhin freiwillig einhalten. Für eine knappe Mehrheit kommt der Wegfall vieler Maßnahmen zu früh. Für andere sind Lockerungen längst überfällig. Was aus ihrer Sicht für oder gegen diesen Schritt spricht, haben wir bei zwei Teilnehmern der Umfrage genauer nachgefragt.

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welche Erfahrungen habt ihr mit den Corona-Maßnahmen gemacht?

Robert S. aus Weimar begrüßt die Corona-Lockerungen. Sich selbst beschreibt er als eher liberal eingestellt. Der 31-Jährige war nach eigenen Angaben erst vor wenigen Wochen selbst mit dem Virus infiziert. Symptome habe er keine gehabt, allerdings sei er auch dreifach geimpft. Die Einschränkungen in den vergangenen zwei Jahren hat der studierte Bauingenieur vor allem als zweifacher Familienvater erlebt: "Unsere Haupterfahrungen sind natürlich neben der Maskenpflicht, die man ja überall hatte - jetzt nicht mehr -, diese besonders häufigen Einschränkungen durch die Quarantäne-Maßnahmen der Kinder gewesen. Wir waren bestimmt achtmal in Quarantäne in der gesamten Zeit."

Wir waren bestimmt achtmal in Quarantäne in der gesamten Zeit.

Robert S., Familienvater

Auch viele Unternehmungen mit den Kindern, etwa der Besuch von Zoos oder Schwimmbädern, seien nicht mehr möglich gewesen. "Das sind so Sachen... Wenn man kleine Kinder hat, betrifft einen das, denke ich mal, schon", erzählt Robert.

Sorge um Vorerkrankte

Auch Bettina N. hat zwei Kinder und lebt mit der Familie in Erfurt. Für sie kam die Lockerungs-Entscheidung des Thüringer Landtages aber viel zu früh. In ihrem Umfeld seien einige Menschen mit Vorerkrankungen, weshalb sie und die Familie immer darauf bedacht gewesen seien, niemanden anzustecken. Gerade dann, als sich die ganze Familie mit Corona infiziert habe.

Jetzt haben die Kinder auch wieder mehr Angst, die Großeltern schneller anzustecken.

Bettina N.

In den vergangenen beiden Jahren sei es natürlich anstrengend gewesen mit den Schulschließungen, dem Homeschooling und der Unzufriedenheit der Kinder. "Sie sind schon auch froh, dass sie jetzt keine Maske mehr in der Schule tragen müssen. Aber gleichzeitig haben sie auch Angst, dass sie die Großeltern zum Beispiel schneller anstecken."

Warum seid ihr für oder gegen den Wegfall von Corona-Maßnahmen?

Robert begrüßt den Wegfall vieler Maßnahmen und argumentiert vor allem mit den Immunisierungsmöglichkeiten: "Es hatte nun mittlerweile wirklich jeder die Gelegenheit, sich impfen zu lassen." Zudem habe er den Eindruck, dass gerade im Fall der geimpften, gesunden und jüngeren Menschen Corona-Infektionen inzwischen einen eher milden Verlauf nehmen. Bei den vorherigen Varianten sei das anders gewesen.

In Sachen Schutzmaßnahmen setzt er auf Freiwilligkeit: "Wenn man sich selbst schützen will, kann man das ja auch effektiv tun, wenn man eine FFP2- oder FFP3-Maske aufsetzt", ergänzt er. Es sei dann eben keine politische, sondern eine persönliche Entscheidung, ob der Schutz benötigt werde oder nicht. Und bei Vorerkrankungen oder Risikogruppen könne das auch durchaus sinnvoll sein.

Für Bettina hängt die Frage jedoch mit einer mangelnden Solidarität zusammen. Sie stört, dass nun vor allem Menschen auf der Strecke bleiben, die Vorerkrankungen haben oder deren Körper mit Hilfe der Impfung keine Immunantwort aufbauen kann: "Diese Menschen sind darauf angewiesen, dass andere da mitmachen. Und da fehlt mir der Solidaritätsgedanke, dieses Miteinander und die Rücksichtnahme."

Mir fehlt komplett der Solidaritätsgedanke.

Bettina N.

Auch in ihrem Familienkreis, sagt Bettina, gebe es Menschen, die sich genau deswegen noch mehr zurückziehen und Situationen meiden, in denen sie ungeschützt auf andere treffen könnten.

Ganz konkret: Wie steht ihr zu Masken in Bus und Bahn und in den Schulen?

"Ich kann es verstehen, dass man in Bereichen, wo sehr gefährdete Personengruppen untergebracht sind, bestimmte Maßnahmen wie Masken oder Testpflicht beibehält, zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen oder in Krankenhäusern und Intensivstationen", meint Robert. Auch in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn sei er nicht unbedingt gegen eine Maskenpflicht. "Da kommen ja nun auch Menschen aus verschiedenen Bereichen auf engem Raum zusammen und ich kann mich dem nicht entziehen. Das möchte ich von einem Supermarkt nicht behaupten. Da stehe ich meist eher alleine am Regal."

Die Kinder haben durch die Einschränkungen gelernt, Rücksicht zu nehmen.

Bettina N.

Wie Robert ist auch Bettina weiterhin für die Maske in Bus und Bahn. Für die Schulkinder sei es aber nicht nachvollziehbar, meint sie, warum die Maske nicht mehr genutzt werden soll. "Wir haben alle keine große Lust auf die Masken. Aber die Kinder haben gelernt, dass es wichtig ist, auf andere Rücksicht zu nehmen und fürsorglich zu handeln. Kinder sind da, glaube ich, auch viel flexibler, als das von außen gerne mal so gesehen wird."

Sind die Corona-Maßnahmen für euch nachvollziehbar gewesen?

Für Bettina sind die Regelungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie generell nachvollziehbar gewesen. Im Nachgang habe sie es allerdings ein wenig übertrieben gefunden, dass die Menschen teils auch draußen eine Maske tragen mussten. "Und das Hin und Her mit der Öffnung des Weihnachtsmarkts, als dann auch viele Schausteller massive Probleme hatten", da sei sie nicht wirklich mitgekommen, sagt sie.  

Noch größere Schwierigkeiten hatte Robert: "Zu Beginn der Pandemie, würde ich sagen, ja. Man hat ja nichts gewusst. Da konnte man bei vielen Maßnahmen auf jeden Fall mitgehen", erinnert er sich. Im Verlauf und vor allem mit höherer Impfquote seien für ihn die Maßnahmen aber immer schwieriger nachvollziehbar gewesen.

Man hat den Überblick verloren, auf welcher Grundlage die Entscheidungen getroffen worden sind.

Robert S.

Dass durch unterschiedliche Regeln in verschiedenen Regionen teilweise ein Flickenteppich aus Vorschriften in Kraft war, habe ihn dabei weniger gestört. Etwas anderes sei für ihn schwieriger gewesen: "Man hat den Überblick verloren, auf welcher Grundlage die Entscheidungen getroffen worden sind. Weil auch die Datengrundlage nicht so eindeutig ist", sagt er.

Als Beispiel führt er ebenfalls die Diskussion um die Weihnachtsmärkte an. In Weimar musste der Markt, wie in vielen anderen Städten, nur einen Tag nach Öffnung wieder schließen: "Obwohl Aerosol-Forscher gesagt haben, dass bei den kalten Temperaturen und niedriger Luftfeuchtigkeit eigentlich kaum eine Gefahr besteht, dass sich draußen jemand infiziert."

Habt ihr den Eindruck, dass die Corona-Maßnahmen zu einer Polarisierung oder Spaltung der Gesellschaft führen?

Hier sind sich Robert und Bettina weitgehend einig. "Ich denke, dass es sehr extreme Meinungen bei dem Thema gibt. Es gibt Leute, die alles verteufeln und sagen, jede Maßnahme ist immer schlecht. Und es gibt auch Leute, die sehr übervorsichtig sind. Da sehe ich schon eine Spaltung", sagt Robert nach kurzem Überlegen.

Ich gefährde die Leute doch nicht, wenn ich eine Maske aufhabe.

Bettina N.

Auch Bettina beobachtet, wie sich die Fronten in den vergangenen zwei Jahren verhärtet haben. Außerdem fürchtet sie, dass sich eine Masken-Scham bald umdrehen könnte: "Ich habe Angst vor den Blicken, zum Beispiel wie letztens im Supermarkt an der Kasse, und wenn man dann so provokant angeschaut wird, weil man eine Maske aufhat." Bislang, sagt sie, habe sie aber noch niemand deswegen angesprochen.

Wie steht es um euer Vertrauen in die Politik?

Gerade die Entscheidung, die Regeln jetzt so zu beenden, kann Bettina nicht nachvollziehen. Die Weigerung der Thüringer Opposition von CDU, FPD und AfD habe für sie etwas Taktisches gehabt. "Ich fand es schade, dass die sich da nicht geeinigt haben, da schien der Wunsch, den Anderen was auszuwischen, rationalen Gründen vorzugehen", sagt sie. Gerade vor dem Hintergrund der hohen Infektionszahlen sei das für sie eine befremdliche Entscheidung gewesen.   

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Grundsätzlich habe er nicht das Vertrauen in die Politik verloren, sagt Robert. Speziell was die Corona-Maßnahmen angehe, sei die Frage für ihn aber gar nicht so leicht zu beantworten. "Viel Hin und Her. Und vor allem, wie man zum Beispiel kürzlich gesehen hat, die Aufhebung von Quarantäne-Maßnahmen für Infizierte und kurz darauf das Zurückrudern und doch wieder Quarantäne..." - er überlegt kurz - "schwierig", resümiert er.

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MDR

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. April 2022 | 19:00 Uhr

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