Statistik Städte in Thüringen verlieren immer mehr Einwohner

Weniger Zuwanderung von Ausländern sowie Studierenden, die zunächst von ihrem Elternhaus aus lernen statt in Universitätsstädte zu ziehen, und eine relativ alte Bevölkerung - in Thüringen ist auch im vergangenen Jahr die Zahl der Einwohner in den zehn größten Städten gesunken. Eine "Flucht" von der Stadt aufs Land soll es aber wegen der Corona-Pandemie nicht gegeben haben.

Viele Menschen in Weimaer Innenstadt
Menschen laufen in Weimar über den Theaterplatz. Seit mehreren Jahren sinken hier die Einwohnerzahlen. Eine große Zäsur gab es 2020 aufgrund der Corona-Pandemie aber nicht in der Klassikerstadt. Bildrechte: dpa

In Thüringen gibt es im Zuge der Corona-Pandemie keinen verstärkten Drang, von der Stadt auf das Land zu ziehen. Wie der Sozialwissenschaftler Professor Marcel Helbig aus Erfurt MDR THÜRINGEN sagte, seien die gesunkenen Einwohnerzahlen in den zehn größten Städten im Freistaat vor allem auf weniger Zuwanderungen aus dem Ausland und fehlende Studenten zurückzuführen. Nach wie vor sei die Bevölkerung in Thüringen sehr alt, auch in den Städten. Die Zahl der Gestorbenen liege schon allein deswegen 2020 auf hohem Niveau und trage zusätzlich zum Sinken der Bevölkerungszahlen bei.

Marcel Helbig
Prof. Dr. Marcel Helbig. Bildrechte: dpa

Wie das Landesamt für Statistik mitteilte, sank im vergangenen Jahr in den zehn größten Städten die Zahl der Bevölkerung. In der Landeshauptstadt Erfurt ist dies das erste Mal seit zehn Jahren überhaupt der Fall (minus 289 Einwohner). Auch in Jena geht die Zahl der Einwohner seit 2019 zurück, im vergangenem Jahr etwas deutlicher (2019: minus 64 Einwohner, 2020: minus 612 Einwohner). In allen anderen größeren Städten wie Gera, Weimar, Gotha, Eisenach, Nordhausen, Ilmenau, Suhl und Mühlhausen setzt sich der seit Jahren sinkende Trend der Einwohnerzahlen auch 2020 fort.

Die zehn größten Städte Thüringens

Zu den zehn größten Städten in Thüringen gehören gemäß ihrer Einwohnerzahl Erfurt (213.692 EW), Jena (110.731 EW), Gera (92.126 EW), Weimar (65.098 EW), Gotha (45.273 EW), Eisenach (41.970 EW), Nordhausen (40.969 EW), Ilmenau (38.637 EW), Suhl (36.395 EW) und Mühlhausen (35.799 EW). Zu Großstädten zählen im Freistaat nur Erfurt und Jena, weil deren Einwohnerzahl über 100.000 liegt (Stand 2020).

Städte weiterhin beliebt

Nach wie vor, so Stadtsoziologe Marcel Helbig, würden viele Menschen gern in Städte ziehen und wohnen wollen - daran habe auch die Corona-Pandemie nichts geändert. So würden dort Vorteile wie eine breite Gastronomie, die Möglichkeit wegzugehen, aber auch zahlreiche kulturelle Angebote überwiegen. Allerdings ziehe es die Menschen zum Teil immer mehr in die Speckgürtel der Städte, weil es insbesondere in Erfurt, Jena und Weimar kaum noch leere Wohnungen gebe, so Helbig. 2020 habe es aber nicht nur in diesen Städten, sondern auch in Gotha, Eisenach, Nordhausen, Ilmenau, Suhl und Mühlhausen weniger Zuzüge als 2019 gegeben. Einzig die Stadt Gera verzeichnete im vergangenen Jahr mit 3.600 Zuzügen mehr als 2019 (+26).

Weniger Geburten, aber auch nicht mehr Sterbefälle

Die Bevölkerungszahl in den zehn größten Städten in Thüringen ist 2020 auch deshalb nicht signifikant gestiegen, weil stellenweise weniger Kinder geboren wurden. Nur in Suhl wurden mit insgesamt 236 (+21) Babys und Mühlhausen mit insgesamt 331 (+37) Babys mehr Kinder als 2019 geboren. In allen anderen Städten sind die Geburten seit gut drei Jahren rückläufig. Laut Sozialwissenschaftler Marcel Hebig hatte die Corona-Pandemie 2020 aber noch keine Auswirkungen auf die Zahl der Geburten. Einen deutlichen Rückgang erwartet er allerdings für 2021.

Insgesamt starben 2020 im Freistaat 30.226 Menschen. Dies allein auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, sei falsch, so Helbig, der mit einem deutlich erhöhten Anstieg der Sterbezahlen erst 2021 rechnet. Dennoch starben etwa in der Landeshauptstadt im vergangenem Jahr 127 Menschen mehr als noch 2019. Auch in Gera, Ilmenau, Suhl und Mühlhausen lagen die Zahlen höher. In Jena, Weimar, Gotha, Eisenach und Nordhausen starben 2020 dagegen weniger Menschen als 2019.

Pandemie sorgt nur für kurze Entspannung bei Wohnraum

Laut Helbig kommen insbesondere die größeren Städte in Thüringen wie Erfurt, Weimar und Jena besser durch die Corona-Pandemie und profitieren weiterhin von ihrer Lage an der A4. Der Effekt der Pandemie, dass etwa durch fehlende Studierende und Arbeitskräfte mehr Wohnungen leer stehen, sei nur temporär und falle kaum ins Gewicht, so Helbig. Mit Sorge sieht er allerdings die Entwicklung der sozialen Gefälle in allen Thüringer Städten. So drifteten insbesondere in Erfurt und Jena die Kluft zwischen Stadtgebieten mit sozial schwacher und wohlhabenderer Bevölkerung immer mehr auseinander. "Dieses Rad lässt sich auch in Zukunft nicht aufhalten", ist der Stadtsoziologe überzeugt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 20. Juli 2021 | 11:00 Uhr

17 Kommentare

Karl Schmidt vor 1 Wochen

@Atheist:
Also ich konnte nix bezüglich der von Ihnen geschriebenen "Muisinrufe" ergoogeln.

Aber Sie haben recht, warten wir es ab bis so etwas in den Suchmaschinen erscheint.

Atheist vor 1 Wochen

Lesen Sie mal nach wo Glocken durch Muisinrufe mitten in Deutschland ersetzt wurde.
Soll angeblich ein Zeichen der Toleranz sein, warten wir ab wie weit die Toleranz umgekehrt ist.

Nico Walter vor 1 Wochen

Na klar, wenn man sich beliebige, einzeln Fakten und wahllos herauspickt und alles andere drum herum ausblendet, dann kann man sich die Welt schon so machen, wie sie einem gefällt.

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