Amtsärzte gesucht Thüringer Gesundheitsämtern fehlen Mitarbeiter

Den Thüringer Gesundheitsämtern fehlt es an Personal. Einige Stellen sind seit Monaten nicht besetzt. Vielerorts mangelt es vor allem an Amtsärzten. MDR THÜRINGEN hat nachgefragt, wie die Gesundheitsämter im Freistaat auf den Herbst und eine vierte Corona-Welle vorbereitet sind.

Ein Arzt hält eine OP-Maske in der Hand.
In Thüringen mangelt es an Amtsärzten. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Westend61

Die Gesundheitsämter der Thüringer Kommunen haben während der Corona-Pandemie ihr Personal teilweise deutlich aufgestockt. Das geht aus einer Umfrage von MDR THÜRINGEN unter den Landkreisen und kreisfreien Städten des Freistaats hervor. Demnach haben zum Beispiel der Ilm-Kreis 18 und der Wartburgkreis 15 neue Beschäftigte in den Gesundheitsämtern eingestellt.

Hilfe durch befristetes Personal

Die neuen Jobs sind aber nicht immer Vollzeitstellen. Ein Teil der neuen Mitarbeiter wird stundenweise oder auch nur befristet beschäftigt. Eingesetzt werden sie häufig als sogenannte Containment-Scouts - das heißt, sie sollen die Kontakte von Corona-Infizierten ermitteln. Teilweise wurden auch innerhalb der Verwaltungen Mitarbeiter an die Gesundheitsämter abgeordnet. Der Kreis Greiz etwa setzte auf dem Höhepunkt der Pandemie 120 Mitarbeiter des Landratsamtes für die Ermittlung von Kontakten ein.

Es mangelt an Amtsärzten

Ein weit verbreitetes Problem in den Thüringer Gesundheitsämtern ist der Mangel an Amtsärzten. In einigen Regionen des Freistaats sind Stellen seit Monaten unbesetzt. Laut Gesundheitsministerium (TMASGFF) ist das Problem bekannt, die Anstellung liege jedoch in der Kompetenz der Landkreise und kreisfreien Städte.

Bundesweit gebe es laut Ministerium generell eine hohe Nachfrage nach Ärzten. Der öffentliche Gesundheitsdienst stehe dabei in Konkurrenz zur Tätigkeit als niedergelassener oder angestellter Arzt in einer Klinik. Als Arbeitgeber der öffentlichen Hand sei es schwierig, mit anderen finanziellen Angeboten Schritt zu halten. Teilweise werde einem Arzt im Krankenhaus rund 1.000 Euro pro Monat mehr angeboten. Die Attraktivität der Funktion als Amtsarzt leide unter dieser Differenz.

Eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes Mitte, sitzt im Lagezentrum des Gesundheitsamt an ihrem Arbeitsplatz.
Die Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitsdienst scheint im Vergleich unattraktiv. Sie soll deshalb künftig gestärkt werden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Ein weiterer Punkt, weshalb die Tätigkeit als Amtsarzt unattraktiv scheint, ist laut Ministerium, dass das Berufsbild des Arztes durch eine kuratorische Tätigkeit geprägt ist, also auf die medizinische Behandlung von Patienten abzielt. Alternativ werde auch einer wissenschaftlichen oder forschenden Tätigkeit nachgegangen.

Die Funktion in einer Behörde als Teil der Verwaltung erfülle diese Kriterien nicht. Zudem werde die Möglichkeit, eigene Ideen und Lösungsvorschläge zu entwickeln und umzusetzen als unzureichend eingeschätzt.

Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes geplant

Die Steigerung der Attraktivität des Berufsfeldes erfordert laut Gesundheitsministerium Lösungen insbesondere zur Frage der Besoldung, aber auch zur Aus- und Weiterbildung sowie zur Anbindung der Medizinstudierenden an Aufgabenbereiche im öffentlichen Gesundheitsdienst.

Zukünftig sollen in Thüringen Maßnahmen aus dem im September 2020 beschlossenen "Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst" (ÖGD-Pakt) umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem technische Modernisierungen sowie Maßnahmen für eine attraktivere Bezahlung der angestellten und verbeamteten Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst.

Dazu sollen auch Themenfelder des ÖGD im Studium der Human- und Zahnmedizin präsenter werden. Eine Förderrichtlinie zur Umsetzung des ÖGD-Paktes in Thüringen befindet sich laut Ministerium aktuell in Abstimmung mit dem Thüringer Finanzministerium. Die Mittel sollen zeitnah bereitstehen.

Zusätzlich sei bereits 2019 ein externes Gutachten über den Zustand des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Thüringen in Auftrag gegeben worden. Auf dessen Grundlage soll unter anderem ein Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst in Thüringen erlassen werden.

 Bundeswehr hilft aus

Personelle Verstärkung holten sich die Ämter zudem von der Bundeswehr. Auch der Kreis Hildburghausen, der kein neues Personal im Gesundheitsamt einstellte, nutzte die Hilfe der Soldaten. Darüber hinaus investierten die Kommunen in neue Computertechnik, vor allem für die Kontaktnachverfolgung. Aber: Etliche Kreise und Städte beklagen auch, dass es ihnen nicht gelingt, qualifiziertes Personal zu finden.

Benjamin Kretzschmar, Stabsgefreiter beim Wachbataillon, ist im Gesundheitsamt Neukölln bei der Nachverfolgung der Coronakontaktpersonen eingesetzt.
Bei der Kontaktnachverfolgung kamen oftmals Soldaten der Bundeswehr zum Einsatz. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Mittelthüringen

Die Stadt Erfurt beispielsweise sucht dringend Amtsärzte. Die Bewerbungssituation sei katastrophal, sagte eine Sprecherin MDR THÜRINGEN. Medizinerstellen seien in den Bereichen Gesundheitsschutz und sozial-psychiatrischer Dienst ausgeschrieben. Seit Monaten könnten diese nicht besetzt werden. Trotz der angespannten Situation könnten im Gesundheitsamt momentan aber alle Aufgaben erledigt werden.

Die Stadt hat in den zurückliegenden Monaten nach eigenen Angaben sieben neue Stellen geschaffen. Darüber hinaus gibt es Helfer aus anderen Behörden und Ämtern und sogenannte Scouts, die zum Beispiel für die Kontaktnachverfolgung eingesetzt werden. Um die Technik erweitern zu können, wurden zudem Fördermittel in Höhe von 58.000 Euro beantragt.

Trotz Personalmangels im Gesundheitsamt sieht sich die Stadt Weimar in der Pandemie-Bekämpfung gut aufgestellt. Im Gesundheitsamt gebe es derzeit noch Hilfe durch befristetes Personal, zudem seien Mitarbeiter aus anderen Ämtern temporär abgestellt worden. Freie Stellen gibt es laut Stadt momentan nicht, bis Ende kommenden Jahres sollen aber weitere dreieinhalb Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Bedarf sei jedoch deutlich höher.

Frau arbeitet am Computer 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 09.08.2021 19:00Uhr 02:01 min

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Nordthüringen

Den Gesundheitsämtern in Nordthüringen fehlen ebenfalls Amtsärzte. Das hat die Umfrage von MDR THÜRINGEN ergeben. Obwohl Stellen ausgeschrieben seien, gebe es kaum interessierte Mediziner. Der Kyffhäuserkreis brauche neben Ärzten auch Hygieneinspektoren und Sozialarbeiter.

Dennoch sehen sich die Landkreise personell gut auf eine mögliche vierte Pandemiewelle vorbereitet. So hat der Landkreis Nordhausen die Mitarbeiterzahl im Gesundheitsamt fast verdoppelt und kann nun auf 50 Beschäftigte zurückgreifen.

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand
Personalmangel ist ein Problem vieler Thüringer Gesundheitsämter. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Auch im Unstrut-Hainich-Kreis konnte Personal eingestellt werden, bisher aber nur mit befristeten Verträgen. Im Gesundheitsamt des Eichsfeldkreises wurden in diesem Jahr zwar zehn neue Stellen geschaffen, davon konnten bisher aber nur vier besetzt werden.

Auch technisch sei einiges passiert, heißt es aus den Landratsämtern. Sie verweisen auf neue Hard- und Software und zusätzliche Handys; das sei vor allem bei der Kontaktnachverfolgung außerordentlich wichtig.

Südthüringen

Eineinhalb Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie hat der Landkreis Hildburghausen den Personalbestand im Gesundheitsamt nicht dauerhaft aufgestockt. Bei steigenden Fallzahlen könnten Helfer aus anderen Fachämtern geholt werden, hieß es aus dem Landratsamt. Das habe schon in den vergangenen Monaten gut funktioniert.

Das Landratsamt in Hildburghausen
In Hildburghausen sieht man sich für eine weitere Corona-Welle besser aufgestellt als zuvor. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Außerdem habe man noch bis März kommenden Jahres acht sogenannte Scouts, also Helfer, die in diesem Bereich mitarbeiteten. Trotzdem rechnen die Verantwortlichen auch bei einer vierten Infektionswelle nicht mit einem ähnlich hohen Aufwand wie während der zweiten oder dritten Welle. Technisch und organisatorisch sei der Landkreis mittlerweile sehr viel besser aufgestellt.

Westthüringen

Der Wartburgkreis und der Landkreis Gotha sehen sich auf eine verschärfte Corona-Lage im Herbst und Winter vorbereitet. So wurden beispielsweise im Gesundheitsamt Gotha knapp acht Stellen neu eingerichtet. Auch technisch sieht sich die Behörde den Anforderungen gewachsen. 60.000 Euro seien in IT-Technik investiert worden, zudem gebe es eine Bürgerhotline.

Kritisch ist die Situation dagegen bei den Stellen für Ärztinnen und Ärzte im Gesundheitsamt. Trotz Dauerausschreibungen gelinge es nicht, Mediziner für den öffentlichen Dienst zu gewinnen.

Dieses Problem kennt man im Wartburgkreis nicht. Entgegen der Situation in anderen Landkreisen habe man neun angestellte Ärztinnen und Ärzte, heißt es aus dem Landratsamt in Bad Salzungen. Trotzdem würden weiterhin Fachleute für das Gesundheitsamt gesucht, die Stellenanzahl solle im kommenden Jahr noch einmal angehoben werden. Auch auf steigende Corona-Infektionszahlen im Herbst will der Wartburgkreis schnell reagieren, der Personalbestand könne wenn nötig kurzfristig angepasst werden.

Das Wappen vom Wartburgkreis als Steinrelief
Im Wartburgkreis will man das Personal des Gesundheitsamtes aufstocken. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Ostthüringen

Auch in den Ostthüringer Gesundheitsämtern fehlt es an Amtsärzten. Das zeigt die MDR-Umfrage. So meldet etwa das Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt, Medizinerstellen könnten zum Teil seit Jahren nicht besetzt werden. Für die dauerhaft ausgeschriebene Stelle eines Psychiaters etwa habe es seit Jahren nicht eine einzige Bewerbung gegeben.

Im Vergleich zu anderen ärztlichen Tätigkeiten sei die Bezahlung im öffentlichen Dienst unterdurchschnittlich, heißt es zur Begründung. Man habe mehrfach das Land auf die Situation hingewiesen und gefordert, die Tarifsituation deutlich zu verbessern.

Auch das Landratsamt Greiz meldet eine dauerhaft vakante Amtsarztstelle. Im Saale-Orla-Kreis sind zwei Arztstellen nicht besetzt. In Jena wird hingegen kein weiterer Amtsarzt gesucht, teilte ein Sprecher der Stadtverwaltung mit.

Trotz prekärer Amtsarzt-Situation sehen sich die Gesundheitsämter vor einer möglichen weiteren Pandemiewelle relativ gut aufgestellt. Mit mehr Personal - befristet oder unbefristet - und verbesserter Technik könnten zum Beispiel Kontakte deutlich effektiver nachverfolgt werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. August 2021 | 19:00 Uhr

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