Covid-19 Corona-Pandemie: Große Herausforderungen für psychiatrische Kliniken

Fehlendes Pflegepersonal, psychisch kranke Patienten, die aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus keine Hilfe aufsuchen und strikte Hygienevorgaben – Die Psychiatriestationen in den Thüringer Krankenhäusern haben alle Hände voll zu tun.

In Thüringen stehen Ärzte und Pflegepersonal von psychiatrischen Einrichtungen und Krankenhäusern sowie Tageskliniken aufgrund der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen. Wie eine Umfrage von MDR THÜRINGEN in den Kliniken im Freistaat ergab, ist die Sorge darüber groß, dass sich viele zum Teil schwer kranke Patienten zu Hause isolieren und aus Angst vor der Ansteckung mit dem Coronavirus die Krankenhäuser nicht aufsuchen, um dort Hilfe zu bekommen. Außerdem seien viele Tageskliniken geschlossen, ambulante Therapien etwa für Suchtkranke derzeit nicht bzw. nur sehr eingeschränkt möglich.

Patienten verschleppen Krankheiten häufig

Wie ein Sprecher der Asklepios Klinik Stadtroda MDR THÜRINGEN sagte, würden sich die Krankheitsbilder und Symptome der Patienten dadurch verstärken, wenn diese die Krankenhäuser und eine stationäre Aufnahme meiden. Zunehmend ältere Menschen mit Demenzerkrankungen seien davon betroffen. WievDr. Fritz Handerer, Ärztlicher Direktor des Ökumenischen Hainich Klinikums in Mühlhausen sagte, gebe es insbesondere im Bereich der Suchterkrankungen eine starke Nachfrage, weil eben Reha- und Therapieangebote weggebrochen seien.

Blick auf das Ökumenische Hainich Klinikum in Mühlhausen
Das Ökumenische Hainich Klinikum in Mühlhausen Bildrechte: Ökumenisches Hainich Klinikum

Lage in den Kliniken unterschiedlich angespannt

Die Lage in den Kliniken ist unterschiedlich angespannt. Aufgrund der Thüringer Hygienevorgaben seien die Krankenhäuser in Bad Salzungen, Mühlhausen und die Uniklinik Jena nicht voll ausgelastet, weil Betten für die Versorgung von Corona-Patienten freigehalten werden müssten. Dennoch seien die noch verbliebenen Stationen extrem ausgelastet, etwa in den Thüringen-Kliniken in Saalfeld. Dort können, wie in anderen Kliniken auch, nur noch Notfall- und Akutpatienten aufgenommen werden. Lange geplante psychotherapeutische Behandlungen seien abgesagt.

Isolierstationen für psychisch kranke Corona-Patienten

In einigen Kliniken, wie etwa der Uni-Klinik Jena, in Saalfeld und Hildburghausen, sind für Corona-positive Patienten, die psychische Hilfe benötigen, Isolierstationen eingerichtet wurden. Der Sprecher der Klinik in Stadtroda bemängelte diesbezüglich, dass die Behandlung von psychisch kranken Corona-Patienten seitens der Politik nicht hinreichend bedacht wurde.

So könnten Patienten mit Wahnvorstellungen, Suizidgedanken oder Verwirrtheit durch eine Demenz nicht einfach auf internistische Stationen verlegt werden, da sie eine besondere Behandlung benötigen und zum Teil aggressiv sind. Zweimal seien Corona-Patienten aus dem Fachklinikum für seelische Gesundheit nicht von anderen Häusern übernommen wurden. Für das Pflegepersonal, das zum Teil große Ausfälle in den eigenen Reihen durch Quarantäne oder eine Corona-Infektion kompensieren müsste, stelle das eine große Belastung dar.

Pflegepersonal an der Belastungsgrenze

Gleiches berichtet Prof. Dr. Martin Walter, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Jena. Das Pflegepersonal müsse aufgrund des Besuchsverbots und der nur eingeschränkten Heimbesuche von Patienten, diese moralisch und seelisch aufbauen, dafür sorgen, dass Hygieneregeln eingehalten werden und sich selbst vor einer Infektion schützen. Häufig kämen sie dadurch an ihre psychische und körperliche Belastungsgrenze. Auch für die Patienten sei die Situation alles andere als einfach. Sie wären zum Teil in Einzelzimmern untergebracht, könnten keine Spaziergänge an der frischen Luft machen und fühlten sich durch die mit dem Lockdown verbundenen Vorschriften noch mehr eingeengt. Dies würde durch ihr Krankheitsbild noch verstärkt.

Keine Zunahme von Patienten durch Corona

Eine Zunahme von Patienten, die aufgrund der Corona-Pandemie in Depressionen oder seelische Krisen verfallen, verzeichnet bisher keine der Kliniken in Thüringen. Jedoch gehen die Ärzte davon aus, dass der sich abzeichnende Bedarf von psychiatrischer Hilfe höher sein wird als die aktuelle Inanspruchnahme.

Suchtkranke, die nicht ausreichend behandelt wurden, Menschen, die psychosozial instabil sind und solche, die an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung leiden, werden uns noch die nächsten Jahre beschäftigten.

Prof. Dr. Martin Walter Uniklinikum Jena

Daher sei es umso wichtiger, den Kontakt in Telefonsprechstunden und Videokonferenzen zu den Betroffenen zu halten.

Die regelmäßige ärztliche Versorgung sei ein Garant für den Behandlungserfolg, bestätigt Dr. Thomas Jochum, Chefarzt am Waldklinikum Gera. Dort würden bis 800 Gespräche wöchentlich am Telefon geführt, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen.

In Thüringen werden Patienten mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie, Psychosen oder Demenz in zwölf Krankenhäusern und Tageskliniken versorgt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. Januar 2021 | 19:00 Uhr

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