Corona-Pandemie Todesfälle in Thüringer Heim: Patientenschützer fordern Aufklärung

Nach einem Corona-Ausbruch in einem Rudolstädter Pflegeheim sind 18 Bewohnerinnen und Bewohner gestorben. 14 von ihnen sollen keinen ausreichenden Impfschutz gehabt haben. Zudem besteht der Verdacht, dass ihnen von der Immunisierung abgeraten wurde. Patientenschützer fordern nun Aufklärung.

Eine Pflegefachkraft geht mit Bewohnern durch das Seniorenheim
In einem Pflegeheim in Rudolstadt kam es nach Covid-19-Infekitonen zu zahlreichen Todesfällen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Nach einer Reihe von Todesfällen in einem Rudolstädter Seniorenheim im Zusammenhang mit Covid-19-Infektionen dringt die Deutsche Stiftung Patientenschutz auf Aufklärung. "Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht zu erfahren, was da los war", sagte Vorstand Eugen Brysch dem Evangelischen Pressedienst. Auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sei gefordert, "dass jetzt unverzüglich alles auf den Tisch gelegt wird".

In der K&S Seniorenresidenz in Rudolstadt-Cumbach sollen zwischen dem 5. und 25. November insgesamt 18 Bewohnerinnen und Bewohner an Covid-19 gestorben sein, laut Presseberichten auch, weil Angehörige zuvor von Impfungen abgeraten hätten. Demnach soll mehr als ein Drittel der 141 Heimbewohner nicht geimpft sein. Aktuell seien sechs Bewohnerinnen und Bewohner infiziert.

Eugen Brysch, Deutsche Stiftung Patientenschutz, schaut während des Interviews in die Kamera.
Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz fordert Aufklärung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Niedrige Impfquote trotz Angeboten

Unter Berufung auf das Landratsamt Saalfeld-Rudolstadt heißt es in dem Bericht, von den 18 Toten seien 14 nicht oder nur einmal geimpft gewesen. Doppelt geimpft waren demnach drei Betroffene, eine Person hatte eine Booster-Spritze erhalten. Eine Sprecherin der K&S Seniorenresidenzen sagte der Bild am Sonntag: "Ich kann bestätigen, dass Verwandte den Betroffenen empfohlen hatten, sich nicht impfen zu lassen."

Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung der Bewohner, deren Angehörigen oder Betreuer.

Sprecherin des Heimbetreibers

Allen Bewohnern seien mehrfach Impfangebote gemacht worden. "Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung der Bewohner, deren Angehörigen oder Betreuer. Es liegt nicht an Terminengpässen", sagte die Sprecherin des Betreibers. Auch ein mobiles Impfteam soll laut Thüringer Sozialministerium bereits am 20. Oktober für Booster-Angebote im Heim gewesen sein. In sozialen Netzwerken soll sich das Gerücht verbreitet haben, die Todesfälle stünden in Zusammenhang mit einer Booster-Impfung.

Aufklärung statt Fake News

Nach Ansicht von Patientenschützer Brysch muss nun geklärt werden, ob Betreuer oder Verwandte Impfungen verhindert hätten. In dem Fall stelle sich die Frage, warum vom Gesundheitsamt oder dem Heimbetreiber nicht frühzeitig das Vormundschaftsgericht eingeschaltet wurde, sagte Brysch. Er sagte: "Da die Impfquote, auch bei der Auffrischungen, in der Einrichtung so gering war, stellt sich die Frage, ob im November tägliche Tests für alle Mitarbeiter, Besucher und Bewohner durchgeführt wurden." Der Patientenschützer verlangte, Gerüchten in sozialen Netzwerken durch Aufklärung zu begegnen: "Also Fakten gegen Fake News."

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich im RedaktionsNetzwerk Deutschland erschüttert über die Vorfälle in dem Rudolstädter Heim und sprach von "völliger Unvernunft": "Hier war offenbar weder den Angehörigen noch der Heimleitung ausreichend bewusst, dass sie Leben auf Spiel setzen. Das ist unverzeihlich." Der scheidende Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), zeigte sich in denselben Zeitungen "ein Stück weit sprachlos" über die Vorgänge.

253 Todesfälle in Pflegeheimen in einem Monat

In Thüringen hatte es zuletzt immer wieder größere Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen gegeben. Binnen vier Wochen sind 253 Senioren im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion verstorben. Damit stieg die Zahl der dort registrierten Toten seit Beginn der Pandemie von Anfang November bis Anfang Dezember von 1474 auf 1727, wie aus Zahlen das Landesverwaltungsamtes hervorgeht. Dazu kommen noch 160 Fälle, die im Jahr 2020 händisch erfasst wurden, teilte eine Sprecherin des Amts der Deutschen Presse-Agentur mit. Für ganz Thüringen registrierte das Robert Koch-Institut seit Anfang November 539 Todesfälle in Verbindung mit einer Corona-Infektion.

Quelle: MDR(cfr),epd

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 05. Dezember 2021 | 13:00 Uhr

Mehr aus Thüringen

Zwei Uraltführerscheine 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK