Seelsorge Wut, Verachtung und Gewalt: Wie Corona-Demos Polizisten zusetzen

Polizei begleitet, beschützt, organisiert, kontrolliert. Vor allem bei den zahlreichen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. An Montagen sind es thüringenweit bis zu 90 Demonstrationen. Dort erfahren die Polizistinnen und Polizisten nicht selten besondere Wut. All das geht ihnen natürlich auch an die Substanz. Umso wichtiger, dass auch die Beamten in Uniform jemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können.

"Was Polizisten zu schaffen macht, ist die steigende Gewaltbereitschaft, dass Menschen sie anspucken, dass Menschen mit Gewalt drohen und diese auch ausüben. Darauf sind sie wohl vorbereitet. Aber erleben will das niemand!", sagt der evangelische Landespolizeipfarrer Jochen M. Heinecke. Er ist seit 20 Jahren seelsorgerisch für die Polizei tätig. Er geht in die Polizeiinspektionen oder ist bei Einsätzen dabei. Gespräche entstehen da oft nebenbei. Er will die Beamten dort abholen, wo sie sind. Seelsorge hat eine "Geh-Struktur", sagt er.

Der evangelische Landespolizeipfarrer Jochen M. Heinecke
"Wie wird das, wenn ich mal verletzt werde? Wie gehe ich damit um? Wo hole ich meine Motivation her?" Diese und andere Fragen versucht Polizeiseelsorger Jochen Heinecke zu beantworten. Bildrechte: dpa

Demonstranten bringen kleine Kinder mit zu Corona-Protesten

Seit Monaten sind Polizisten wegen der Corona-Proteste im Einsatz. Die Arbeitsbelastung ist hoch. Dazu kommen neue Herausforderungen. Denn in den Reihen der Demonstranten sind häufig auch alte Menschen ebenso zu sehen wie Kinder. Das mache das Handeln der Polizei noch anspruchsvoller, sagt der Polizeidirektor der Landespolizeiinspektion (LPI) Gera, Matthias Zacher. Es mache einen Unterschied, ob man es nur mit Erwachsenen zu tun habe oder auch mit Kindern.

Demonstranten stehen nebeneinander, einer trägt ein Kind auf den Schultern.
Dunkle Straßen, Blaulicht und aufgeheizte Stimmung: Auch bei dieser Corona-Demo in Erfurt brachten die Demonstranten ihre Kinder mit. Bildrechte: MDR/Stefan Heine

"Wir haben viele junge Väter und Mütter in unseren Reihen. Das soll ja auch so sein. Und für die ist es schon schwierig zu sehen, dass sie gegen Bürger Maßnahmen ergreifen müssen, die bewusst ihre Kinder mitbringen", sagt er. Dabei beobachte er, dass die Kinder zum Teil noch sehr klein sind oder gar noch im Kinderwagen liegen.

Nach emotionalen und stressigen Einsätzen häufen sich die Fragen

Nach Einsätzen, die für Polizisten anspruchsvoll oder besonders emotional waren, gilt es in der Nachbereitung der Einsätze, mit den Kollegen noch einmal intensiv über das Erlebte zu sprechen. Was ist gut gelaufen? Welche Fehler wurden während des Einsatzes gemacht? Wie fühlen sich die Kollegen nach dem Einsatz? Was belastet sie? All das seien Themen, so Zacher. Doch für diese Nachbereitungen - auch emotional - fehle oft die Zeit wegen neuer Einsätze.

Polizei steht demonstrierenden Menschen gegenüber
Corona-Demonstrationen sind anspruchsvoll und oft emotional belastend für die Polizeibeamten. Bildrechte: MDR/Stefan Heine

Diese Lücke versucht Jochen Heinecke zu schließen. Er ist auch bei Demonstrationen mit vor Ort. Versucht seelsorgerisch das aufzufangen, was die Polizisten belastet. Die Gesprächsthemen haben sich verändert, sagt er. Derzeit werde am häufigsten über die Einsätze bei Corona-Protesten gesprochen. "Wie wird das, wenn ich mal verletzt werde? Wie gehe ich damit um? Wo hole ich meine Motivation her?", gibt er einige Themen wieder.

Angst, dass ihnen was geschieht, dass sie misshandelt werden, dass sie abstumpfen, dass sie resignieren.

Polizeipfarrer Heinecke über die Sorgen in Polizei-Familien

Angehörige der Polizeibeamten sorgen sich

Gespiegelt werden dem Seelsorger auch Ängste der Familien und Freundeskreise. "Manche von den jüngeren Polizisten sagen, dass manche von ihren Partnerinnen oder Partnern Angst um sie haben und mehr Angst als früher. Angst, dass ihnen was geschieht, dass sie misshandelt werden, dass sie abstumpfen, dass sie resignieren. Das ist schon ein Problem, das Polizistinnen und Polizisten haben."

Corona-Demonstranten verweigern sich der Kommunikation

Belastend sei für die Polizisten vor Ort vor allem auch, dass sie viele Menschen nicht mehr erreichen, sagt der Polizeidirektor der LPI Gera, Matthias Zacher. "Wir haben durchaus Erfahrungen mit Demonstrationslagen. Da gibt es Auseinandersetzungen, da gibt es Kommunikation. Da kann man zumindest verbal einwirken. Was, glaube ich, diese Demonstrationslagen besonders macht, ist, dass sich die Personen regelmäßig einer Kommunikation entziehen. Zumindest einer Kommunikation mit der Polizei."

Seelsorger Jochen M. Heinecke verlässt die Polizeiinspektion und macht sich auf den Weg zum nächsten Gespräch
Seelsorger Jochen Heinecke verlässt die Polizeiinspektion und macht sich auf den Weg zum nächsten Gespräch. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Diese Menschen reden nicht mehr.

Jochen Heinecke

Das ist auch die Erfahrung, die Polizeipfarrer Jochen M. Heinecke bei verschiedenen Corona-Protesten gemacht hat. "Diese Menschen reden nicht mehr. Sie haben keinen Gesprächsbedarf. Ich nehme sie wahr als Menschen, die etwas darstellen wollen, die Posts setzen statt Diskussionsbeiträgen." Auch für Polizisten sei es schwer, auf Menschen zu treffen, die nur Behauptungen aussprechen, so Heinecke. Deshalb sei es für Polizisten so wichtig, über den Einsatz zu reden, bevor der nächste beginnt.

Quelle: MDR(ask)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | THÜRINGEN JOURNAL | 21. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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