Einschulung 2021 Wechsel vom Kindergarten in die Schule: Eltern fürchten Lockdown-Folgen

Eltern machen sich zunehmend Sorgen, ob ihr Kind trotz der monatelangen Schließzeit des Kindergartens wirklich schulreif ist. Sie fürchten, dass der Schulstart in der ersten Klasse problematisch sein könnte. Rückstellungen vom Schulbesuch sollten aber die Ausnahme sein, etwa bei Kindern mit größerem Förderbedarf oder chronischen Erkrankungen.

Zwei Schulanfänger mit Zuckertüte und Ranzen.
Alle Kinder, die am 1. August sechs Jahre alt sind, müssen an einer Grund- oder Gemeinschaftsschule angemeldet werden. Bildrechte: imago images / allOver-MEV

Ein gesundes, altersgemäß entwickeltes Kindergartenkind sollte mit sechs Jahren eingeschult werden, weil es reif dafür ist. So sieht es der Weimarer Kinderarzt Dirk Rühling. Wegen des monatelangen Shutdowns wollen mehr Eltern als in den Jahren zuvor von ihm wissen, ob ihr Kind doch lieber länger im Kindergarten bleiben sollte. "Kinder, bei denen Eltern sich Gedanken machen, können meistens in die Schule gehen, selbst wenn es im ersten Halbjahr ein bisschen schwierig wird." Mütter und Väter sind beunruhigt, ob der Nachwuchs alles im Kindergarten gelernt hat, was es für einen guten Start ins Schulleben braucht.

Bei Jungen, die erst im Juni oder Juli sechs Jahre alt werden, könnte eine Rückstellung vom Schulbesuch im Einzelfall sinnvoll sein, wenn die körperliche Entwicklung deutlich verzögert ist, es an Aufmerksamkeit mangelt oder auch Sprachstörungen vorliegen. Hier helfen Ergotherapie, Physiotherapie oder Logopädie.

Für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten verbessere sich durch längeren Verbleib im Kindergarten nichts, so der Kinderarzt. Die Körpergröße spiele keine Rolle, wenn es darum geht, ein Kind einzuschulen. Für Rühling ist es wichtig, dass die Eltern zur Vorsorgeuntersuchung U9 kommen. Dann sind die Kinder fünf Jahre alt - und ihre Beweglichkeit, Geschicklichkeit und die Sprachentwicklung werden kontrolliert.

Etliche Anfragen besorgter Eltern

In diesem Jahr erwartet Sonja Tragboth, Bereichsleiterin Kinder und Jugendhilfe bei der Awo Thüringen, dass coronabedingt mehr Eltern ihre Vorschulkinder nicht zur Schule schicken wollen. Sie hat von etlichen Anfragen gehört. Wenn deutlich mehr Vorschulkinder noch ein Jahr im Kindergarten betreut werden müssten, dann reichten die Plätze in einigen Kindergärten nicht aus. Nach Ansicht von Tragboth sind dann Ausnahmegenehmigungen nötig, denn die Plätze der Schulanfänger sind schon für Kleinkinder verplant.

Das Problem sieht auch Reimund Schröter, Referent für Kindertageseinrichtungen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Die Betriebserlaubnis für Kindergärten müsste angepasst werden, "um nicht zu viele Kinder auf zu wenig Raum" betreuen zu müssen. Gerade in Erfurt und Jena gebe es zu wenige Kindergartenplätze.

Laut Schröter ist eine genaue Prognose erst im Sommer möglich, wenn die Einschulungsuntersuchungen beendet sind. Manche Eltern würden auch erst dann den Antrag stellen, um das Kind vom Schulbesuch zurückzustellen.

Manche Kinder spüren Corona-Krise besonders

Schon jetzt geht Schröter davon aus, dass gerade Kinder mit besonderem Förderbedarf und aus Familien in sozial prekären Lebenslagen aufgrund geschlossener Kindergärten in ihrer Entwicklung benachteiligt sind. Es seien Defizite entstanden, weil die Kinder keine kontinuierlichen Alltagsroutinen und Strukturen erlebten und nicht mit anderen Kindern lernen und spielen konnten, um soziale Kompetenzen auszubilden.

Schulpsychologe: "Die meisten sind schulfähig"

Vieles ist aufholbar, sagt Mario ten Venne vom Schulpsychologischen Dienst im Schulamt Ostthüringen, zum Beispiel beim Malen, Basteln und Schneiden oder bei der Stifthaltung. Grundkompetenzen müssen in der Schule vermittelt werden. Unterschiedlich entwickelte Kinder zu unterrichten, dafür seien Grundschullehrer ausgebildet.

Es gebe infolge der Pandemie aber ein paar Kinder mehr mit besonderem Förderbedarf. Trotzdem seien die allermeisten schulfähig, sagt Mario ten Venne. "Was die Kinder können, muss erforscht und weiter entwickelt werden", wünscht sich der Psychologe.

"Wie gut ein Schüler in der Schule ankommt, hängt auch davon ab, wie sehr die Eltern überzeugt sind, dass ihre Kinder in der Schule gut aufgehoben sind." Wer sein Kind unbedingt zurückstellen will, sollte die ganze Schullaufbahn im Blick haben, sagt der Schulpsychologe. In der Pubertät passiere es häufig, dass sich mit sieben Jahren eingeschulte Kinder, die noch ein Schuljahr wiederholen mussten, zu erwachsen fühlten. Weil sie sich nicht mehr zugehörig fühlten, hätten sie keine Lust mehr auf Schule.

Anmeldung zur Einschulung wird vorgezogen

Für die Einschulung in Thüringen ist der Stichtag der 1. August. Alle an diesem Tag Sechsjährigen müssen für das kommende Schuljahr an einer Grund- oder Gemeinschaftsschule angemeldet werden - auch wenn ihr Kind nicht eingeschult werden soll.

Das passierte bisher immer im Dezember. Nach der neuen Thüringer Schulordnung wird der Termin ins Frühjahr vorgezogen. Eltern von Kindergartenkindern, die am 1. August 2022 sechs Jahre alt sind, müssen ihr Kind schon Anfang Mai dieses Jahres an einer Grundschule anmelden. Schulen in freier Trägerschaft nehmen Anträge auf einen Schulplatz bereits entgegen.

Wunsch auf Rückstellung muss begründet werden

Nach dem Thüringer Schulgesetz kann ein schulpflichtiges Kind im Ausnahmefall einmal für ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt werden, wenn aufgrund einer medizinischen Indikation die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen noch nicht gegeben sind. Für eine Rückstellung ist ein formloser Antrag nötig, der begründet werden muss.

Gespräche mit Eltern wichtig

Letztendlich entscheidet die Schulleitung. Für sie zähle der Elternwille, sagt eine Schulleiterin aus dem Weimarer Land. Schließlich seien sie die Experten ihrer Kinder. Sie spreche mit den Eltern über die Gründe, zum Beispiel, ob es lange krank war und welche Entwicklungsstörungen sie beim Kind wahrnehmen.

Der Schulleiterin ist zudem wichtig, wie die Erzieherin und die Leiterin des Kindergartens die Reife des Kindes einschätzen, und sie orientiert sich am Protokoll der Schuleingangsuntersuchung des Gesundheitsamtes. Aufgrund der angespannten Lage in den Ämtern durch die Pandemie werden zuerst die Kinder mit Förderbedarf untersucht. Bis zu den Sommerferien wollen die Ärzte möglichst alle Kinder begutachtet haben.

Unterschiedliche Shutdown-Folgen

Das Gesundheitsamt Weimar hat bisher rund 150 von 700 Kindern untersucht. Die zuständige Ärztin sieht das Hauptproblem bisher darin, dass ausländische Kinder im Kindergarten kaum notbetreut wurden und deshalb wenig Deutsch lernen konnten. Stark verhaltensauffällige Kinder hätten dagegen davon profitiert. Sie hatten "ihre Erzieherin praktisch für sich alleine", es gab nur feste Gruppen und so verringerten sich die Verhaltensstörungen.

Im Schuljahr 2020/21 wurden laut Schuljahresstatistik des Bildungsministeriums von rund 19.000 Kindern rund 17.000 fristgemäß eingeschult. Rund 1.400 starteten verspätet und etwa genauso viele wurden aus medizinischen oder pädagogischen Gründen nicht eingeschult.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. März 2021 | 10:00 Uhr

20 Kommentare

martin vor 30 Wochen

@ricwei: Ihre Pauschalschelte gegen die Babyboomer teile ich nicht. Das Rumgejammer nehme ich aus allen Altersschichten wahr und es gibt auch genug Menschen der Babyboomer-Jahrgänge, die nicht nur rumjammern.

Ihre Haltung, dass Kitas und Schulen als letztes geschlossen und als erstes wieder geöffnet werden, teile ich. Daher rührt meine Kritik an Minister Holter, der dies voriges Jahr früh propagiert hat - aber im Sommer & Frühherbst nicht hinreichend dafür gesorgt hat, dass möglichst viele Voraussetzungen geschaffen werden, dass das auch umsetzbar ist.

Was meiner Meinung nach überhaupt nicht zur Priorisierung von Kitas und Schulen passt, sind die angekündigten "Shopping Events" bei gleichzeitig "Dank" der Mutante wieder steil ansteigende Infektionszahlen.

martin vor 30 Wochen

@critica: Die Konsequenzen der Ignoranz gegenüber dem Virus kann man "wunderbar" sehen - allerdings muss man dafür seine Blase verlassen und über den Tellerrand hinaus schauen. Das scheint manche Zeitgenossen zu überfordern.

martin vor 30 Wochen

@lyn: Zunächst einmal finde ich es gut, wenn sich Eltern Gedanken um die schulische Entwicklung ihrer Kinder machen. Das ist mittlerweile leider nicht mehr selbstverständlich.

In Thüringen gilt die Schuleingangsphase der Klassenstufen 1 und 2 als eine Einheit. Es wird daher erst am Ende der Eingangsphase entschieden, ob die Ziele der Eingangsphase erreicht wurden und evt. wird die Eingangsphase dann um ein Jahr verlängert.

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