Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben

Verpasster Unterrichtsstoff"Depressiv, phlegmatisch und lethargisch" - Bundesverband der Nachhilfeschulen sieht Probleme an Schulen

von Rainer Erices, MDR THÜRINGEN

Stand: 08. Januar 2022, 06:00 Uhr

Der Bedarf an Nachhilfe für Schüler ist in der Corona-Pandemie "extrem hoch", sagt Cornelia Sussieck vom Bundesverband der Nachhilfeschulen, VNN. Die Bundesländer haben inzwischen reagiert und eigene Aufholprogramme aufgelegt. So können Schulen Gelder für nachhilfebedürftige Schüler beantragen. Sussieck kritisiert die Programme. Sie kämen zu spät, seien uneinheitlich und die bürokratischen Hürden für eine Beantragung teils zu kompliziert.

Es gebe keinen "Boom" in der Nachhilfe, sagt Cornelia Sussieck im MDR-Interview. Das liege nicht am Bedarf. Vielmehr würden sich viele Eltern auf die von den Ländern angekündigten kostenlosen Programme verlassen. Dieses Abwarten hält die Verbandssprecherin für ein "Riesenproblem". Man könne nicht Jahre verstreichen lassen, um Lernstoff aufzuholen.

Thüringen holt Lernstoff nicht nach

Beispielhaft nennt Sussieck die unterschiedliche Länderpolitik in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern habe es bereits im vergangenen Jahr ein Aufholpaket für die Schulen gegeben. In Thüringen dagegen sei erst im Sommer dieses Jahres ein Nachholprogramm gestartet worden. Dabei sei es etwa um Schwimmkurse, Naturlehrpfade oder soziale Dinge gegangen, jedoch nicht um eine wirkliche Nachhilfe für den Schulstoff.

Das Land Sachsen hätte anfangs für jede Schule 500 Euro geboten. Das sei deutlich zu wenig gewesen. Inzwischen laufe, so Sussieck, auch hier das Aufholpaket "sehr gut", nachdem die Landesregierung die möglichen Hilfen für die Schulen deutlich aufgestockt hätte. In Sachsen-Anhalt dagegen hätten viele Schulen Probleme beim Abrufen von bereitgestellten Geldern. Die Formulare seien zu kompliziert und würden oft falsch ausgefüllt.

Schwimmkurse wurden zeitweise nachgeholt - doch anderer Lernstoff teilweise nicht. Bildrechte: dpa

Hilfe bekommen zu kompliziert

Für Cornelia Sussieck ist das Aufholen der coronabedingten Lücken bundesweit ein "Riesenprojekt". Sie denke, dass die meisten Schulen damit überfordert seien. Selbst wenn nun Gelder für Nachhilfe fließen würden, quälten sich Schulen durch ein bürokratisches Dickicht. Es komme vor, dass Schulen die Gelder gar nicht abriefen, weil sie nicht die Zeit hätten, "sich einzuarbeiten in diese Bürokratie". Das sei  "sehr, sehr schade".

Die Wissenslücken durch Corona sind groß, sie zu schließen ein Groß-Projekt. Bildrechte: Colourbox.de

Einser-Schüler leiden auch unter Pandemie

Denn die Kinder bräuchten die Nachhilfe, sagt Sussieck, und damit meine sie nicht nur allgemein leistungsschwächere Schüler. Auch jene, die nun von einer Eins auf eine Zwei rutschten, litten genauso unter den Folgen der Pandemie. Leider gebe es Bundesländer und auch Schulen, die nur jenen Kindern, die ohnehin seit Jahren bereits finanzielle Hilfen für die Nachhilfe bekämen, unterstützten. Es wäre gerechter, sagt Sussieck, wenn jetzt alle Kinder die Nachhilfeförderung bekommen könnten.

Auch sonst gute Schüler leiden unter der Pandemie. Bildrechte: imago images/photothek

Kinder können sich nicht mehr konzentrieren

Eine Umfrage des Verbands der Nachhilfeschulen habe im Juni dieses Jahres ein besorgniserregendes Bild von der Lage der Schüler in Deutschland ergeben. Demnach haben die Kinder in der Corona-Zeit "vergessen, wie man lernt". Viele Schüler könnten sich nur noch wenige Minuten konzentrieren. Die Aufmerksamkeit sinke bei den Kindern auch, weil sie selbst keine Aufmerksamkeit mehr bekämen. Viele würden "depressiv, phlegmatisch und lethargisch".

Und das, so sagt Cornelia Sussieck, seien "ganz, ganz große Probleme". Mit Nachhilfe allein ließen diese sich sicher nicht einfach lösen. Zumindest jedoch sollten diese Probleme nicht weiter verschleppt werden.

Zahl der Schulabbrecher steigt

Schon im ersten Jahr der Pandemie hätten Bildungswissenschaftler davor gewarnt, dass die Zahl der Schulabbrecher steigen werde. Die aktuellen Zahlen bestätigten das. Die Tendenz, so befürchtet Sussieck, werde sich weiter fortsetzen, "weil einfach viel zu wenig getan wird und viel zu spät dabei angesetzt wird, die Corona-Lerndefizite aufzuarbeiten".

So würden Schulen in manchen Bundesländern dazu übergehen, keine Noten mehr zu geben oder weniger Klassenarbeiten zu schreiben. "Wenn ich mir vorstelle, ein zwölfjähriges Kind soll eine Klassenarbeit in Deutsch über den Stoff eines ganzen Halbjahres schreiben. Und wenn es das nicht schafft und da die Fünf oder Sechs hinlegt, dann ist das ganze Halbjahr verloren."

Die Schulen sollten nunmehr, "schnellstmöglich" mit entsprechenden Nachhilfeeinrichtungen zusammenarbeiten. Das sei auch eine Chance der Pandemie. Bundesweit gebe es geprüfte Nachhilfe-Lehrkräfte, mit denen die Kinder gemeinsam den entgangenen Stoff aufholen könnten.

Mehr zu Schule in Corona-Zeiten

Mehr zu unserer Serie "Corona - und dann?"

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 08. Januar 2022 | 05:00 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen