Corona - und dann? Bildungsreformerin Margret Rasfeld: Radikaler Wechsel in der Bildungspolitik

"Wir haben uns ausgerichtet auf Selektion, Stoffvermitteln und Bestnote und dann studieren." Die Autorin und Reformpädagogin Margret Rasfeld hält das für eine Fehlentwicklung und fordert radikale Änderungen an Schulen. Im Interview spricht sie darüber, wie Schüler im Lockdown sich selbst überlassen gewesen waren und wie wichtig projektbasiertes Lernen sei.

Schule in Zeiten der Pandemie und das Lernen im Lockdown hätten besser laufen können, meint die Reformpädagogin und Autorin Margret Rasfeld. Doch dafür bräuchten Kinder in unserer Gesellschaft eine Lobby und bundesweit koordinierte Unterstützung von Experten. Stattdessen habe jedes Bundesland "vor sich hin gepuzzelt" mit mehr oder weniger Erfolg. Die Digitalisierung sei ausgebaut worden, doch das sei nicht wirklich innovativ: Wie vor der Pandemie sollen Schüler auch jetzt in der Schule funktionieren und "möglichst schnell wieder in die Normalspur der Lehrplanerfüllung kommen". Das müsse sich radikal ändern.

Höher, schneller, weiter

"Wir stehen vor riesengroßen Voraussetzungen - von Klimakrise bis Krieg jetzt", sagt Margret Rasfeld. Die Gesellschaft habe ein System geschaffen, wo es stets um höher, schneller, weiter gehe, und um Konkurrenz gegeneinander. Überall werde das gelebt, in der Wirtschaft, im Gesundheitssystem, im Bankensystem und auch in der Schule.

Wir haben uns ausgerichtet auf Selektion, Stoffvermitteln und Bestnote und dann studieren.

Reformpädagogin und Autorin Margret Rasfeld

Rasfeld hält das für eine Fehlentwicklung. Stattdessen sollten Kinder lernen, wie sie mit einer komplexen Welt, mit Unsicherheiten und Veränderungen umgehen können.

Natürlich bräuchten die Kinder Fachwissen, aber dieses müsse sie auch bewegen und berühren - und sie müssten lernen, wie sie selber tätig werden und selbstständig Dinge beeinflussen könnten. Ganz im Sinn einer nachhaltigen Bildung, wie sie seit 2017 im Nationalen Aktionsplan in Deutschland gefordert wird.

Zwei Schülerinnen mit Mund- und Nasenschutz beraten sich im Unterricht in einem Geographie-Seminar in der Jahrgangsstufe elf am staatlichen Gymnasium Trudering über ein Arbeitsblatt.
Fachwissen ist wichtig, doch auch "klarkommen" in der richtigen Welt. Bildrechte: dpa

Schüler verlieren den Anschluss

Margret Rasfeld, die vor ihrem "aktiven Ruhestand" selbst als Schulleiterin arbeitete, sagt, dass die Coronazeit bestehende Probleme in der Bildungspolitik Deutschlands verdeutlicht habe. Kinder seien auf einmal mit ihren psychosozialen Problemen aufgefallen. Im Lockdown seien Schüler sich selbst überlassen gewesen - sie hätten den Anschluss an das Lernen verloren. Dabei, sagt Margret Rasfeld, habe die Forderung nach selbstorganisiertem und selbständigem Lernen in jedem Schulgesetz gestanden - auch vor der Pandemie.

Es sei nicht ausreichend beachtet worden, und werde es weiter nicht. Im Gegenteil - Lehrer hielten weiter "in einem Fächerkorsett" Stunden ab, statt ihre Schüler beim selbstorganisierten "Lernenlernen" zu begleiten und zu unterstützen. Die Kinder müssten täglich "fremde Fragen" beantworten und verlernten so, kreativ zu sein oder auch eigene Fragen zu stellen. Dazu kämen Leistungsdruck, Noten und der Wunsch, die eigenen Eltern nicht zu enttäuschen.

Sinnloses Wissen?

95 Prozent dessen, was in der Schule an Fakten gelernt werde, sagt Rasfeld und verweist auf Forschungsstudien, sei fünf bis zehn Jahre später weg. Schüler lernten ihren Stoff, ohne emotional oder inhaltlich damit verbunden zu sein und damit, ohne einen Sinn darin zu sehen und diesen Stoff auch anzuwenden. In einer Untersuchung hätten Schüler einer achten Klasse eine Klassenarbeit aus der sechsten Klasse Physik unangekündigt geschrieben. Im Ergebnis seien fast nur Vieren und Fünfen herausgekommen. Rasfeld resümmiert:

Wir brauchen jetzt eine Entrümpelung des Lehrplans. Wir brauchen verpflichtend projektbasiertes Lernen.

Margret Rasfeld

Kleine Forscher

Etliche Schulen in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz haben ihr Lehrsystem umgestellt und setzen auf derartiges projektbasiertes Lernen. Auch in Bayern und Sachsen beteiligen sich Schulen an dem Modell. Im Podcast erläutert Rasfeld das Projektlernen anhand des von ihr erfundenen FreiDay, einem Tag, an dem sich Schüler den selbstgewählten Inhalten ihres Projekts nähern. An einem solchen Tag könnten sich Kinder beispielsweise dem Thema Wasser widmen: Die Kinder suchen sich Forscherfragen, die sie interessieren. Sie schließen sich in Gruppen zusammen und stellen Pläne auf, wie sie ihre Fragen beantworten können.

Im Testraum des San-Raffaele-Krankenhauses in Mailand lachet ein junges Mädchen staunend, als der kleine Roboter Nao ihr, im Rahmen des Forschungsprojekts Aliz-e, seine Tanzkunststücke vorführt (Foto vom 27.07.2010). Für das Mailänder Forschungsprojekt kommt jedes Kind drei Mal ins Krankenhaus, um zu spielen. Nao ist mit sechzig Zentimetern Größe wesentlich kleiner als die Kinder, mit denn er spielt, doch die Forscher des Aliz-e Projekts haben Großes mit ihm vor. Nao ist ein Roboter. Wenn er voll ausgereift ist, könnte er eines Tages zum Personal von Kinderkliniken gehören, um kleinen Patienten die Angst vor Ärzten und Apparaten zu nehmen. Das über Forschungsinstitute in ganz Europa verteilte Projekt wird von der Europäischen Union über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren mit insgesamt knapp elf Millionen Euro gefördert.
Einen Tag in der Woche "Forscher" sein.... Bildrechte: IMAGO / Prod.DB

Eine Gruppe könnte das regionale Wasserwerk besuchen, im Internet zur Versorgung recherchieren und vielleicht ein Modell bauen. Eine andere recherchiere zur Versorgung in armen Ländern und kommuniziere mit Hilfsorganisationen oder Firmen. Die dritte Gruppe könnte Gedichte untersuchen, in denen Wasser eine Rolle spiele.

Und am Ende der Projektzeit könnten die Gruppen den Mitschülern von ihrer Arbeit berichten, Kinder wüssten sehr genau, was andere Kinder interessiere. Und ganz nebenbei, sagt Margret Rasfeld, hätten die Kinder wichtige Fähigkeiten geübt: wie man ein Thema aufbereitet, wie man kommuniziert, wie man Dinge darstellt. In der Wirtschaft, so die Pädagogin, werde zu großen Teilen bereits in Projekten gearbeitet, eine Anforderung der Zukunft. Es komme nun darauf an, dass das auch an Schulen gelehrt werde.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 19. März 2022 | 18:00 Uhr

60 Kommentare

Horus vor 45 Wochen

die vierte Gruppe könnte sich mit Heine beschäftigen ,kann ich nur empfehlen " Denk ich an Deutschland in der Nacht ... " jeder weiß wie es weiter geht hoff ich jedenfalls

Sozialberuflerin vor 45 Wochen

@sigrun

"Wenn man eine Quelle benennt, hat man diese korrekt anzugeben."

Die geforderte Quelle war so angegeben, wie es im heutigen digitalen Zeitalter erforderlich ist!

Mit etwas Hintergrundwissen, Eigeninitiative und Willen, konnte man mit z.B. dem Verfahrensweg, wie es Tschingis 1 getan hat zum Ziel kommen!

Sie machen gerade sehr deutlich, worum es hier geht!!

Sie verlangen die Methode, die Sie meinen (und wie stupide erlernt) die richtige wäre

Jedoch machte Tschingis1 deutlich, was noch möglich ist!!

Sie jedoch beharren auf "ihre Richtigkeit" und alle anderen haben Unrecht

Die Quelle war da, man konnte sie nachverfolgen, basta
Ob sie nun damit zufrieden sind oder nicht!!

Bitte belassen Sie es bei "zum letzten"!!


Sigrun vor 45 Wochen

OK, zum Letzten:
Wenn man eine Quelle benennt, hat man diese korrekt anzugeben. Das lernen Kinder schon in der Schule.
Zum anderem von mir schon oben geschrieben, wenn Frau Iryna Tybinka fordert, dass ukrainische Kinder nach ukrainischen Lehrplänen an deutschen Schulen unterrichtet werden, dann läuft hier etwas falsch. Die Kinder befinden sich in Deutschland und da gilt deutsches Recht. Wenn die Ukraine möchte, dass ukrainische Kinder nach den Lehrplänen ihres Landes unterrichtet werden, muss die Ukraine hier ukrainische Schulen eröffnen und finanzieren.
Und wer glaubt, dass die Familien mit ihren Kindern zeitnah zurück in die Ukraine gehen, dem wünsche ich kein böses Erwachen.

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