Covid-19 Erfurter Shopping-Experiment unter kreisfreien Städten umstritten

Die Idee für eine zeitlich begrenzte Wiederöffnung des Einzelhandels in der Landeshauptstadt stößt auf viel Kritik. Unterstützung für seine Idee erhält Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein vom Nordhausener Landrat Matthias Jendricke.

In mehreren kreisfreien Städten Thüringens stößt die Idee von Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) für eine zeitlich begrenzte Wiederöffnung des Einzelhandels in der Landeshauptstadt auf Skepsis und Kritik. "Ich halte davon nichts", sagte Weimars Oberbürgermeister Peter Kleine der Deutschen Presse-Agentur. "Die Idee kommt mir vor, als würde man einem Ertrinkenden im Vorbeischwimmen einen Rettungsring ohne Leine zuwerfen."

Bauseweis Idee sah vor, an zwei Tagen die Innenstadt-Geschäfte in Erfurt zu öffnen. Erfurter mit einem negativen Corona-Schnelltest bekommen ein Bändchen und dürfen shoppen - so der Plan. Kleine hatte am Mittwoch für ein Weimar ein anderes Modell vorgestellt, das eine Öffnung zunächst bis Ende April vorsieht.

Um die von Bausewein zunächst geplanten zwei Tage Shopping zu ermöglichen, würden große finanzielle und personelle Ressourcen gebunden werden müssen. Dabei stünden Kosten und Nutzen in keinem Verhältnis zueinander. Skepsis besteht auch in Jena, Gera und Eisenach.

Interesse bei Unternehmen sei verhalten

"Wir können uns so etwa derzeit für Jena nicht vorstellen, wegen der wieder steigenden Inzidenzen, gerade auch in Jena", sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung. Es sei mit den Innenstadthändlern über die Erfurter Idee gesprochen worden. Doch selbst bei den Unternehmen sei das Interesse an einer solch kurzen Öffnung eher verhalten gewesen.

Besonders kritisch sei, dass mit der Aktion möglicherweise Hoffnungen bei den Händlern, aber auch bei den Kunden geweckt würden, die sich dann in der Folgezeit nicht erfüllen ließen. "Wir sehen uns am Anfang einer dritter Welle", sagte der Sprecher.

Bausewein will die Einzelhandelsgeschäfte in Erfurt für einen beschränkten Zeitraum für die Einwohner öffnen, die einen negativen Corona-Test vorweisen können. Er hält seinen Vorstoß für ein "Experiment mit kalkulierbarem Risiko". Es gehe darum, Händlern Umsatz zu ermöglichen, aber auch darum, möglichst viele Einwohner auf eine Corona-Infektion zu testen, argumentierte der SPD-Politiker.

Für Öffnungen im März solle eine kostenlose Schnelltest-Strecke zur Verfügung gestellt werden. Die Kosten für die Aktion schätzt die Stadtverwaltung Erfurt auf eine sechsstellige Summe, die örtliche CDU spricht von 250.000 Euro.

Neue Thüringer Corona-Verordnung enthält Experimentierklausel

Nach Daten der Landesregierung lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Mittwoch in Erfurt bei etwa 70, in Jena bei 77 und in Weimar bei 52. In der neuen Thüringer Corona-Verordnung, die ab dem 14. März gelten soll, wird eine Art Experimentierklausel für lokale Öffnungen mit Auflagen stehen, hat die Landesregierung angekündigt. Sprecherinnen der Stadtverwaltungen Gera und Eisenach erklärten, es sei derzeit keine Übernahme des Erfurter Shopping-Experiments geplant.

Interesse bestehe aber an der Auswertung, hieß es in Eisenach. "Zu begrüßen ist, dass das Land Thüringen mit diesem Modellversuch gegebenenfalls regional begrenzte Lockerungen ermöglichen kann", so die Sprecherin. Gera weist nach Angaben der Landesregierung derzeit eine Sieben-Tage-Inzidenz von etwa 110, Eisenach von etwa 64 auf.

Nordhausener Landrat unterstützt Erfurter Idee

Unterstützung erhielt Bausewein für seine Idee von einem Landkreis mit einer vergleichsweise niedrigen Sieben-Tage-Inzidenz: Nordhausen. "Wir würden das auch machen", sagte Landrat Matthias Jendricke (SPD). Kritisch sehe er an dem Vorstoß Bauseweins nur, dass die geplante Öffnung nur zwei Tage umfassen soll. Angesichts des damit verbundenen Aufwandes "wäre mir das ein bisschen wenig", sagte Jendricke.

Die Sieben-Tage-Inzidenz lag in Nordhausen am Mittwoch nach den Daten der Landesregierung bei etwa 68. Er sei gegen einen "Einheitsbrei" bei den Corona-Beschränkungen, sagte Jendricke. "Ich kann mir bei uns sogar die Öffnung der Fitnessstudios vorstellen", sagte er.

Er halte das Risiko für überschaubar, wenn Menschen, die dort trainieren wollten, einen aktuellen, negativen Schnelltest vorweisen könnten. Derartige Lockerungen im Sport, aber auch im Einzelhandel zuzulassen, seien eine Möglichkeit, Menschen zu motivieren, in der Corona-Pandemie durchzuhalten und sich regelmäßig testen zu lassen, sagte der Landrat.

Weimars Oberbürgermeister Kleine sagte, er wolle, dass ab 15. März in der Klassikerstadt die Öffnungsschritte gegangen werden könnten, auf die sich Bund und Länder auf ihrem jüngsten Corona-Gipfel verständigt hatten. Angesichts der relativ niedrigen Infektionszahlen sei es seine Pflicht, "den Menschen in der Stadt Weimar eine Perspektive aufzuzeigen, die es ihnen ermöglicht, wieder mit Optimismus in die Zukunft schauen zu können und eine gewisse Normalität zurückzuerlangen".

Es könnten in Weimar Einschränkungen im Einzelhandel, in der Gastronomie und auch im Sport zumindest gelockert werden. Thüringen ist nach wie vor das Bundesland, das am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen ist. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 134.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dpa,jni

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 10. März 2021 | 20:00 Uhr

Mehr aus Thüringen