Corona - und dann? Corona-Krise: Unsicherheit, Erschütterung und Umgang mit dem Tod

Eine kollektive Erschütterung unserer Sicherheiten sieht der Hallenser Theologe Michael Domsgen in der Pandemie. Sie biete aber auch Chancen für die Frage nach wirklich Unverzichtbarem und eine innerliche Neuausrichtung. In unserer Reihe "Corona – und dann?" geht es auch um Polarisierungen, einen Konsens "gern zu konsumieren" und den "outgesourcten" Umgang der Gesellschaft mit dem Tod.

Ein Mann steht an einem Fenster und schaut nach draußen.
Domsgen: "Angesichts Corona könnten sich die Menschen fragen, was das Unverzichtbare sei, was das Elementare?" (Symbolbild) Bildrechte: imago/PhotoAlto

Der Theologe Michael Domsgen sieht in der Corona-Pandemie die Chance für eine innerliche Neuausrichtung der Menschen. Im Interview mit MDR THÜRINGEN sagte der Professor für Religionspädagogik an der Universität Halle, die Pandemie sei eine "grundlegende kollektive Erschütterung unserer Sicherheiten".

Unter anderem müssten sich die Menschen mit Krankheiten und Tod und damit auch mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Die Gesellschaft würde "von einem Lebensgefühl eingeholt, was wir überwunden zu glauben meinten". Gleichzeitig merkten die Menschen, dass mit der Klimakrise die nächste Krise "am Horizont" warte.

Grenzen des Wachstums

Domsgen sagte dem MDR, die Frage sei nun, ob die Menschen es schafften, die eigene Begrenztheit "konstruktiv mit einzubringen". Endlichkeit bedeute auch, dass sich das permanente Wachstum unserer Welt nicht umsetzen lasse. Wenn Ressourcen begrenzt seien, könnten Menschen nicht unendlich immer mehr verbrauchen. Die Menschen müssten lernen, mit der Endlichkeit global, gesellschaftlich aber auch persönlich konstruktiv umzugehen. Nur so könnten sowohl sie als auch "die neben uns und jene, die nach uns kommen" zu einem erfüllten Leben kommen.

Als Theologe beobachte er, dass die Menschen unserer Gesellschaft in einer Gegenwartsfokussierung verhaftet seien. Sie bräuchten jedoch auch einen größeren Blick nach vorn und zurück. So könnten sie sich einordnen und besser verstehen. Religiöse Perspektiven böten hier "eine ganze Menge".

Beispielhaft nannte Domsgen den Umgang der Gesellschaft mit Tod. Für moderne Menschen sei der Tod, abgesehen von schlimmen Krankheiten oder Unglücken, lediglich ein Thema für die letzten Jahre im Alter, "etwa 80 plus": "Wir haben den Tod outgesourct". Wie vor hundert Jahren würden jedoch die Menschen nun von einer Krankheit bedroht, die sie in Unsicherheiten stürze. Das Leben würde damit für sie "unverfügbar" werden, sagte Domsgen.

Verschiedene Särge stehen in einem Raum, auf ihnen Preisschilder
Den Tod "outgesourct" Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Nach seiner Ansicht seien viele Menschen angesichts Corona überfordert. Die Polarisierungen von Meinungen zur Krise, die wir in der Gesellschaft erlebten, seien ein "Versuch der Komplexitätsreduktion". Eine bestimmte ausgewählte und vereinfachte Perspektive helfe überforderten Menschen. Domsgen sagte, er würde sich wünschen, dass auch die Kirchen Impulse setzten, diese Polarisierungen in der Gesellschaft aufzubrechen.

Corona - und dann? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Pandemie aus?

Eine Frau mit Mund-Nasenschutz-Maske schaut nachdenklich auf den leuchtenden Weihnachstbaum im Wohnzimmer
Bildrechte: imago images/MiS

"Outgesourcter" Umgang mit dem Tod und tiefergehende Erschütterung von vermeintlichen Sicherheiten - ein Gespräch mit dem Hallenser Religionspädagogen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 01.04.2021 15:39Uhr 19:21 min

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Dominanz von wirtschaftlichem Erfolg und Konsum

Ein "großes Problem" sehe er darin, dass beispielsweise an Schulen Fächer wie Ethik und Religion offenbar weniger wert seien als sogenannte Kernfächer. Im Vordergrund stünden Mathe, Deutsch und Englisch, die Kindern beibringen sollen, wirtschaftlich und ökonomisch erfolgreich zu sein. Domsgen sagte: "Wir sind Lebewesen, die mit Schuld, mit Unzulänglichkeiten und mit Trauer umgehen müssen." Die Gesellschaft habe sich auf einen Hauptfokus geeinigt, "sehr gern zu konsumieren". Angesichts Corona könnten sich die Menschen fragen, was das Unverzichtbare sei, was das Elementare?

Ein Mann mit einem Telefonhörer in der Hand in nachdenklicher Pose vor einem Computer
Wirtschaftlicher Erfolg stehe derzeit in der Gesellschaft im Vordergrund Bildrechte: colourbox

Quelle: MDR THÜRINGEN

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