"Der Öffentliche Gesundheitsdienst steht vor dem Kollaps" Corona: Thüringer Gesundheitsämter an der Belastungsgrenze

Es ist 8:15 Uhr an einem Mittwoch, als Renate Koch, die Amtsärztin im Ilmkreis, ihr Büro betritt. Auch an diesem Tag, wie nun schon seit neun Monaten, warten unzählige Aufgaben auf sie: Konferenzen, Gespräche mit Mitarbeitern, Telefonate. Ihr Büro wird sie erst kurz vor 23 Uhr am Abend wieder verlassen.

Ein Arzt hält eine OP-Maske in der Hand.
Die Kontaktverfolgung ist für die Bekämpfung der Corona-Pandemie unabdingbar (Symbolbild). Bildrechte: imago images/Westend61

Die Thüringer Gesundheitsämter arbeiten in der Corona-Pandemie immer mehr an der Belastungsgrenze und darüber hinaus. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN haben alle Ämter ihr Personal aufgestockt und Mitarbeiter aus anderen Abteilungen des Landratsamtes oder der Stadtverwaltungen abgezogen, um die aktuell steigende Zahl an Neuinfektionen bewältigen zu können. In zehn von 22 Ämtern, etwa in Erfurt, Jena, Sonneberg und im Eichsfeld, unterstützt außerdem die Bundeswehr.

Im Landkreis Hildburghausen, einem Corona-Hotspot im Freistaat, kümmern sich derzeit insgesamt 40 Mitarbeiter um Kontaktverfolgung, Tests und Anfragen seitens der Bevölkerung. Wie ein Sprecher MDR THÜRINGEN sagte, ist die Anzahl der Mitarbeiter seit dem Frühjahr verdreifacht worden.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst steht vor dem Kollaps.

Florian Weisser, Landratsamt Hildburghausen

Einsatz an sieben Tagen die Woche

Die Gesundheitsämter könnten vielerorts Infektionsketten aufgrund der rasant steigenden Zahl von Neuinfektionen nicht mehr nachvollziehen. Das Infektionsgeschehen verteile sich mittlerweile diffus über die Landkreise hinweg. So sind zum Beispiel im Greizer Gesundheitsamt allein 23 Mitarbeiter sieben Tage die Woche mit versetzten Arbeitszeiten für die Kontaktnachverfolgung zuständig. Auch andere Ämter haben ein Schichtsystem an sieben Tagen der Woche eingeführt Abstrichteams kümmern sich täglich um hunderte von Corona-Tests. Ermittler gehen der Frage nach möglichen Kontakten nach.

Schon allein das sei schwierig. Hinzu komme, dass in der Bevölkerung die Akzeptanz für die derzeit geltenden Verordnungen abnimmt. Wie ein Sprecher aus dem Landratsamt Gotha mitteilte, werden Mitarbeiter deswegen zunehmend angefeindet und beleidigt. 

Bundeswehr 6 min
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Exakt Mi 28.10.2020 20:15Uhr 05:50 min

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Vorwurf: Keine Hilfe vom Land

Nennenswerte Hilfe vom Land gebe es keine, so der Vorwurf der Thüringer Gesundheitsämter. Weder die versprochene finanzielle, technische noch personelle Unterstützung seitens des Bundes und des Landes seien in den Gesundheitsämtern vor Ort angekommen, teilte eine Sprecherin des Landratsamtes Sonneberg mit.

Stattdessen würden unklare und sich ständig ändernde Rechtsverordnungen mit vielen Ausnahmen und kurzfristigen Änderungen für eine Vielzahl von telefonischen Nachfragen sorgen. Diese müssten ebenfalls von den Ämtern bewältigt werden.

Ein Schild mit der Aufschrift "Gesundheitsamt".
Ein Schild, das den Weg zum Gesundheitsamt weist (Symbolbild). Bildrechte: imago images/Waldmüller

Aus dem Gesundheitsamt in Altenburg heißt es, dass die Mitarbeiter zunehmend erschöpft und auch frustriert von dem unklaren Agieren der Landesregierung seien. Andere wichtige Arbeiten der Gesundheitsämter würden derzeit auf der Strecke bleiben.

Die aktuelle Welle ist deutlich größer als die im Frühjahr, aber die Thüringer Maßnahmen sind wesentlich schwächer.

Professor Stefan Dhein, Amtsarzt Altenburger Land

Gesundheitsministerium weist Darstellung zurück

Die Landesregierung weiß um die extrem herausfordernde Situation in den Ämtern. Diese würden die Hauptlast bei der Bekämpfung der Pandemie tragen. Obwohl man Verständnis für die Wahrnehmung der Gesundheitsämter habe, weise das Gesundheitsministerium die Darstellung zurück, es gebe keine Hilfe.

Erst vor gut einer Woche hatte Gesundheitsministerin Heike Werner verkündet, eine Million Euro für zusätzliches Personal den Gesundheitsämtern zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Geld, das ab Dezember fließen soll, könnten externe Anbieter von Telefondienstleistungen zur Kontaktverfolgung eingekauft werden. Aktuell werde geklärt, inwieweit die Landesregierung noch Personal zur Verfügung stellen kann, zudem sei ein Aufruf an Studenten geplant. Auch die Krankenkasse AOK hat angeboten fast 100 Beschäftigte als Hilfe für die Ämter in Sachsen und Thüringen bereitzustellen.

Heike Werner Gesundheitsministerin Thüringen
Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner. Bildrechte: dpa

Verordnungen sind massiver Eingriff in Alltagsleben

Durch regelmäßige Videokonferenzen und Konferenzen sei man über die Situation in den Gesundheitsämtern gut informiert, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Hilfe vom Land erfolge häufig aber nur indirekt, etwa beim Weiterleiten von Anträgen oder der fachlichen Beratung. Da die Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie massive Eingriffe in das Alltagsleben der Menschen seien und Grundrechte einschränkten, müssten sie permanent überprüft und angepasst werden. Keine Maßnahme dürfe länger als notwendig dauern.

Auch wenn die aktuelle Situation in den Gesundheitsämtern nicht mit der im Frühjahr vergleichbar sei, so haben viele seit März ihre Arbeitsabläufe optimiert und strukturiert. Die Mitarbeiter seien erfahrener im Umgang mit der Pandemie. Dennoch blieben viele andere wichtige Aufgaben derzeit auf der Strecke.

Quelle: MDR THÜRINGEN/the

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15. November 2020 | 07:00 Uhr

9 Kommentare

Wahrsager vor 30 Wochen

Liebe(r) mattotaupa (m/w/d) , in meinem Beitrag war von Stadtverwaltung die Rede und nicht von Ordnungsamt oder Gesundheitsamt, die ja wohl beide der Stadtverwaltung unterstehen. Und da sollte es ja dann wohl kein Problem sein, Knöllchenverteiler zur Kontaktverfolgung heranzuziehen. Aber wie gesagt, jeder hat seine eigenen Prioritäten. Wenn der Stadtverwaltung Knöllchen wichtiger sind, dann bitte schön...

Critica vor 30 Wochen

So ist es nun mal. Im Winter ist der Winterdienst überlastet - und klagt. Im Sommer sind die Eisverkäufer überlastet - und klagen. Manchmal klagen Lehrer über zu viele Überstunden oder Polizisten über zu viel Streifendienst. Und nun können mal die Gesundheitsämter klagen...
Wie wäre es denn, wenn man diesen Verfolgungswahn einstellt und sich auf die Menschen konzentriert, die erkrankt sind? Die Verfolgung ist ohnehin ein Kampf gegen Windmühlen. Seit Monaten wird verfolgt und verfolgt - mit welchem Ergebnis?

Freies Moria vor 30 Wochen

Es ist eine Sache, wenn man Kontake nicht mehr nachverfolgen kann.
Eine ganz andere Kategorie ist es, wenn gemeldete Kontakte ignoriert werden oder auf eigene Veranlassung Tests besorgen müssen - das passiert nicht nur in Berlin sondern auch hier auf dem Lande.
Wenn das Testen-Mantra nicht mehr gilt, dann können wir die Kontaktverfolgung ganz streichen.
Man muß sich dann aber auch fragen, wieso Urlauber zuletzt in Risiko-Gebiete geschickt wurden weil sie im sicheren Inland nicht mehr urlauben durften. Und wieso die Grenzen zu den viel stärker belasteten Nachbarländern offen geblieben sind, obwohl mit Teilschließung gute Erfahrungen gemacht wurden.
Und so kann man mit allen Regeln weitermachen - auch der Vorschlag mit geschenkten Masken für Risikogruppen ist lächerlich, wenn man Kontakte von Infizierten nicht testet!
Wie ich es auch drehe, das Gesundheitsamt vor Ort leidet wie alle anderen daran, daß die Maßnahmen pro-Bußgeld und nicht contra-Virus sind.
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