Corona - und dann? Fördern in Zeiten von Corona: Jenaer Wirtschaftswissenschaftler fordert Nachhaltigkeit

Der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Cantner fordert angesichts der Corona-Pandemie ein Umdenken des Staates bei seiner Wirtschaftsförderung. Der Professor denkt dabei an ein Zusammengehen von Wirtschaft und Staat.

Hilfspaket mit Geldscheinen
Hilfspaket mit Geldscheinen: Lieber neu denken, rät der Volkswirt. Bildrechte: imago images / Steinach

Der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Cantner fordert angesichts der Corona-Pandemie ein Umdenken des Staates bei seiner Wirtschaftsförderung. Im Interview mit MDR THÜRINGEN sagte der Professor der Universität Jena, der Staat müsse zur Lösung der Zukunftsfragen eine Strategie entwickeln, um die Wirtschaft umzusteuern - "weg von den bisherigen Gefahren". Damit meine er keine Staatswirtschaft, sondern ein Zusammengehen von Wirtschaft und Staat für mehr Nachhaltigkeit.

Uwe Cantner, Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Volkswirtschaftslehre FSU Jena und Vorsitzender Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung
Uwe Cantner Bildrechte: MDR/Anne Günther, FSU Jena

Cantner sagte, über 50 Jahre habe der Staat Geld an die Wirtschaft verteilt, im Glauben, die Akteure würden dann das Richtige tun. Die Krisen unserer Zeit erforderten nun neue Wege: weg vom alten ökonomischen Denken, vor allem jetzt, wo der Staat viele Unternehmen mit Fördergeldern das Überleben sichere. Sonst hätte Corona einen "unheimlich negativen Effekt, nicht nur auf unsere Gesundheit, sondern auch auf unsere zukünftigen Technologien und auf unser Wirtschaften".

Unternehmen investieren nicht mehr

Wie negativ die Folgen für viele Unternehmen sein werden, sei noch unklar. Noch fehlten dazu Statistiken. Auffällig sei jedoch bereits, dass insbesondere kleine und mittlere Unternehmen geplante Investitionen in Forschung, Entwicklung heruntergefahren haben.

Das habe Konsequenzen für Regionen wie Thüringen. Hier litten die Unternehmen sehr stark, und seien damit auf staatlichen Hilfen besonders angewiesen. Es seien auch im vergangenen Jahr durchaus Firmen neu gegründet worden, darunter offenbar vor allem Technologiefirmen.

Dagegen würden besonders Gaststätten-, Tourismus- und vor allem Kulturgewerbe leiden. Hier werde noch "viel Turbulenz" drin sein. Cantner sieht diesbezüglich noch große Probleme auf die Gesellschaft zukommen.

Uwe Cantner, Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Volkswirtschaftslehre FSU Jena und Vorsitzender Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung  18 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 17.04.2021 18:45Uhr 18:02 min

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Krisen anders absichern

Auch hier sieht der Wirtschaftsforscher den Staat in der Pflicht. Beispielsweise zeige die Krise, dass es falsch sei, wenn die Pharmaindustrie von wenigen Großunternehmen weltweit kontrolliert werde. So bedürfe es offenbar einer stärker staatlichen pharmazeutischen Industrie für Impfstoffe.

Ampulle und Sritzen mit Moderna-Impfstoff
Ist Deutschland zu abhängig von wenigen Pharma-Unternehmen? Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Ein Umdenken forderte Cantner bei der Krisen-Absicherung. Viele Menschen, darunter auch Freiberufler, hätten kaum finanzielle Absicherungen für längere Krisen. Hier sollte der Staat über neue Hilfen nachdenken, beispielsweise in einer Art des Kurzarbeitergeldes. Cantner sagte, derartige Krisen könne sich eine Gesellschaft eigentlich nicht dauernd leisten.

Ich meine, das geht irgendwann mal auch an die Kraft einer Gesellschaft und einer Wirtschaft, das dann auch alles aussteuern zu können und immer wieder ausgleichen zu können. Also da müssen wir unbedingt was tun.

Uwe Cantner, Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Volkswirtschaftslehre FSU Jena

Schub für den Fortschritt

Insgesamt, so sagte Cantner, bekomme die Frage, was Fortschritt in der Gesellschaft bedeute, durch die Corona-Krise einen Schub. Diskutiert würde, ob nicht letztendlich das Wachstum sozialer und ökologischer Werte Fortschritt ausmache. Das bedeute, dass nicht der ökonomische Wohlstand das Lebensziel bestimmen sollte, sondern "die Suche nach einem gesünderen Leben in einer gesünderen Natur".

In den vergangenen Dekaden hätten sich verschiedene Wirtschaftssysteme an der Zerstörung der Natur beteiligt. Die Corona-Krise biete die Chance, hier etwas zu tun. Allerdings würden Klima und Umwelt nicht darauf warten, "bis uns etwas Glückliches eingefallen ist".

Der Hamburger Hafen
Die Krise hat gezeigt, wo Lieferketten und Globalisierung ihre Schwächen haben. Bildrechte: imago images/Hoch Zwei Stock/Angerer

Er habe das Gefühl, sagte Cantner, dass die Menschen durch die Corona-Krise einen anderen Blick auf unser Wirtschaften bekommen, auf Defizite etwa bei der Globalisierung und den großen Lieferketten. Das sei neben all den medizinischen Risiken für die Menschen auch eine "Riesenchance", er denke, dass die Menschen dieses Umschwenken auf mehr Nachhaltigkeit heutzutage leichter mittragen würden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 17. April 2021 | 07:20 Uhr

4 Kommentare

DermbacherIn vor 15 Wochen

Greenwashing und Socialwashing bringt lange nicht eine nachhaltige Wirtschaft.
Es darf nicht mehr um Etiketten gehen, sondern um Inhalte.
Konservative müssten schon immer zu ihrem Glück getrieben werden. Das trifft bei Wahlrecht für Männer und Frauen bis zum Schutz unserer Umwelt, Klima und gerechte Umverteilung des Wohlstandes zu.

Quercus vor 15 Wochen

Ökonomischer Wohlstand ist für das Gros der Menschen ein erstrebenswertes Ziel. Warum denkt der Professor nicht so? Weil er zumindest nicht in einfachen Verhältnissen mit überschaubaren Wohnraum und Einkommen etc. lebt. Für ihn persönlich wird Wohlstand eine Selbstverständlichkeit sein und er kann sich nun fernab der Lebensrealität vieler Menschen den Kopf über linksgrüne Fantasien zerbrechen. Natürlich sollte die soziale Marktwirtschaft auch auf einer ökologische Komponente fussen. Wachstum auf Kosten der Natur funktioniert auf Dauer nicht. Sein Ruf nach viel mehr Staat geht in sozialistische Färberei über. Sozialismus schadet dem Wohlstand und dem Fortschritt. Vielmehr sollte sich der Staat bemühen den Menschen leichter an weiteren Früchten der sozialen Marktwirtschaft teilhaben zu lassen und diesbezüglich mal in andere Länder schauen. Z. B. das Programm 401k in den USA, ein sehr steuerlich begünstigtes ETF-Investieren für Arbeitnehmer um besser im Alter leben zu können.

Wagner vor 15 Wochen

Es ist eigenartig ,30 Jahre nach dem Zusammenbruch einer Wirtschaft ,die extrem vom Zusammengehen von Staat und Wirtschaft gekennzeichnet war,
Wieder von solch einem Modell zu sprechen . Zusammengehen von Wirtschaft und Staat heisst Staatswirtschaft ,auch in der Impfstoffproduktion .Wohin das führt ,kann man ja in der Geschichte studieren. Vielleicht möchte der Herr Professor die staatliche Plankommission wieder aktivieren .Viel Spaß ! Die Wirtschaft orientiert sich am Markt und ist allein viel besser in der Lage steuernd und sich regenerierend auf Prozesse und Entwicklungen einzustellen.Dabei darf der Staat ruhig Anregungen geben oder als Nachrager auftreten .Mehr aber nicht. Das Desaster der Impfstoffbestellung dürfte ja als Beispiel genügen wie desorientiert der Staat in wirtschaftlichen Dingen auftritt.

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