Spurensuche Woher kommt Thüringens hohe Corona-Inzidenz?

Wolfgang Hentschel
Bildrechte: MDR/Wolfgang Hentschel

Niedersachsen meldete am Freitag eine Corona-Inzidenz von 59. Brandenburg von 63, Sachsen von 79 - und Thüringen weist zurzeit eine Inzidenz von 129 aus. Das ist der höchste Wert unter den Bundesländern. Schon seit Wochen ist Thüringen trauriges Corona-Schlusslicht. Warum ist das so? Laut Thüringer Gesundheitsministerium gibt es dafür eine ganze Reihe von Gründen.

Besucher eines Wochenmarktes auf dem Domplatz in Erfurt tragen Masken.
Besucherinnen eines Wochenmarkts (Symbolfoto). Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Um die jetzige Situation zu erklären, muss man nach Angaben von Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) in die Vergangenheit blicken. In der war, was Corona betrifft, der Freistaat sozusagen eine Insel der Glückseligen. Bis zum 20. Juli 2020 etwa wurden in Thüringen ungefähr 3.000 Infektionen gezählt. In Bayern zum Beispiel dagegen fast 50.000. Noch Anfang November lag die Inzidenz in Thüringen bei 50, in mehreren Bundesländern bei 150 und darüber.

In Thüringen habe es im Gegensatz zu den anderen Bundesländern keine erste Corona-Welle gegeben, stellt Ministerin Werner fest: "Wir sind praktisch jetzt erst im Winter in eine richtige erste Welle gerutscht. Es gab praktisch keine Immunisierung der Menschen. Wir sind fast jungfräulich in diese Situation gekommen. Das hat auch dazu geführt, dass wir einen schnellen und starken Anstieg hatten. Und es ist sehr schwer, von so einer hohen Inzidenz herunterzukommen."

Thüringen ist älter und ländlicher

Die vergleichsweise hohe Thüringer Inzidenz lässt sich laut Werner auch damit erklären, dass die Einwohner des Freistaats relativ alt sind - und damit auch anfälliger für Infektionen. Außerdem ist Thüringen eher ländlich geprägt, die Menschen müssen beruflich und privat längere Strecken zurücklegen. Mobilität führt aber zu Ansteckungen. Hinzu kommt: Menschen auf dem Land haben ein anderes Sozialverhalten, sagt der Infektiologe Matthias Pletz vom Uni-Klinikum Jena.

Professor Pletz Uniklinikum Jena
Infektiologe Matthias Pletz vom Uni-Klinikum Jena Bildrechte: Uniklinikum Jena

Pletz: "Am Anfang hatten wir alle erwartet, dass in den größeren Städte das Infektionsgeschehen hoch ist, und überraschend war es dann aber in den ländlichen Gebieten so. Das ist tatsächlich das soziale Gefüge. Der Großstädter ist ja eigentlich einsamer als der Mensch auf dem Land. Auch wenn das Land dünner besiedelt ist." Laut Pletz gibt es auf dem Land eher eine Vereinskultur, die Menschen kennen sich besser. Die Intensität der Kontakte sei dann entscheidend, so der Infektiologe. Das Virus halte sich auf dem Land viel länger.

Blick in die Glaskugel

Nach Angaben von Werner ist das Infektionsgeschehen zudem diffus. Das Virus taucht an verschiedenen Orten auf. Das wird auch von den Landkreisen im Freistaat bestätigt. So berichtet etwa der Kreis Altenburger Land (laut Staatskanzlei am Freitag eine Inzidenz von 113), dass der Versuch, die Gründe für die Neuinfektionen zu entdecken, einem Blick in die Glaskugel gleicht.

Auch der Kreis Greiz (Inzidenz 222) stellt fest, dass das Infektionsgeschehen eher diffus ist und "in der Fläche" stattfindet. Der Wartburgkreis (Inzidenz 189) kann sich nach eigenen Angaben die steigenden Infektionszahlen "nicht fundiert erklären". Der Landkreis Hildburghausen (Inzidenz 250) meldet Ansteckungen aus allen Bereichen. Im familiäre Umfeld, im öffentlichen Bereich, auf dem Spielplatz, in den Schulen und am Arbeitsplatz. Im Kreis gebe es keinen internen Hotspot. Dagegen sei es schwer anzukommen, so das Landratsamt Hildburghausen.

Und der Landkreis Saale-Orla (Inzidenz 203) erklärt dem MDR schriftlich: "Das wohl zentrale Problem ist, dass wir schon seit längerem ein völlig diffuses und breit gestreutes Infektionsgeschehen haben. Das Virus ist praktisch überall im Landkreis ohne nennenswerte lokale Ausbrüche."

Werner: Die Menschen sind müde

Nach Angaben von Gesundheitsministerin Werner macht sich auch bemerkbar, dass die Menschen zunehmend weniger bereit sind, sich an die Corona-Auflagen zu halten: "Die Menschen sind müde. Wir wissen, es gab illegale Faschingspartys, wir wissen, es gab Partys, die trotzdem gefeiert wurden. Die haben natürlich auch dazu geführt, dass wir einen Anstieg der Infektionen haben."

Eine Grafik zeigt die vier höchsten 7-Tage-Inzidenzen in Thüringen. 1 min
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Zudem stellen laut Werner die Behörden immer wieder fest, dass infizierte Menschen ihre Kontaktpersonen nicht nennen. Offenbar aus Sorge, dass die Behörden dadurch nicht genehmigten Treffen auf die Spur kommen. Das Problem ist: Dadurch bleiben Neuinfektionen unentdeckt oder Infektionen sind für die Gesundheitsämter nicht mehr nachvollziehbar.

Um die Inzidenz zu senken, kann laut Werner helfen, mehr zu testen. Einen positiven Effekt erhofft sich die Ministerin auch von der Einführung eines Stufenplans. "Wir hoffen, dass mit den leichten Lockerungen, die irgendwann möglich sein sollen, auch mit dem Frei-Testen vielleicht, wieder klar wird, man muss sich an die Regeln halten. Das ist das beste Mittel, um niemanden zu gefährden."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 05. März 2021 | 18:00 Uhr

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