Coronavirus Kinder in Quarantäne: "Gefangen in deiner eigenen Stimmung"

Mit den steigenden Infektionszahlen steigt auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen Corona in Quarantäne müssen. Während bei kleinen Kindern meist ein Elternteil mit zuhause bleibt, begeben sich gerade Jugendliche oft in die Selbstisolation ihres Zimmers, aus Angst weitere Familienmitglieder anzustecken. Dort sind sie dann häufig gefangen in ihrer eigenen Stimmung und den Unmengen an Hausaufgaben.

Anika bei ihren Hausaufgaben
Anika macht Hausaufgaben zu Hause an ihrem Schreibtisch. So wie ihr ging es vielen Jugendlichen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Angaben sind nüchtern und konkret: "An der Schule ihres Kindes ist ein Fall einer Sars-Co-2- Infektion aufgetreten. Ihr Kind darf ab sofort 14 Tage die Schule nicht betreten, muss sich möglichst getrennt von den übrigen Familienmitgliedern in anderen Räumen aufhalten und alle Kontakte minimieren."

Was die Gesundheitsämter in Thüringen Eltern im Falle einer Quarantäne anweisen, ist unmissverständlich, und gleichzeitig in vielen Fällen kaum umsetzbar. Denn, wie will man einem Kindergartenkind erklären, sich jetzt allein anzuziehen, zu essen und Mama, Papa und die Geschwister nicht sehen zu können? Wie will man in 3-Zimmer-Wohnungen, Küche und Bad "nach gründlichem Lüften abwechselnd" benutzen, ohne sich dabei nicht einmal über den Weg zu laufen? Wie erklärt man Kindern und Jugendlichen, dass sofern man kein eigenes Haus mit Garten besitzt, jeder Gang vor die Tür eine mögliche Gefahr ist?

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Quarantäne

Knapp 8.000 Kinder und etwa 1.000 Lehrer sind in Thüringen aktuell in Quarantäne. Die Tendenz zuletzt steigend, auch weil die Infektionszahlen stiegen. Auch Anika (*), 17 Jahre alt, war darunter. In ihrer Klasse wurde eine Mitschülerin positiv getestet, der ganze Jahrgang daraufhin unter Quarantäne gesetzt. Aus Angst, Familienmitglieder womöglich mit dem Coronavirus zu infizieren, begab sich die Jugendliche bis zu ihrem negativen Testergebnis mehr als eine Woche in die Selbstisolation ihres Zimmers.

Anika mit Maske
Selbstisolation im eigenen Zimmer: Anika war über eine Woche in Quarantäne. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Leben ohne Nähe

Schlafen, essen, Hausaufgaben machen - Leben auf knapp zehn Quadratmetern. Ohne Nähe. Was sich am Anfang gut umsetzen ließ, wurde mit der Zeit mehr und mehr zur monotonen Routine. "Es war anstrengend, nur zu sitzen und zu liegen. Mein Zimmer ist klein, viel Platz für Bewegung ist da nicht", sagt Anika. Der Raum, sonst eigentlich eher Rückzugsort, wird immer mehr zum Gefängnis.

Die Atmosphäre im Zimmer war so, dass man wenig Lust hatte, auf die Sachen, die dir Spaß machen. Stattdessen bist du gefangen in deiner eigenen Stimmung, bist alleine mit dir und deinen Gedanken und Problemen, denkst vielmehr über alles nach, bist lustlos, hast Angst.

Anika (17) über ihre Quarantäne-Erfahrung

All das prasselt mit einem Mal auf die Kinder und Jugendlichen ein.

Psychischer Stress nimmt zu

Was im Frühjahr noch weit weg war, ist plötzlich sehr nah. Das weiß auch Babett Jähnichen-Bode. Mittlerweile kennen viele jemanden, der mit dem Coronavirus infiziert war oder ist, oder sich zumindest in Quarantäne befindet. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin hat beobachtet, dass der psychische Stress extrem zugenommen hat, ebenso wie die Angst, sich und die Familie mit dem Virus anzustecken. Symptome wie Bauch- und Kopfschmerzen seien keine Seltenheit bei besonders anfälligen Kindern, ebenso wie depressive Phasen. "Das geht sogar so weit, dass Jugendliche anfangen, sich zu ritzen", sagt Jähnichen-Bode.

Das bestätigt auch Daniel Busch, ärztlicher Leiter der kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz im Hainich Klinikum in Mühlhausen. Viele Kinder hätten den ersten Lockdown noch gut weggesteckt, auch weil etwa der Schuldruck und damit verbundene Ängste mit einem Mal nachgelassen hätten. Die Situation sehe jetzt mittlerweile anders aus. "Wir haben eine Zunahme von depressiven Symptomen festgestellt. Außerdem geht Angst nicht weg, sie verschleppt sich und breitet sich aus. Auch das wird zunehmend mehr bei den Kindern", sagt Busch.

Babett Jähnichen-Bode, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Babett Jähnichen-Bode Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unmengen an Hausaufgaben

Lustlosigkeit und mangelnde Motivation konnte auch Anika an sich feststellen. Gerade zum Ende der Quarantäne hin fühlte sie sich überfordert und weder körperlich noch psychisch in der Lage, einfache Dinge zu machen, zu lesen, zu malen, geschweige denn, die Hausaufgaben zu erledigen. Und von denen gab es reichlich. Die Einstellung, die Kinder und Jugendlichen hätten ja gerade in der Quarantäne genügend Zeit, ist keine Seltenheit. "Es ist schwierig, sich neue Themen komplett alleine beizubringen. Oft denkt man auch, dass Thema hätten wir in der Schule nie geschafft, aber jetzt müssen wir es machen", sagt Anika. Eine Aufgabe folgte auf die nächste. Manchmal haben es selbst Lehrer nicht geschafft, zum angekündigten Termin die neuen Aufgaben zu verschicken, dann hieß es für Anika am nächsten Tag noch mehr zu machen, "schulfreie Zeit" gab es selbst am Wochenende für sie kaum.

Mehrere Aufgabenzettel und Stifte liegen auf dem Tisch.
Oft müssen Schüler viele Hausaufgaben machen, wenn sie in Quarantäne sind. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Nun sind die Bedingungen zu Hause und die Voraussetzungen, Hausaufgaben zu erledigen, bei jedem Schüler und Kind anders. Wie auch der Wissenstand. Dass Schulen mitunter mit Aufgaben überhäufen, hat auch die Kinderpsychotherapeutin festgestellt. "Es ist ein großer Druck da, ausreichend Noten zu bekommen. Das sorgt gerade jetzt für noch mehr Stress und enorme Zukunftsängste", sagt Jähnichen-Bode. Manchmal, so die 17-jährige Annika, habe sie mehr Angst davor, die Schule nicht zu schaffen, als an Corona zu erkranken oder zu sterben.

Ich glaube, dass viele junge Menschen ein Problem haben, alleine mit sich zu sein. Sie fallen in Depressionen, rebellieren und sind nur noch schlecht gelaunt. Man hat Angst, sich selbst zu verlieren.

Anika (17 Jahre)

Auf Sorgen und Ängste der Kinder eingehen

Eltern sollten die Sorgen ihrer Kinder ernst nehmen und sie in der Quarantäne, trotz möglicher Selbstisolation, ganz genau beobachten. Reagiert das Kind anders, ist aggressiv und ungehalten, redet das sonst offene Kind eher weniger und ist in sich zurückgezogen? "Es sollte trotz allem eine gewisse Tagesroutine im Haus geben, feste Mahl- und Spielzeiten eingeplant werden und auch die Bewegung sollte nicht zu kurz kommen. Da müssen die Nachbarn, die untendrunter wohnen, mal durch", rät die Therapeutin. Kinder müssten geschützt werden, das sei die primäre Aufgabe der Eltern, so Daniel Busch vom Hainich Klinikum. Dazu zählt auch, den Teufel nicht an die Wand zu malen und Sterben nicht aktiv anzusprechen: "Es geht darum, Kindern den Umgang mit der Angst zu vermitteln, zu zeigen, dass wir nicht hilflos gegen das Virus sind, etwas gegen die Pandemie tun können, aber auch auf die eigenen Ängste zu achten, denn die spüren Kinder sehr wohl."

Daniel Busch, Oberarzt Hainich Klinikum
Daniel Busch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Hanich Klinikum in Mühlhausen. Bildrechte: MDR/Daniel Busch

Gesunde Ernährung und Bewegung, gerade bei kleinen Kindern, sei aktuell und in der Quarantäne sehr wichtig. Die Stimmung bei den Kleinsten kippt besonders schnell, wenn sie nicht ausgelastet sind und die Beschäftigung wird für viele Eltern dann mitunter zur Belastung der Nerven. Je mehr man aufeinander hocke, desto mehr Konflikte würden entstehen. Diese müssten dann von den Eltern bewältigt werden. Doch die sind auf Dauer manchmal auch einfach überfordert.

Soziale Kontakte fehlen

Denn fest steht, allen Kindern und Jugendlichen fehlen in der Zeit der Quarantäne und auf lange Sicht ihre Freizeitaktivitäten und der Kontakt zu anderen Kindern. Auch Anika hat in den 14 Tagen den Kontakt zu ihren Freunden nur virtuell gehalten, Spiele gespielt im Videochat und dadurch neue Kraft getankt. Das Handy ersetze aber keine sozialen Kontakte, so Daniel Busch. Datteln, Videos schauen, mit Freunden chatten - Kinder und Jugendliche lernen dadurch nicht, was sie im Leben einmal brauchen. "Das holen sie aber nach. Doch die Situation wird herausfordernder je länger sie dauert", sagt Busch.

Und mit dem neuen Lockdown ist klar, dass da vorerst kein Ende in Sicht ist.

(*) Name der Redaktion bekannt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 19. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Sozialberuflerin vor 43 Wochen

Wie soll diesea "verantworten müssen" denn aussehen?

Ich bin absolut der Meinung, dass die psychischen Schäden von Kindern und Jugendlichen beängstigend sein werden und die Psychotherapeuten in Zukunft, eine Menge zu tun bekommen!

Und da wird die Dunkelziffer nicht greifbar sein!
Ich selbst als Mutter bin, mit den Mitteln die mir momentan zur Verfügung stehen, extrem bemüht, es meinem Kind so erträglich wie möglich zu machen.

Aber zurück zu ihrer Aussage...

Was sollte den Ihrer Meinung nach, angesichts der AKTUELLEN Zahlen, getan werden?

Wie wäre Ihre Herangehensweise mit dem Virus Herr zu werden?

Und jetzt bitte keine Antworten, die das ganze leugnen!!

artep vor 43 Wochen

Quarantäne für gesunde Menschen, hier kinder, ist nicht nur medizinisch unnötig sie ist auch unmenschlich. Ich hoffe, dass alle menschen, die solche Anordnungen treffen, sich irgendwann verantworten müssen.

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 43 Wochen



Ich denke, unsere Schülerinnen und Schüler, die mit einer solchen Situation und mit Krankheit im Klassenverband konfrontiert werden, haben eigene Wege, wie
sie erfolgreich damit umgehen können.
Wir Eltern, Geschwister, Pädagogen und väterlichen Freunde, sollten uns nicht verschließen, wenn uns die jungen Menschen die Tür zu ihren Arbeitszimmern
vor unserer Nase „zuknallen“ und uns auf diese Art begreiflich machen wollen,
dass sie genug von der „blöden Welt“ haben !

Ist es nicht viel wichtiger, ihnen dann zu signalisieren, dass sie in dieser für uns alle schwierigen Situation nicht allein sind und jederzeit jemand für sie da ist — wenn sie es wollen und wenn sie es von sich aus ansprechen und Rat suchen ?

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