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Der Thüringer Bürgerbeauftragte, Herzberg, schätzt die Zahl der sogenannten digitalen Analphabeten im Freistaat auf 20 Prozent. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Westend61

DigitalisierungThüringer Bürgerbeauftragter: Jeder Fünfte ist digitaler Analphabet

von Sarah Bötscher, MDR AKTUELL

Stand: 16. Mai 2022, 14:52 Uhr

Der Thüringer Bürgerbeauftragte, Kurt Herzberg, beklagt, dass viele Menschen im Freistaat mit digitalen Angeboten der Behörden überfordert sind. Er kenne Fälle, in denen Bürger vor dem Amt standen, aber ihr Anliegen nicht klären konnten, weil sie vorher einen Online-Termin hätten buchen müssen. Experten fordern hier mehr Informationen und bessere Zugangsmöglichkeiten.

  • Der Thüringer Bürgerbeauftragte schätzt die Zahl der sogenannten digitalen Analphabeten im Freistaat auf 20 Prozent.
  • Dass es kaum neue Online-Dienstleistungen gibt, liegt laut Experte Mike Weber an einem Teufelskreis.
  • Forscher und Experten sehen in einem Kundensupport eine Lösung.

Wenn es um Online-Anträge geht, kriegt Annett Simmroth meistens erstmal Bauchschmerzen. Sie ist 52 und wohnt mit ihrem Mann in Bleicherode, einem kleinen Ort im Norden von Thüringen. Als "digitale Analphabetin" sieht sie sich schon – also als ein Mensch, der sich in der digitalen Welt eher überfordert fühlt. "Bei mir ist da wirklich die Angst da: Wenn du irgendwo auf die falsche Seite kommst und du klickst was an, dann war es das. Dann hast du plötzlich zehn Autos gekauft oder so."

Elster Steuerprogramm bereitet große Probleme

Am schlimmsten findet Simmroth Anträge im Online-Programm des Finanzamts, mit dem schönen Namen Elster. Dort können manche Erklärungen nur digital abgegeben werden. Die 52-Jährige findet das Programm unübersichtlich. Dazu kommt kompliziertes Behördendeutsch. Sie fordert deshalb: "Dass es einfacher wird. Dass man sich da nicht durch hundert Formulare klicken muss. In diesem Schreiben von Elster, wo man sich anmelden kann, steht ja da drauf: Angeblich würde einem das Finanzamt weiterhelfen. Also ich bezweifle, wenn ich da anrufe, dass die dann nicht genervt sind".

20 Prozent der Thüringer betroffen

So wie Annett Simmroth geht es nach Schätzung des Thüringer Bürgerbeauftragten Kurt Herzberg etwa 20 Prozent der Thüringer. Er kennt Fälle, in denen Menschen vor dem Amt standen – ihr Anliegen aber nicht klären konnten, weil sie vorher online einen Termin hätten vereinbaren müssen. Bürgerämter seien auch oft nicht erreichbar, so Herzberg. "Wenn ein Rollstuhlfahrer nicht in den Zug kommt, liegt das nicht am Rollstuhlfahrer, sondern am Zug und dessen Zugangsmöglichkeiten. Das ist mir wichtig, wenn ich jetzt von digitalen Analphabeten spreche. Das meint also nicht: Das sind Leute, die nichts draufhaben, sondern es gibt Menschen, die so gehandicappt sind, dass sie nicht in den Zug hineinkommen."

Weber: Zu wenige Informationen von Behörden

Aber wie stehen wir bei der Digitalisierung überhaupt da? Mike Weber ist einer der Autoren des sogenannten Deutschland-Index der Digitalisierung. Dort wird erfasst, wie viel wir in sozialen Netzwerken unterwegs sind oder wie digital die Behörden sind.

Die gute Nachricht: Thüringen hatte zuletzt den stärksten Zuwachs, weil es jetzt mehr Breitbandanschlüsse gibt. Auf Seiten von Behörden gebe es aber oft zu wenige Informationen. "Dementsprechend gibt es mangels Angebot auch keine Nutzung. Wenn es keine Nutzung gibt, gibt es auch wenig Anreize, neue Online-Dienstleistungen anzubieten und so dreht sich dieser Teufelskreis immer weiter."

Kubicek: Kundensupport könnte helfen

Als Lösung dafür sieht Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement Bremen nur eins: den Kundensupport. "Wenn Sie bei Amazon was bestellen und nicht weiterkommen, dann können Sie eine Hotline anrufen. Und wenn Sie mich jetzt nach E-Government fragen, dann muss ich feststellen: Genauso ein Kundensupport fehlt da."

Das wünscht sich auch Annett Simmroth aus Bleicherode. Dort kommt bei ihr noch ein anderes Problem dazu: Der Internetzugang ist so schlecht, dass sie merkt, wenn ihr Nachbar im Internet surft – und dann eine Weile gar nichts geht.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 17. Mai 2022 | 06:00 Uhr