Mädchen für Alles 30 Jahre Thüringer Landfrauen - wer sie sind und was sie antreibt

MDR-Autorin Antje Kirsten
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Thüringer Landfrauenverband ist 30 Jahre alt. Gegründet wurde er 1991 in Ohrdruf von 33 Frauen. Heute zählt der Verband über 2.600 Mitglieder und ist damit nach eigenen Aussagen der mitgliederstärkste Landfrauenverband in den neuen Bundesländern.

Kuchen backen? Mit so einem Klischee beißt man bei Gabriele Ratzer auf Granit. Von wegen Kuchen backen! "Wir haben einen Bildungsauftrag", stellt sie klar und legt los: "Wir laden uns Referenten ein, ob das Rechtsanwälte, Vertreter von Krankenkassen, aus der Pflege, Verbraucherschützer, Bibliothekare sind. In der Corona-Zeit sind wir digitaler geworden, haben über Whatsapp-Gruppen Kontakt gehalten, in der Weihnachtszeit kleine Geschenke vor die Tür gelegt." Ihre Landfrauengruppe in Vogelgesang, das ist ein Ortsteil von Braunichswalde im Osten Thüringens, zählt 25 Mitglieder. Die sind zwischen 23 und 87 Jahre alt. Sie lebe gern auf dem Land, aber dort müssten auch die entsprechenden Bedingungen erhalten bleiben, auch dafür setzen sie sich ein.

Mädchen in Landfrauen-Tracht.
Pflege von Traditionen: Junge Landfrauen tragen Trachten bei der Jubiläumsfeier auf der Buga. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die moderne Landfrau von heute

Die Landfrauen sind der Motor im ländlichen Raum sagt Christine Schwarzbach. Sie ist die Hauptgeschäftsführerin des Landfrauenverbandes und gehört zu den Frauen der ersten Stunde. "Ohne uns wären viele Dörfer um einiges ärmer. Die Landfrauen kümmern sich um alle Belange, die die Familien betreffen, ob es um die Kinder, die Pflege der Älteren oder um Angebote für die Jugend geht." Landfrauen sind auch modern. Es gibt viele Videokonferenzen, Online-Seminare oder public-viewing-ähnliche Meetings. So bringen sie Wissen, Verbraucher- und Rechtsberatung und aktuelle Themen aufs Land. Gerade Thüringen mit seiner ländlichen Struktur profitiere vom Engagement der Frauen. In der Corona-Zeit habe das Miteinander etwas gelitten, man hat sich nicht mehr getroffen. So wurde auch das Erntekronenbinden ins Netz verlegt. Jetzt aber laufe das soziale Leben wieder an. "Das ist doch wichtig, dass es wieder Feste, wieder Kultur gibt, dass wir unser Brauchtum pflegen können." Dazu gehört das Osterbrunnengestalten oder eben Erntekronenbinden.

Thüringer Landfrauen in Tracht auf der Buga.
Jubiläumsfeier auf der Buga in Erfurt: Seit 30 Jahren gibt es den Thüringer Landfrauenverband. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

150 Ortsvereine in Thüringen

Der Thüringer Landfrauenverband zählt drei Kreisverbände und 150 Ortsvereine. Im Altenburger Land bieten Landfrauen beispielsweise einen Ernährungsführerschein für Grundschüler an. Im Rudolstädter Ortsteil Teichel organisieren sie ein jährliches Kinderfest und in Dreitzsch im Saale-Orla-Kreis betreiben sie eine Landfrauenbegegnungsstätte. Außerdem haben sie das Färberdorf Neckeroda über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.

Das Besondere in Thüringen: Zum Landfrauenverband gehören auch Landfrauen-Männer. Der Männerchor "Concordia" aus Heilingen bei Uhlstädt-Kirchhasel ist Mitglied im Verband und fühlt sich da gut aufgehoben. Seit 19 Jahren singt Martin Bähring im Chor und meint: "Wir passen da gut rein. Es gibt da auch ein paar Witwen, und bei uns ein paar Witwer. Da wird auch geflirtet."

Ein Landfrauen-Mann im schwarzen Jackett.
Ein Landfrauen-Mann wie er im Buche steht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Politik vernachlässigt den ländlichen Raum

Zu den Landfrauen der ersten Stunde gehört auch Gabriele Peißker aus Dreitzsch, das liegt im Saale-Orla-Kreis. Gelernt hat sie einst Wirtschaftskauffrau, dann hat sie ihren Schäfermeister gemacht und zu Hause hatten sie einen privaten Landwirtschaftsbetrieb. Gleich bei der ersten Wahl wurde sie in den Vorstand der Ortsgruppe gewählt. Heute ist sie 73 und organisiert wöchentliche Veranstaltungen für die Frauen im Saale-Orla-Kreis. "Die Politik muss sich mehr um den ländlichen Raum kümmern.", sagt sie kritisch. So wünsche sie sich einen Zuschuss für die Begegnungsstätte, die koste im Jahr 1.800 Euro für Miete und Strom. "Als Landfrau muss man sozial sein, helfen, anpacken." Zu ihrer Ortsgruppe gehören 40 Frauen und sagt sie noch: "Die beobachten genau, was in der Politik gerade jetzt vor den Wahlen so passiert. Auf dem Land sind wir beispielsweise aufs Auto angewiesen. Mobilität spielt eine große Rolle".

Mehrere ältere Damen beim Kaffee.
Die Thüringer Landfrauen verstehen sich als Lobbygruppe für die Menschen im ländlichen Raum. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lobbyarbeit für Menschen in Dörfern

Bundesweit engagieren sich 450.000 Frauen in Landfrauenverbänden, betreiben Lobbyarbeit für die Menschen in den Dörfern. Die Frauen haben so eine starke Stimme auch in Berlin, sagt Petra Bentkemper. Sie ist die Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes und hat die Thüringer bei ihrer Feier zum 30-jährigen Bestehen in Erfurt besucht: "Wir haben erst kürzlich eine Petition zur Hebammenversorgung, Geburtsstationen auf dem Land gestartet, da geht es einfach darum, die Bleibeperspektiven für Frauen und ihre Familien zu verbessern. Das hat auch was mit der Infrastruktur, der Digitalisierung zu tun. Wenn keine Glasfaser-, Breitbandversorgung da ist, funktioniert das Leben heute nicht mehr gut. Von daher ist es nötig, in Berlin auch Druck zu machen." Die Landfrauen seien eine politisch starke Kraft. "Aber so sind wir Landfrauen eben: bodenständig und zuverlässig. Und wenn Sie eine Landfrau fragen, kannst du das machen, dann legt sie los." Von diesem Anpacken lebt die dörfliche Gemeinschaft.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. September 2021 | 19:00 Uhr

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