Fragen & Antworten Wie Unternehmen in Thüringen mit gestiegenen Energiepreisen umgehen

Die Gasumlage ist gekippt. Doch die Kosten für Strom um Gas steigen trotzdem. Was das für Unternehmen im Freistaat bedeutet, wurde auf der Vollversammlung der IHK Ostthüringen diskutiert.

Menschen sitzen auf Stühlen und blicken nach vorne.
Auf der Vollversammlung der IHK Ostthüringen haben Unternehmer diskutiert, wie mit den gestiegenen Energiepreisen umzugehen ist. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die Gaspreisbremse soll kommen, die sogenannte Gasumlage hingegen wurde gekippt. Sind damit die Probleme der Unternehmen gelöst?

Eher nicht. Es gibt bereits Betriebe, die angesichts von verfünf- oder verzehnfachten Preisen für Erdgas angekündigt haben, ihr Geschäft zum Jahresende einzustellen. Zudem sind die Details des Preisdeckels noch unklar - auch, wie er bei bereits abgeschlossenen Verträgen wirkt. Die Details sollen von einer Gas-Kommission, in dem neben Wissenschaftlern auch einige Wirtschaftsvertreter sitzen, ausgearbeitet werden.

Die IHK Erfurt etwa sieht erstmals seit Beginn des Ukraine-Kriegs die Interessen der Unternehmen ernsthaft berücksichtigt. Doch die Zeit drängt: "Eine konkrete Umsetzung muss nun mit Nachdruck und zügig erfolgen, denn Ankündigungspillen haben mittlerweile kurze Halbwertszeiten. Jede weitere Verzögerung wird weitere Arbeitsplätze und Existenzen kosten", sagt IHK-Geschäftsführerin Cornelia Haase-Lerch.

Die IHK Südthüringen hat erleichtert auf das Aus für die bundesweite Gasumlage reagiert. Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas sagte, er bewerte auch positiv, dass die Bundesregierung Strom- und Gaspreise deckeln will. Das seien - so wörtlich - "endlich richtige Entscheidungen". Die Energiepreisbremse müsse aber so gestaltet werden, dass sie Unternehmen ausreichend entlaste.

Wie stehen die Unternehmer zur Gaspreisbremse?

Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die IHK Erfurt hat ihre Unternehmen befragt und eine Dreiviertelmehrheit von 350 befragten Unternehmen hat sich für einen solchen Deckel ausgesprochen. Auch IHK-Ostthüringen-Hauptgeschäftsführer Peter Höhne vermutet, dass eine Mehrheit seiner Mitgliedsunternehmen das so sieht. Doch die Dachorganisation der Kammern, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, sieht auch Gefahren einer solchen Preis-Deckelung.

"Wenn der Deckel zu niedrig angesetzt wird, könnte das die Nachfrage nach Gas ankurbeln", sagte Sebastian Boley, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie, Berlin zur Vollversammlung der Ostthüringer Kammer am Mittwochabend. Denn aktuell sei klar: "Ostern werden die Speicher sehr leer sein. Viel mehr als Ostern '22", sagte er. "Gleichzeitig ist klar, dass wir aus Russland nichts mehr bekommen. Gerade über Nordstream 1 haben wir über Monate Anfang des Jahres noch volle Last bezogen. Das fällt komplett weg."

Wenn der Deckel zu niedrig angesetzt wird, könnte das die Nachfrage nach Gas ankurbeln.

Sebastian Boley IHK-Bereichsleiter

Was ist aus Sicht der Wirtschaft zusätzlich zum Preisdeckel nötig?

Nötig sei also, möglichst viele oder gar alle Möglichkeiten der Energieerzeugung zu erschließen, bis die Krise vorbei sei, sagt Hauptgeschäftsführer Höhne. "Technologieoffen." Das schließe Atomstrom und Kohlekraftwerke mit ein. Sonst werde die Wirtschaft massiven Schaden nehmen. Da werde bisher zu lange über einzelne Aspekte diskutiert, wo man doch schnell handeln müsse.

Können Unternehmen auf andere Energieträger ausweichen oder sich gar selbst versorgen?

Es gibt Unternehmen, die das können. Königsee Implantate etwa hat inzwischen Solaranlagen auf all seinen Gebäuden und produziert längst über dem Eigenbedarf - obwohl hier durchaus schwere Maschinen laufen. "Mir war mit dem Wahlprogramm der Grünen klar, dass Energie teurer werden wird", sagt Geschäftsführer Frank Orschler. "Damals habe ich entschieden, dass sich Königsee Implantate möglichst energieautark aufstellt." Das heißt konkret, auf allen Firmengebäuden befinden sich Solaranlagen. Die decken bereits heute einen wesentlichen Teil des Strombedarfs etwa der CNC-Maschinen.

Nun stehen große Akkus bereit und sollen in den nächsten Tagen installiert werden. "Dann können wir den Strom, den wir tagsüber zu viel haben, in der Nacht benutzen", erläutert er. "Das Problem ist, wenn zwei Tage Wochenende ist, können wir den Strom nicht verwenden. Da ist der Akku voll und die Netzgesellschaft schaltet unsere Anlage ab. Dann können wir keine Energie herstellen, obwohl wir könnten." Hier gebe es erheblichen Bedarf für Änderungen bei Einspeise-Regeln für erneuerbaren Strom oder auch die Verteilung des Stroms in unterschiedliche Gebäude an unterschiedlichen Standorten. Denn wechselt der Strom die Straßenseite, würden Umlagen und Steuern auf den selbst erzeugten Strom fällig. "Das bremst die Entwicklung hier seit Jahren aus."

Und auch wenn das Unternehmen selbst von steigenden Energiepreisen nur noch wenig betroffen ist, spürt es die Probleme trotzdem. "Weil unsere Lieferanten sind von den Preisen ja betroffen. Und die wälzen hohe Preise auf uns ab."

Trotzdem ist das längst nicht für alle Unternehmen eine Lösung, schon gar nicht kurzfristig. Denn auch solche Investitionen brauchen Zeit und Geld. Auch für Solaranlagen ist der Preis zuletzt erheblich gestiegen, die Wartezeiten werden länger.

Wo ist Energie-Autarkie keine realistische Möglichkeit?

Ebenfalls nicht in Frage kommt die Lösung für Unternehmen, die Gas in ihren Prozessen brauchen. Etwa die Porzellanfabrik Hermsdorf, wo technische Keramik hergestellt wird - unter anderem für Wabenkeramik, die in Entlüftungsanlagen genutzt wird, um Luft aus Innenräumen auszutauschen, ohne dass die Wärme ebenfalls nach draußen entweicht. "Gas als wichtigster Energieträger kann bei uns nicht ausgetauscht werden", sagt Geschäftsführerin Sybille Kaiser.

Man müsste also investieren in Größenordnungen - und so ein Ofen kostet so um die anderthalb Millionen. Die schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel.

Sybille Kaiser Geschäftsführerin Porzellanfabrik Hermsdorf

Eine Frau an einer Werkbank blickt in die Kamera.
Sybille Kaiser ist die Chefin der Porzellanfabrik Hermsdorf. In ihrem Betrieb wird sehr viel Gas verbraucht. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Zwar gebe es die Vision von Wissenschaftlern und in der Politik, zunehmend Wasserstoff zum Einsatz zu bringen. "Aber es gibt noch keinerlei Brenntechnik, mit der man Keramik mit Wasserstoff brennen kann. Es gibt Versuchsöfen, aber das nützt uns nichts, bei den Größenordnungen, die wir haben." Auch Wasserstoff stehe ja bisher nicht zur Verfügung. "Man müsste also investieren in Größenordnungen - und so ein Ofen kostet so um die anderthalb Millionen. Die schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel." – ihr Unternehmen macht einen jährlichen Umsatz von etwa elf Millionen Euro. Es gibt hier mehrere Öfen, der älteste ist von 1997, der neueste aus dem Jahr 2015. "Eine kurzfristige Lösung gibt es nicht, da ist Erdgas nicht zu ersetzen."

Ein Stapel mit kubischen Keramiken auf einer Palette.
Wabenkeramiken, die aus unterschiedlichen Grundstoffen hergestellt werden. Alle werden mehr als zwei Tage in den Ofen gesteckt. Der wird langsam hochgeheizt, ehe er seinen Temperaturhöhepunkt bei etwa 1.300 Grad Celsius erreicht. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Wie sicher ist die Versorgung mit Erdöl - und damit mit Benzin und Heizöl?

Auch hier sieht DIHK-Energie-Experte Schwierigkeiten. Russisches Öl für die Raffinerie in Schwedt werde ab 1. Dezember geplant teilweise nicht mehr bezogen. Ein völliger Verzicht sei in wenigen Monaten geplant. Die Bundesregierung will über Danzig und Rostock alternative Versorgungswege eröffnen. "Wenn das klappt, haben wir Glück und laufen in Ostdeutschland nicht in Versorgungsprobleme", sagt er. "Aber wenn etwas schiefgeht, kann es sein, dass die Versorgung mit Öl in Ostdeutschland tatsächlich schwierig wird." Tatsächlich wäre es aus Sicht des Experten hilfreich, wenn der Winter mild ausfällt. Aber das können weder Regierung noch Unternehmen beeinflussen.

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MDR (cfr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 29. September 2022 | 19:00 Uhr

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