Droht eine Energiekrise? Versorgung mit Gas aus Russland: Die aktuelle Situation in Thüringen

Was passiert, wenn der Gashahn zwischen Russland und Deutschland von heute auf morgen zugedreht wird? Bleiben die Heizungen in Thüringer Wohnungen künftig kalt? Das System der Gasversorgung ist kompliziert. Hier erklären wir es - Schritt für Schritt.

Gas wird an einer mobile Fackelanlage an der Station eines Fernleitungsnetzbetreibers abgebrannt.
Droht eine Versorgungskrise in Thüringen, wenn der Gashahn zwischen Russland und Deutschland zugedreht wird? Bildrechte: dpa

Die Bedeutung von Gas für Thüringen

Der wichtigste Markt für Erdgas ist in Deutschland der Wärmemarkt. Etwa die Hälfte aller Haushalte in Deutschland wird mit Gas beheizt. Erdgas taugt aber nicht nur zur Erzeugung von Wärme, sondern ist auch Energieträger für die Stromerzeugung und kann Energie speichern. In Thüringen spielt Erdgas mit einem Anteil von fast 33 Prozent am Primärenergieverbrauch eine große Rolle bei der Energieversorgung. Bundesweit lag der Anteil von Erdgas im Jahr 2019 bei nur 25 Prozent.

Was ist Primärenergieverbrauch? Beim Primärenergieverbrauch handelt es sich um die gesamte nutzbare Energie in einem Gebiet. Alle vorhandenen Energieträger tragen zum Primärenergieverbrauch bei. Der Begriff umfasst Primärenergieträger wie Kohle, Öl oder Erdgas, die direkt genutzt werden oder in Sekundärenergieträger wie Strom, Kraftstoff oder Fernwärme umgewandelt werden. Der Primärenergieverbrauch ergibt sich aus der im Gebiet erzeugten Energie, aus der importierten Energie und aus vorhandenen Beständen. Bei selbst erzeugter Energie handelt es sich vor allem um erneuerbare Energien, während Erdgas zum größten Teil importiert werden muss.

So viel Gas wird verbraucht

Der Gasverbrauch in Thüringen betrug 2019 insgesamt 21,3 Terawattstunden. Zur Einordnung: eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden.

Ein Drittel des Gases in Thüringen wird klassischerweise in Haushalten verbraucht. Viel wird auch in Heizkraftwerken zur allgemeinen Versorgung umgewandelt oder in der Industrie verbraucht, vor allem in der Chemieindustrie. Der Verbrauch im Verkehr durch gasbetriebene Fahrzeuge ist dagegen sehr gering.

Eigene Förderung von Erdgas

Was die wenigsten wissen: Thüringen hat eine jahrzehntelange Tradition in Sachen Erdgasförderung. Anfang der 1930er-Jahre fanden die ersten Bohrungen im westlichen Bereich des Thüringer Beckens statt. Auch heute wird noch eigenes Erdgas gefördert - und zwar in den Lagerstätten Fahner Höher (seit 1983), Langensalza Nord (seit 1946) und Mühlhausen (seit 1944). Allerdings ist der Anteil am gesamten in Thüringen verbrauchten Gas verschwindend gering und beträgt nicht einmal ein Prozent. Der Rest des Erdgases wird importiert.

Die Abhängigkeit von russischem Gas

Deutschland ist laut Bundeswirtschaftsministerium zu 90 Prozent auf den Import von Gas angewiesen. Bundesweit werden mittlerweile 55 Prozent des gesamten verbrauchten Erdgases aus Russland importiert. Weiteres Gas kommt vor allem aus Norwegen (27 Prozent) und aus den Niederlanden (21 Prozent).

Während die Zahlen bundesweit bekannt sind, weiß man es für Thüringen nicht so genau. Das Thüringer Energieministerium schreibt auf Anfrage: "Sobald das Erdgas ins deutsche Erdgasnetz eingespeist wird, kann nicht mehr erkannt werden, welches 'Molekül' aus welchem Lieferland beziehungsweise über welche Pipeline nach Deutschland transportiert wurde."

Erdgas Verdichterstation Eischleben Ilm-Kreis nahe Erfurt
Erdgas in Thüringen: In dieser Verdichterstation in Eischleben bei Erfurt wird verloren gegangener Druck im Leitungsnetz wieder erhöht. Bildrechte: dpa

Allerdings lässt sich gut nachvollziehen, dass ein gehöriger Anteil von russischem Gas durch Thüringer Rohrleitungen fließen muss. Thüringens größter Energieversorger, die Thüringer Energie AG (Teag), bekommt ihr Gas nach eigenen Angaben von zahlreichen Vorlieferanten aus anderen Bundesländern. Einer der großen Lieferanten ist die Verbundnetz Gas Aktiengesellschaft (VNG AG) mit Sitz in Leipzig.

VNG schreibt auf Anfrage, dass der Anteil von Erdgas aus Russland zwar nicht trennscharf zu bestimmen ist. Der überwiegende Teil des bezogenen Gases stamme allerdings aus Russland. Das Unternehmen selbst bezieht seit Jahrzehnten sein Gas aus Russland und pflegt enge Beziehungen zur russischen Energiewirtschaft.

Der Weg von Russland nach Thüringen

In Sibirien liegen die größten Erdgasfelder der Welt. Russland liefert das meiste Gas auf Basis von Verträgen zwischen dem Energiekonzern Gazprom und europäischen Energieunternehmen durch dicke Rohrleitungen nach Europa. Die größten Leitungen nach Deutschland sind Nord Stream 1 durch die Ostsee und die Landleitungen, Jamal und Sojus, die in der Ukraine zu Transgas wird.

Die Ostseepipeline Nord Stream 2 sollte den europäischen Bedarf an Gas weiter decken. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine liegt das Projekt auf Eis. Neben den Verträgen wird Gas auch tagesaktuell auf dem Weltmarkt, dem sogenannten Spotmarkt bezogen.

Grafik der Erdgas-Pipelines von Russland nach Deutschland
Von Russland gelangt das Gas über drei große Pipelines nach Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das deutsche Gasnetz

Das aus Russland und aus anderen Quellen gelieferte Gas wird über ein Fernleitungsnetz in Deutschland verteilt oder an Nachbarstaaten weitergeleitet. Innerhalb Deutschlands gibt es ein eng vermaschtes Gasverteilnetz mit kleineren Leitungen von rund 500.000 Kilometern Länge, durch das das Gas bis zum Endverbraucher geleitet wird.

Außerdem gibt es 47 Gasspeicher. Das sind Untertageanlagen, die als Puffer dienen, um im Winter die erhöhte Nachfrage nach Gas bedienen zu können. Dutzende Unternehmen und Betreiber sind an der Infrastruktur des deutschen Gasnetzes beteiligt. Das Netz kennt auch keine Ländergrenzen. Prinzipiell wird Gas dahin geleitet, wo es gebraucht wird. Die folgende Karte zeigt nur die größeren Fernleitungen in Deutschland.

Grafik des Erdgas-Netzes in Deutschland
Das deutsche Gasnetz ist flächendeckend ausgebaut. Prinzipiell kann Gas dorthin geleitet werden, wo es gebraucht wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Deutschland ist der weltweit größte Importeur von Erdgas. 1 min
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1 min

Deutschland ist der weltweit größte Importeur von Erdgas. Größter Lieferant ist Russland.

Mo 21.02.2022 14:10Uhr 01:03 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/video-online-grafik-erdoelversorgung-deutschland-100.html

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Gasnetz in Thüringen

Durch Thüringen führt die 313 Kilometer lange Sachsen-Thüringen-Erdgas-Leitung Stegal in der Nähe der A4. Eine Verbindung besteht in Sachsen an die aus Russland kommende Leitung Transgas und in Bayern zur Fernleitung Jagal. Über die Anbindungspipeline Opal, die von der Ostsee aus durch Ostdeutschland in Richtung Süden verläuft, besteht auch eine Verbindung zu Nord Stream.

Grafik des Erdgasnetzes in Thüringen
Durch Thüringen verläuft die Ferngasleitung Stegal. Außerdem gibt es ein 6.000 Kilometer langes Verteilnetz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Innerhalb Thüringens wird das Gas in einem eng vermaschten 6.000 Kilometer langen Netz verteilt. Betreiber dieses Netzes ist die Thüringer Energienetze GmbH (TEN), die Netztochter der Teag. Die Teag bekommt ihr Gas an Übergabestationen von zahlreichen Vorlieferanten wie der VNG AG aus Leipzig, die drittgrößter Gasimporteur und Speicherbetreiber Deutschlands ist.

Laut der Teag wird das Gas an den Stationen konditioniert und in verschiedenen Druckstufen ins Thüringer Netz eingespeist, von wo es an Endverbraucher oder an andere Energieunternehmen wie die Stadtwerke weitergeleitet wird.

Die Rolle der Gasspeicher

In Deutschland sichern 47 Untertagespeicher die Erdgasversorgung des Landes ab. Sie dienen als eine Art Puffersystem, wenn Erdgas besonders gefragt ist. Das ist grundsätzlich im Winter der Fall, wenn viel geheizt wird. Deshalb gilt allgemein: Umso kälter der Winter, umso mehr Gas wird verbraucht und desto schneller leeren sich auch die Speicher. In der Regel werden die Speicher gefüllt, wenn das Erdgas günstig ist - also im Frühjahr und Sommer. Zu Beginn der Heizsaison nimmt der Füllstand dann kontinuierlich ab.

Zuletzt wies der Gesamtfüllstand aller deutsche Speicher einen ungewöhnlich niedrigen Stand für diese Jahreszeit auf. Am 1. März betrug er rund 28 Prozent. VNG teilte MDR THÜRINGEN auf Nachfrage mit, dass dieser Füllstand wieder einen jahreszeitlich vergleichbaren Stand zu den Vorjahren aufweise. Den Speicherstand in den Vorjahren zum 1. März haben wir in der Grafik unten aufbereitet.

Die Bundesregierung will künftig gesetzliche Mindestfüllstände auf den Weg bringen, um die Energieversorgung zu sichern. Denn bis dato sind Betreiber nicht verpflichtet, die Speicher auch zu füllen. Das regelte bisher der Markt. Bereits im Herbst wurde kritisiert, dass der größte deutsche Speicher in Rehden (Niedersachsen) nicht ausreichend gefüllt wurde. Betrieben wird er von der Gazprom-Tochter Astora.

Gasspeicher in Thüringen

In Thüringen sind zwei Gasspeicher beheimatet: der Untergrundspeicher in Kirchheilingen (Unstrut-Hainich-Kreis), der allerdings gerade stillgelegt wird und der Speicher in Allmenhausen (Kyffhäuserkreis) in unmittelbarer Nachbarschaft.

Der Speicher Allmenhausen ist ein geologischer Porenspeicher und wird von einer Teag-Tochter betrieben. Prinzipiell kann dort nach Angaben der Teag jeder Gas einspeisen. Er fasst 62 Millionen Normkubikmeter (zum Vergleich: Der größte Untergrundspeicher Westeuropas in Rehden hat eine Kapazität von 3,9 Milliarden Kubikmeter). Am 1. März 2022 war der Speicher in Allmenhausen noch zu 15,3 Prozent gefüllt.

Weil das deutsche Gasnetz keine Ländergrenzen kennt, ist der Gasspeicher Allmenhausen nicht dazu da, um die Thüringer zu versorgen. Nach Angaben der Teag gleicht er vielmehr Spitzen im Winter aus, wenn es sehr kalt ist und die Heizungen warmlaufen. Er ist damit eine Ergänzung zum bestehenden Gasnetz.

Der Speicher in Allmenhausen könnte auch nicht als Notreserve einspringen, falls kein Gas von außen mehr fließen sollte. "Das ist technisch und physikalisch nicht möglich", sagt Martin Schreiber von der Teag. Weil er als Naturspeicher auf die geologischen Untergrundstrukturen angewiesen ist, kommt laut dem Thüringer Energieministerium gegenwärtig auch keine Erhöhung der Kapazität in Frage.

So kam Thüringen durch den Winter

Da Thüringen Teil des deutschen Gasnetzes ist, war die Versorgung für den Winter 2021/22 gesichert, teilte das Thüringer Energieministerium auf Anfrage mit. Es seien genügend Reserven in den deutschen Gasspeichern vorhanden gewesen. Engpässe innerhalb der Europäischen Union hätten außerdem durch den Transport aus anderen EU-Ländern bedient werden können.

Nach Angaben des Energieunternehmens VNG haben die russischen Lieferanten bisher ihre vertraglich zugesicherten Mengen an Erdgas geliefert. Aktuell sei die Situation aber nur schwer vorhersehbar.

Sollte das Erdgas nicht ausreichen, würde übrigens sofort die Bundesnetzagentur einspringen. Denn für eine Versorgungskrise gibt es entsprechende Notfallpläne. Weniger bedeutende Abnehmer beispielsweise aus der Industrie würden nach VNG-Angaben dann vollständig vom Netz genommen. Damit werde die Versorgung geschützter Kunden wie Haushalte und Krankenhäuser gesichert.

Was passiert bei einem Gas-Stopp durch Russland?

Letztlich ist entscheidend, ob genügend Gas nach Deutschland gelangt. Nach Angaben des Versorgers VNG, der mit einem seiner Tochterunternehmen eine Reihe von Gasspeichern betreibt, könnten sowohl die deutschen Gasspeicher als auch Flüssigerdgas bei einem russischen Lieferstopp die Versorgungslücke nur für ein paar Wochen schließen. Mittel- und langfristig seien die benötigten Mengen an russischem Gas, die in Europa benötigt würden, aber nicht zu ersetzen.

Der Standort des Bohrlochclusters auf dem Bovanenkovo-Gasfeld.
Gasförderung in Nordwest-Sibirien - Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Momentan lassen sich laut VNG keine seriösen Vorhersagen treffen, welche Auswirkungen die russischen Angriffskriege haben. Der VNG-Vorstandsvorsitzende Ulf Heitmüller antwortete Anfang Februar in einem MDR-Interview auf die Frage nach einem russischen Lieferstopp: "Das wäre etwas, was für uns nahezu unvorstellbar ist."

Optimistischere Stimmen kommen aus der Politik. Nach Angaben des Thüringer Energieministeriums könne perspektivisch auch ohne Lieferungen aus Russland genügend Gas geliefert und erzeugt werden - allerdings zu höheren Preisen. Das Ministerium bezieht sich dabei auf Aussagen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).

Als Beispiele werden der Aufbau einer nationalen Gasreserve, der Kauf von Flüssigerdgas (LNG) samt Errichtung zweier Terminals, verstärkte Zusammenarbeit und Austausch mit anderen EU-Ländern als auch mit der Industrie genannt. Außerdem soll künftig mehr Energie aus erneuerbaren Energien bereitgestellt werden. Die Landesregierung hatte jüngst angekündigt, die Hürden für den Bau von Windanlagen senken zu wollen, um den Ausbau zu beschleunigen.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 05. März 2022 | 10:00 Uhr

65 Kommentare

Eulenspiegel vor 11 Wochen

Also ich denke es ist ein legitimes Mittel den Gasimport aus Russland so weit wie möglich zu drosseln um Putin davon zu überzeugen den Krieg zu beenden.

astrodon vor 11 Wochen

@Regenbogen: von "beliebig" war nicht die Rede - jedoch liegt die russische Gasförderung bei knapp 25% der Weltproduktion. Es bestehen also recht gute Chancen, bei den restlichen 75% einzukaufen.

astrodon vor 11 Wochen

@hansfriederleistner: Naja, so viel aber denn auch nicht: Wenn die von mir gefundenen Zahlen stimme sind es < 5 kWh/m³ mit Standard-Eletroliseur.
Bezogen auf den Brennwert brauch es ca. 3,3m³ H² statt 1m³ Erdgas H, also ca. 16,5 kWh bzw. 40% mehr. Natürlich wäre es sinnvoller die 16,5 kWh gleich zum Heizen zu verwenden - aber H² kann man nun mal besser speichern.

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