Staatsanwaltschaft Vorwurf des sexuellen Übergriffs: Ermittlungen gegen Chef der Thüringer Gewerkschaft der Polizei

Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelt gegen den Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Kai Christ. Nach MDR THÜRINGEN-Informationen geht es um den Verdacht sexueller Übergriffe gegen eine ehemalige Mitarbeiterin.

Kai Christ, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Thüringen.
Eine Ex-Mitarbeiterin wirft dem Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei in Thüringen, Kai Christ, vor, sie mehrfach gegen ihren Willen zum Sex gezwungen zu haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die betroffene Frau hatte den Thüringer GdP-Chef vor einem Jahr angezeigt. Kai Christ sagte MDR THÜRINGEN, er weise alle Vorwürfe zurück. Er habe über seinen Anwalt Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft beantragt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, dass man sich derzeit zu dem Verfahren nicht äußern werde.


Update Freitag, 23. April: Kai Christ gibt sein Amt auf


Angeblich Notlage ausgenutzt

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel wirft die betroffene Ex-Mitarbeiterin Christ vor, sie in den Büroräumen der GdP-Geschäftsstelle in Erfurt mehrfach zum Sex gegen ihren Willen genötigt zu haben. Dabei soll er angeblich ihre finanzielle Notlage ausgenutzt und sie unter Druck gesetzt haben. Christ soll die Frau bei der GdP eingestellt haben, nachdem er ein sexuelles Verhältnis mit ihr angefangen hatte, welches zu Beginn der Affäre einvernehmlich gewesen sein soll. Laut internen Ermittlungsunterlagen sollen sich die mutmaßlichen Taten zwischen Frühjahr und Herbst 2019 ereignet haben. Die Betroffene hatte Ende November 2019 bei der GdP Thüringen gekündigt.

Ermittlungen offenbar verschleppt

Nach MDR THÜRINGEN-Informationen hat sie im Frühjahr vergangenen Jahres eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Erfurt gestellt. Sie soll dabei bereits das erste Mal zu ihren Vorwürfen vernommen worden sein. Doch das Verfahren ist offenbar ein knappes Jahr lang nur sehr langsam durch die Beamten der Internen Ermittlung geführt worden.

So sollen bisher keine anderen Mitarbeiter aus der GdP-Geschäftsstelle vernommen worden sein. Zudem sollen auch keine Handys, Computer oder Datenträger des Beschuldigten beschlagnahmt und ausgewertet worden sein. Auch hatte es offenbar keine Spurensicherung in den Geschäftsräumen der GdP gegeben. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN hat die Staatsanwaltschaft Christs Anwalt erst in dieser Woche offiziell über das laufende Verfahren informiert. Bis dahin ist Christ auch als Beschuldigter nicht vernommen worden.

Bundes-GdP war informiert

Allerdings weiß Christ offenbar schon seit mindestens einer Woche, dass es die Vorwürfe gegen ihn gibt. Denn die betroffene Frau hatte Ende März in einer Mail eine Mitarbeiterin der Bundesgeschäftsstelle der GdP in Berlin informiert. In dieser schreibt sie, dass sie missbraucht worden sei und dass sie eine Anzeige gegen den Thüringer GdP-Landesvorsitzenden gestellt habe.

Diese Informationen erreichten den Bundesvorsitzenden Oliver Malchow einige Tage später. In der vergangenen Woche informierte Malchow dann in einem Schreiben, das MDR THÜRINGEN vorliegt, den Bundesvorstand über die Mail und die Vorwürfe. Er habe mit Christ gesprochen und dieser habe ihm gesagt, dass er sich einen Anwalt nehme und den Vorwürfen nachgehen wolle. Weitere Schritte für eine interne gewerkschaftliche Aufklärung wurden durch Malchow in dem Brief nicht angekündigt.

Die Hand eines Mannes liegt auf dem Knie einer Frau.
Zu Beginn sei das sexuelle Verhältnis zwischen Christ und der betroffenen Frau noch einvernehmlich gewesen. (Symbolfoto) Bildrechte: dpa

Machtkampf in der GdP Thüringen droht

Inzwischen sind die Vorwürfe und das laufende Ermittlungsverfahren in Thüringer GdP-Kreisen bekannt und sorgen für erhebliche Unruhe. Mehrere Kreisgruppenchefs haben Christ inzwischen zum Rücktritt aufgefordert. Das geht aus einem internen Schreiben hervor, das MDR THÜRINGEN ebenfalls vorliegt. Darin heißt es: "Mehrere faire Bemühungen und Hinweise aus der Organisation an Kai Christ, den Landesbezirksvorstand über die gegen ihn laufenden Ermittlungen zu informieren und sich selbst ein Stück weit aus seiner verantwortungsvollen Funktion herauszunehmen, liefen ins Leere."

Dagegen haben sich in internen GdP-Chats, die MDR THÜRINGEN einsehen konnte, Unterstützer von Christ zu Wort gemeldet, die den Landesvorsitzenden verteidigen. Sie fordern, erst die Ermittlungen abzuwarten, bevor über Konsequenzen geredet werde. Seit Freitagmorgen tagt der Geschäftsführende Landesvorstand zu dem Fall.

Innenministerium will sich nicht äußern

Die Polizeiabteilung des Thüringer Innenministeriums und die Führung der Landespolizeidirektion sind über die Vorwürfe gegen Christ offenbar auch schon seit Monaten informiert. Offen ist aber, ob es inzwischen gegen ihn ein dienstinternes Disziplinarverfahren gibt, denn Christ ist trotz seiner Gewerkschaftsfunktion weiterhin Polizeibeamter. Das Ministerium wollte sich auf eine MDR THÜRINGEN-Anfrage zu dem gesamten Fall nicht äußern und verweist auf die Staatsanwaltschaft Erfurt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. April 2021 | 10:00 Uhr

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