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Nach knapp zwei Dritteln aller Prüfungen in der Fahrschule heißt es: freie Fahrt. Bildrechte: IMAGO / Frank Sorge

VerkehrJeder dritte Fahrschüler fiel 2021 in Thüringen durch die Prüfung

von Carmen Fiedler, MDR THÜRINGEN

Stand: 20. Januar 2023, 18:08 Uhr

2021 wurden 35 Prozent der Fahrprüfungen in Thüringen nicht bestanden. Das geht aus Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes hervor. MDR THÜRINGEN hat mit dem Fahrlehrerverband darüber gesprochen, woran das liegt. Mit einem Quiz können Sie außerdem ihr Fahrwissen prüfen.

Michael Caspari, Vorstand beim Verband Freier Fahrlehrer Weimar/Thüringen und seit 1979 Fahrlehrer, hat nach der Wende rund 3.000 Fahrschüler ausgebildet. "Ich hatte bei den Prüfungen eine Erfolgsquote von 90 Prozent", sagt er und meint damit, dass 90 Prozent seiner Fahrschüler die Führerscheinprüfung geschafft haben. Er fügt hinzu: "Was jetzt so ist, dass 40 Prozent durchfallen, das kann ich nicht nachvollziehen."

Tatsächlich werden in Thüringen seit Jahren ungefähr 35 Prozent der praktischen und 40 Prozent der theoretischen Fahrprüfungen nicht bestanden. Was nicht bedeutet, dass so viele Fahrschüler durchfallen. Die Zahlen, die das Kraftfahrt-Bundesamt jährlich veröffentlicht, spiegeln lediglich die bestandenen und nicht bestandenen Prüfungen wider. "Da eine Person beliebig häufig zur Prüfung antreten kann, übersteigt die Anzahl der Prüfungen die Zahl der geprüften Personen", heißt es auf der Website des Kraftfahrt-Bundesamtes.

Hohe Durchfallquote bei Führerscheinprüfungen in Thüringen

Thüringen bildet dabei einen etwas eigenen Trend: Die Quote der nicht bestandenen Prüfungen veränderte sich hier seit 2011 nur leicht nach oben, ist jedoch insgesamt hoch. Sind im Jahr 2011 noch 34 der praktischen und 38 Prozent der theoretischen Prüfungen nicht bestanden worden, waren es zehn Jahre später 35 der praktischen und 41 der theoretischen Prüfungen, also nur ein beziehungsweise drei Prozent mehr.

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Deutschlandweit dagegen hat die Durchfallquote bei den Führerscheinprüfungen innerhalb des Jahrzehnts stärker zugenommen. Der Tüv-Verband hatte zuletzt unter Berufung auf Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes berichtet, dass im Vorjahr 37 Prozent der Theorie-Prüfungen nicht bestanden worden seien - nach 29 Prozent im Jahr 2013. Bei der praktischen Prüfung für die Pkw-Führerscheinklasse B habe die Durchfallquote im vergangenen Jahr 43 Prozent betragen.

Weshalb so viele Prüfungen nicht bestanden werden, wurde bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht. Über die Ursachen gibt es also nur Spekulationen. Kurt Bartels, Vize-Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, meint, ein Grund dafür sei eine geringere Verkehrswahrnehmung der jungen Menschen und führt das unter anderem auf die Handy-Nutzung der Fahrschüler zurück.

Anforderungen an die Fahrschüler gestiegen

Auch der veränderte Verkehr sei eine Ursache. Nicht nur das Verkehrsaufkommen, auch die Menge an Regelungen habe in den vergangenen 20 Jahren enorm zugenommen. Das bekämen insbesondere diejenigen zu spüren, die ihre Führerscheinprüfung in einer Großstadt absolvieren. Dort liege die Durchfallquote deutlich höher als auf dem Land. Zudem seien generell die Anforderungen an die Fahrschüler während der Prüfung gestiegen.

Fahrlehrer Michael Caspari ist mittlerweile in Rente, nur ab und zu hält er noch die eine oder andere Fahrstunde. "Das macht mir Spaß", sagt er. Auf die Frage, weshalb so viele Schüler - immerhin werden in Thüringen über ein Drittel der Prüfungen nicht bestanden - durchfallen, hat auch er einige Antworten. Das Handy, sagt er, habe einen großen Einfluss. "Heute setzen sie sich ins Auto und schauen auf das Handy. Ist leider so." So bekomme man als Beifahrer nichts vom Verkehr und den Regeln mit.

Wir haben heute viel mehr Aufmerksamkeitsdefizite.

Harry Bittner | Vorsitzender des Thüringer Fahrlehrerverbandes

Außerdem werde heutzutage viel von den Fahrschülern verlangt. Das sagt auch Harry Bittner, Vorsitzender des Thüringer Fahrlehrerverbandes. Statt wie nach der Wende 400 Prüfungsfragen, umfasst der Fragenkatalog für die Führerscheinklasse B (Pkw) heute 1.000 Fragen. Zudem habe es 1990 keine Filme in Prüfungen gegeben, heute schon. Und er sagt: "Wir haben heute viel mehr Aufmerksamkeitsdefizite." Auch die Lese-Rechtschreibkompetenz sei nicht so gut. "Dass viele die Prüfung nicht schaffen, hat vielschichtige Ursachen."

Das kann man nicht alles dem Schüler anlasten.

Michael Caspari | Vorstand beim Verband Freier Fahrlehrer Weimar/Thüringen

"Das kann man nicht alles dem Schüler anlasten", wendet Michael Caspari ein. Es hänge auch von der Situation ab, in der sich die Schüler befinden, und vom Fahrlehrer. "Wenn ich gerade im Abiturstress bin, sollte ich mit den Fahrstunden lieber warten." Die jungen Menschen seien schon von der Schule stark belastet, sagt denn auch Harry Bittner.

Michael Caspari, Vorstand beim Verband Freier Fahrlehrer Weimar/Thüringen: "Die Theorieprüfung kann jeder bestehen." (Symbolbild) Bildrechte: imago/INSADCO

Doch Michael Caspari meint außerdem: "Die Theorieprüfung kann jeder bestehen." Man müsse sich nur gut vorbereiten. In der theoretischen Prüfung müssen 30 zufällig ausgewählte Fragen auf dem Computer oder Tablet beantwortet werden. Bei mehr als zehn Fehlerpunkten gilt die Prüfung als nicht bestanden. Michael Caspari schätzt: "Würden die heutigen Fahrer ohne Vorbereitung eine Prüfung machen, fielen acht von zehn durch."

Quiz zur Führerscheinprüfung: Können Sie diese Fragen (noch) beantworten?

Ob ein Schüler bereit für die Prüfungen sei, müsse immer gemeinsam mit dem Fahrlehrer entschieden werden, sagt der ehemalige Fahrlehrer. "Der Fahrlehrer kennt seine Schüler am besten." Viele Fahrschüler bräuchten beispielsweise noch Übung im Fahren. "Da ist halt jeder anders, es ist nicht schlimm, wenn jemand zehn Stunden mehr braucht." Dann solle man lieber in der Fahrschule "ein bisschen mehr Geld" ausgeben. "Wenn ich keine Chance habe, kann ich mich nicht zur Prüfung anmelden", so Michael Caspari. "Verkehrssicherheit ist wichtig. Wenn das Fundament schon wackelt, was soll das später werden?"

Fahrlehrer haben also eine Mitverantwortung. Harry Bittner: "Jeder Fahrlehrer möchte, dass seine Schüler die Prüfungen bestehen." Man braucht ein Gespür, wann der Schüler so weit ist. Vielleicht auch deshalb werden angehende Fahrlehrer vor allem pädagogisch geschult. Die pädagogische Ausbildung macht laut Bittner 50 Prozent der Fahrlehrerausbildung aus, die technische Ausbildung hingegen nur zwölf Prozent. Auch langjährige Fahrlehrer würden regelmäßig pädagogisch geschult. Harry Bittner: "Lehren kann jeder lernen."

Es gibt nur bestanden oder nicht bestanden

Dennoch, die Durchfallquote ist eine Tatsache. Der Sprecher des Dekra-Bundesverbandes, Wolfgang Sigloch, fasste es auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN lapidar so zusammen: "Zu den Gründen kann ich nichts sagen. Der Fahrerlaubnisprüfer prüft und stellt fest, ob der Schüler bestanden oder nicht bestanden hat."

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Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 17. Januar 2023 | 15:10 Uhr

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