FAKT IST! Angst trotz Doppelwumms: Was den Menschen Sorgen macht

Krieg in Europa, steigende Heizkosten, drohender Jobverlust - Krisen gibt es viele. Doch haben die Menschen mehr Ängste als früher? Und welche Erwartungen haben sie an die Politik? Das war Thema bei FAKT IST! aus Erfurt.

Fakt ist Erfurt Angst
Zuschauer und Gäste aus Politik und Wissenschaft diskutierten am Montagabend im Landesfunkhaus in Erfurt. Bildrechte: MDR/David Dienemann

"Ich habe Angst, dass ich meine Praxis schließen muss", sagt Zuschauerin Ute Zeyen. Sie betreibt eine Physiotherapiepraxis und mit Blick auf die die steigenden Energiepreise entlädt sich zu Beginn der Sendung FAKT IST! aus Erfurt ihr Frust. "Wenn ich montags Zeit habe, gehe ich demonstrieren. Ich brauche einen Ort, wo ich das alles loswerden kann."

Nicht nur Aussagen wie die von Ute Zeyen oder anderen Zuschauern der Sendung, sondern auch die Ergebnisse der aktuellen MDRfragt-Erhebung machen deutlich: Ein großer Teil der Menschen in Mitteldeutschland hat Angst vor dem Verlust des eigenen Lebensstandards. Vor steigenden Heizkosten, einem möglichen Jobverlust oder auch dem schwer kalkulierbaren Krieg in der Ukraine.

"Erschöpfte Generationen" im Osten

"Die Seele ist wund von der Dauerunsicherheit", beobachtet die Ethnologin Dr. Juliane Stückrad mit Blick auf die Frage, ob das Angstgefühl in Ostdeutschland anders ist als in den westdeutschen Bundesländern. Vor allem für ältere Generationen sei Angst ein Dauergefühl. Die Gelegenheit zu demonstrieren wird hier deshalb öfter wahrgenommen, sagt sie.

In Ostdeutschland gebe es kleinere Unternehmen, hätten mehr Menschen weniger Rücklagen und lebten mehr von der Hand in den Mund. Gerade ältere Generationen hätten oft "einfach keine Lust mehr" und wollten Kontinuität statt Dauerkrise. Stückrad sagt: "Ich treffe oft auf eine erschöpfte Generation."

Individuelle Wahrnehmung nicht so schlimm

Professor Hans Vorländer, Politikwissenschaftler der TU Dresden, beobachtet bei "FAKT IST!", dass vor allem Sorgen um materielle und individuelle Ressourcen wie die Bezahlbarkeit von Energie viele Menschen umtreibt. "Interessant ist aber, dass die Angst um den individuellen Status oder Lebensstandard geringer ist als die Sorge, dass es der ganzen Gesellschaft schlechter geht."

Das liegt laut Vorländer daran, dass viele Probleme wie die hohen Energiepreissteigerungen bei weiten Teilen der Bevölkerung noch nicht komplett durchschlagen.

Vorländer kritisiert, dass die Ampel-Regierung in Berlin Vertrauen verspielt und Ängste nicht rechtzeitig ernst genommen habe. So seien etwa bei der Konzeption und Kommunikation der Gasumlage handwerkliche Fehler gemacht worden.

Geringe Fehlertoleranz gegenüber Politikern

Gleichzeitig nimmt der Wissenschaftler politische Entscheidungsträger in Schutz: "Wie sollen Politiker denn die sich überlagernden Krisen alle mit einem Handstreich lösen? Auch die Politik lernt."

Der Bundestagsabgeordnete Bernhard Herrmann (Grüne) aus Chemnitz gesteht Fehler der Ampel-Koalition ein: "Zu Beginn der sich abzeichnenden Energiekrise hätten wir sagen müssen: Wir werden alles tun, das dieses Land zusammenhält."

Das sei nicht in aller Klarheit passiert. Die von der Bundesregierung beschlossenen, 200 Milliarden Euro schweren Energiehilfen - von Kanzler Olaf Scholz auch "Doppelwumms" genannt - seien politisch zu vage kommuniziert worden.

Gleichzeitig jedoch, erinnert Herrmann, sei die Toleranz gegenüber Politikern derzeit recht gering, trotz der "nie dagewesenen Herausforderungen." Und wirbt für Verständnis: "So schnell wie es viele erwarten, sind wir in der Politik nicht."

Demonstrationen: "Inszenierung des Unmuts"

Bei "FAKT IST!" betont Herrmann, wie wichtig ihm als Politiker der direkte Austausch mit besorgten Menschen sei - dennoch gehe er nicht auf Demonstrationen. Dort gehe es inhaltlich nicht voran, so der Bundestagsabgeordnete.

Auch Politikwissenschaftler Vorländer sieht in den derzeit häufiger stattfindenden Demonstrationen nicht das richtige Format, um Ängste ernst zu nehmen und den Dialog zu fördern: "Demos bringen ein Thema vielleicht auf die Straße, lösen es aber nicht." Er wirbt stattdessen für direkte Gespräche auf Augenhöhe wie in Bürgersprechstunden - und aktive politische Gestaltung wie die Teilhabe in Verbänden.

Ethnologin Juliane Stückrad beschreibt die aktuellen Proteste als "Inszenzierung des Unmuts."

Wunsch nach Staat auf Augenhöhe

Stückrad sieht jedoch maßgeblich die Politik in der Pflicht, weniger schwerfällig zu wirken und dadurch Ängsten entgegenzutreten. Auch bei städtischen Behördengängen müssten Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, es mit Staatsdienern zu tun zu haben - und nicht mit einer ihnen überlegenen Staatsmacht.

Angst vor Verrohung der Gesellschaft

Für Zuschauer Willi Wieland aus Suhl überwiegt in der derzeitigen Debatte noch eine ganz andere Angst. Er fürchte sich auf Demos zu gehen, sagt er. Dort sei die Stimmung so aggressiv. "Ich habe Angst, dass die Gesellschaft auseinanderbricht. Dass wir so große Zerwürfnisse bekommen, die wir nicht mehr kitten können." Nachrichten schaue er noch, aber er konsumiere keine sozialen Medien mehr. "Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich sehe, wie wir uns zerfleischen."

MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | FAKT IST! aus Erfurt | 17. Oktober 2022 | 22:10 Uhr

213 Kommentare

MDR-Team vor 47 Wochen

Die von Ihnen eingebrachten Kommentare sind in Bezug auf das Thema des Artikels nicht zielführend. Wir möchten Sie bitten davon abzusehen sich gegenseitig lediglich Vorwürfe zu machen oder Unterstellungen zu formulieren. Sie sind eingeladen zum Thema zurück zu kehren und diesbezüglich zu diskutieren.

Haller vor 49 Wochen

Auch, daß die aktuelle Anzeige von
https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/faktist-angst-krieg-energiekrise-100.html

seit mindestens 2 Stunden veraltet ist ist eine besorgniserregend Situation in der "Kultur einer Diskussion"

Tschingis1 vor 49 Wochen

@Haller
Könnten Sie ihre Behauptung, dass die an Gazprom gezahlten Gelder, Gazprom nicht zu Verfügung stehen, auch nachweisen?

Ich finde nichts im Netz, die ihre Behauptung stützt.

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