FAKT IST! aus Erfurt Virologe Kekulé: Entscheidungen in Corona-Krise werden zu spät getroffen

Immer mehr Menschen empfinden die Einschränkungen in der Corona-Pandemie als Belastung. Doch welche Strategien versprechen Besserung? Darüber diskutierten Montagabend die Gäste bei FAKT IST! aus Erfurt.

Die Frage nach dem Lockdown-Ende in Thüringen konnte Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) nicht beantworten. Und vermutlich hatte damit auch niemand gerechnet. Vielmehr ging es Montagabend bei FAKT IST! aus Erfurt darum, mit welcher Strategie ein Weg zurück in die Normalität gefunden werden kann.

Denn immer mehr Menschen - 49 Prozent - empfinden die aktuellen Einschränkungen in der Corona-Pandemie als starke oder sehr starke Belastung; verglichen mit 36 Prozent im Dezember. Das ist das Ergebnis des aktuellen ARD-DeutschlandTrends.

Kekulé: Zweite Welle kam nicht überraschend

Der zweite Lockdown sei angesichts steigender Infektions- und Patientenzahlen unvermeidbar gewesen, sagte Alexander Kekulé, Virologe und Infektionsepidemiologe an der Universität Halle-Wittenberg. "Wir haben es im Sommer verschlafen, Konzepte für den Winter zu entwickeln." Und das, obwohl "alle seriösen Fachleute mit einer zweiten Welle im Herbst gerechnet" hätten. Schließlich sei dies bei Infektions- und Atemwegserkrankungen ganz normal. Kekulés Eindruck: "Wir treffen in Deutschland gute Entscheidungen, aber leider manchmal zu spät."

Es werde dringend ein Konzept benötigt für das Leben mit dem Virus nach dem Lockdown. Man müsse laut Kekulé "mit dem Virus klarkommen, ohne das Leben zu sehr zu beschränken". Er empfiehlt, den Fokus auf fünf Bereiche zu legen: Schutz der Risikogruppen, Masken im Alltag, Vermeidung von Superspreading-Events, schnelle Kontaktverfolgung auch im Privatbereich und mehr Schnelltests.

Werner: Experten verschiedener Disziplinen zuhören

Ministerin Werner hob das Engagement vieler Unternehmer, Gastronomen und Kulturschaffenden hervor, die im vergangenen Jahr "gute Konzepte entwickelt haben". Nur: Die hohen Infektionszahlen im Herbst hätten leider vieles davon zunichte gemacht.

Die Kritik von Studiogästen, dass die Politik in der Corona-Krise auf nur wenige Experte höre, wies Werner zurück. "Im Thüringer Expertenrat sind selten alle gleicher Meinung." Es gebe jene, die sich einen strengeren Lockdown wünschen, aber auch solche, die die Wahrung der Grund- und Freiheitsrechte zum obersten Prinzip erklären. "Wir Politiker müssen die Balance finden aus naturwissenschaftlichen, pädagogischen, psychologischen, rechtswissenschaftlichen und anderen Disziplinen."

Dagmar Schipanski
Dagmar Schipanski Bildrechte: Tobias Koch

Dies bestätigte Thüringens ehemalige Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski (CDU) auch für die Bundesebene. Als Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina könne sie versichern, dass "die Politiker nicht auf falsche Ratgeber gehört" haben. "Allein bei der Leopoldina waren 90 Wissenschaftler in Empfehlungen an die Bundesregierung involviert - also viel mehr als außen wahrgenommen werden." Die Empfehlungen umzusetzen, sei jedoch Aufgabe der Politik.

Corona-Gurgeltests für den Privatgebrauch?

Wie soll es weitergehen? Laut Ministerin Werner sind Gurgeltests als Teil der privaten Morgenroutine aufgrund der Fortschritte auf dem Gebiet der Corona-Tests schon in wenigen Monaten denkbar. Ja, solche Gurgeltests gebe es bereits, bemerkte Kekulé. Sie könnten schon jetzt eingesetzt werden. Gäbe es da nicht juristische Hürden.

Heike Werner
Heike Werner Bildrechte: Heike Werner

Auf solche stieß das Staatliche Berufsschulzentrum Eisenach am Montagvormittag. 100 Schüler der Abschlussklassen sollten per Abstrich getestet werden, doch nur jeder zweite Schüler war dazu bereit. Dürfte eine Schule den Präsenzunterricht in diesem Fall verweigern? - Eine von vielen ungeklärten Fragen. Hinzu kommt der zeitliche Aufwand. "Wir bräuchten ein Testverfahren, das alltagstauglich ist", sagte Schulleiter Gunnar Pfeil. Schon der aktuelle Unterricht - für die oberen Jahrgänge - in zwei- oder dreigeteilten Klassen sei mit einem enormen Aufwand verbunden.

Vertrauen schaffen für Tests und App-Nutzung

Auch wenn es auf Details zu achten gelte und nicht jeder Test für jede Zielgruppe infrage komme, sind sie laut Kekulé "ein wichtiger Baustein, um uns im Alltag mehr Freiheiten zu geben" - auch mit Blick auf den Betrieb von Kindergärten und Grundschulen.

Apps könnten dabei helfen, die Kontaktverfolgung zu verbessern und damit die Verbreitung des Virus einzudämmen. Sie müssten laut Kekulé nur besser sein als die Corona-Warn-App. Und sie müssten von mehr Leuten genutzt werden und bei bestimmten Veranstaltungen verpflichtend sein. Kekulé: "Das höchste Gut in der Pandemie ist das Vertrauen der Menschen. Ein paar Leute, die man nicht überzeugen kann, wird es immer geben. Wenn aber die meisten verstehen, worum es geht, dann gibt es auch viele, die mitmachen."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 01. Februar 2021 | 22:10 Uhr

39 Kommentare

Kritiker vor 14 Wochen

@knarf2: +...Auch Coronaleugner bzw.Kritiker schüren die Ängste
auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen...+
Coronaleugner sind doch (soweit mir bekannt) Menschen die meinen Corona gibt es nicht. Wenn es so wäre, wovor soll man dann Angst bekommen oder ist nach Ihrer Meinung Ängste schüren das Bestreiten der Corona-Pandemie?? Also ich würde keine Angst haben wenn es Corona wirklich nicht geben würde. Im Gegenteil!

Kritiker vor 14 Wochen

@knarf2: Suchen Sie doch nicht nach Ausreden! So viele Coronaleugner gibt es nicht die einen entsprechenden Anstieg in kürzester Zeit begründen könnte, genau so wenig wie JEDER ANDERE BÜRGER sich selbst seine Meinung bilden kann und wird! Zum anderen geht es nicht allein um die Länge der Lockdown sondern am meisten wegen den Verzicht in Familie, von Großeltern bis hin zu Enkelkindern. Vom Einkauf bis zu anderen Veranstaltungen, welche im Leben 2019 noch für Abwechselungen sorgten.

Kritiker vor 14 Wochen

@knarf2: Nicht wir =als ganzes= sondern nur jene die den Virus in sich tragen, selbst vllt. ohne Symptome sind aber es weiter verbreiten. Hier sollte eingegriffen werden um sich als Wissenschaftler ein Gesamtbild machen zu können. Dazu gehört eben mal das jeder Bürger die Möglichkeit bekommt sich selbst daheim zu testen. Daran möchte die Wissenschaft MIT ARBEITEN und dann kann man auch daheim mögliche Verbreitungswege selbst nach verfolgen und die ja überlastete Gesundheitsämter ein wenig helfen. Wenn ich heute einen negativen Test (daheim) habe, ich gehe dann nur mal Einkaufen & komme mit Bekannten in ein persönliches Gespräch und morgen ist der Eigentest dann positiv, dann kann es nur entweder bei den Bekannten oder beim Einkauf geschehen sein, den Virus "geschenkt" bekommen zu haben! Wenn ich daheim und außerhalb meiner Wohnung alle Schutzmaßnahmen meinerseits eingehalten habe, dürfte es ja keinen positiven Test als nächstes geben. Selbst nach mehreren Tagen nicht.

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