Fakt ist! aus Erfurt Zukunft der Thüringer Krankenhäuser: "Ich werbe für Veränderungen"

Ist das Versorgungssystem in den Krankenhäusern noch zeitgemäß? Die Gäste in der MDR-Sendung Fakt ist! aus Erfurt waren sich ziemlich einig, dass es Reformen braucht. Bei der Umsetzung gehen die Meinungen aber auseinander.

Mehr Spezialisierung, besserer Austausch zwischen den Kliniken und weniger stationäre Behandlungen: Die Gäste in der MDR-Sendung Fakt ist! aus Erfurt haben am Montagabend Ideen für eine neue Krankenhausversorgung diskutiert. Der Gesundheitsökonom Reinhard Busse von der TU Berlin forderte gar eine drastische Reduzierung der Standorte. Viele der kleineren Kliniken seien nicht entsprechend ausgestattet. Die Patienten würden dort schlechter behandelt als notwendig.

Die zahlreichen Kliniken binden Busse zufolge auch viel Personal. Statt der 43 Krankenhäuser in Thüringen hält er 15 für völlig ausreichend. Als Beispiel fiel in der von Andreas Menzel und Lars Sänger moderierten Sendung das Beispiel Dänemark. Dort wurde die Anzahl der Krankenhäuer drastisch reduziert. Gleichzeitig wurde das Versorgungssystem reformiert: Die Kliniken sind auf bestimmte Krankheiten spezialisiert, um den Patienten die bestmögliche Behandlung zu bieten.

Dänemark als Vorbild für Thüringen? Der gesundheitspolitische Sprecher der Linken im Landtag, Ralf Plötner, schauderte es bei dem Gedanken, das Krankenhausnetz nach Vorbild des nördlichen Nachbars auszudünnen. Es dürfe nicht an wohnortnaher Versorgung gespart werden, sagte er.

Thüringen habe den zweithöchsten Altersdurchschnitt in Deutschland. Somit seien hier auch Brüche oder Herzkreislauf-Erkrankungen häufiger - und die zahlreichen Kliniken von Vorteil. Plötner zufolge braucht es eher eine Reform des Fallpauschalensystems, das falsche Anreize setze. Dies könne aber nicht in Thüringen gelöst werden. Wichtig sei aber die Frage nach der Spezialisierung - die Patienten dort zu behandeln, wo sie am besten versorgt werden können.

Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der Barmer Thüringen, will die Zukunft der Krankenhäuser nicht an Zahlen festmachen. "Menschen haben einen Anspruch auf eine qualitativ hochwertige Behandlung. Darauf sollten wir schauen." Aber: Der nächste Arzt sollte nicht zu weit entfernt sein. Wie viele Betten es dann gibt, sollte geprüft werden. Wichtig sei, die Kooperation zwischen den Häusern zu verbessern. "Ich werbe für Veränderungen", sagte Dziuk. Die nahen Standorte seien wichtig, aber nicht in dieser Form.

Finanzierung von Krankenhäusern

Die Kliniken in Deutschland bekommen Geld aus zwei Quellen: Auf der einen Seite gibt es die Krankenkassen. Sie sind für die Finanzierung laufender Betriebskosten zuständig, die über Fallpauschalen abgerechnet werden. Das heißt, für jeden Patienten gibt es eine bestimmte Summe je nach Erkrankung. Im Gegensatz zu einer Tagessatz-bezogenen Abrechnung wird dabei oft kritisiert, dass Krankenhäuser versuchten, möglichst viele Fälle zu behandeln, um viele abrechnen zu können.

Auf der anderen Seite gibt es Geld von den Ländern. Sie sollen aus Steuergeldern die nötigen Investitionen finanzieren - also in neue Gebäude oder Technik. Bei privaten Kliniken ist der entsprechende Träger für die Investitionen zuständig.

Vielen Thüringern scheint die Qualität der Behandlung wichtiger als die Ortsnähe zu sein. Bei einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse gaben nur neun Prozent an, dass die Wohnortnähe für die Behandlung das entscheidende Kriterium sei. 91 Prozent würde sich dagegen für ein spezialisiertes Krankenhaus mit Erfahrung entscheiden, auch wenn es weiter weg vom Wohnort ist.

Immer mehr private Kliniken

In der Sendung ging es auch um die Frage, warum es immer mehr private Krankenhäuser gibt. Der Geschäftsführer der öffentlich geführten Thüringen-Kliniken Saalfeld, Rudolstadt und Pößneck, Thomas Krönert, sprach von einer "ständigen Unterfinanzierung" seitens der Politik. Die Häuser seien deshalb gezwungen, aus ihrem Tagesgeschäft Überschüsse zu generieren, um zu investieren, was nicht deren eigentliche Aufgabe sei. "Die Fehlpolitik" habe vor allem in Ostdeutschland in den vergangenen 20 Jahren dazu geführt, dass viele Krankenhäuser in die Privatisierung gegangen sind.

Plötner von der Linken sagte, das Land wolle den Investitionsstau Stück für Stück abbauen. 80 Millionen Euro bräuchte man jährlich dafür. 40 Millionen seien gegenwärtig eingeplant. Ihm zufolge gehören die Daseinsvorsorge und damit auch Krankenhäuser in die öffentliche Hand. Laut Robert Koch, Geschäftsführer der privaten Zentralklinik Bad Berka, liegt der Gesamtinvestitionsbedarf in Thüringen bei insgesamt einer halben Milliarde Euro.

Koch sagte, auch private Kliniken seien Teil der Daseinsvorsorge. Jedes Krankenhaus - ob öffentlich oder privat - sei gesetzlich verpflichtet, wirtschaftlich zu arbeiten. Das Fallpauschalensystem decke nur einen Teil der Kosten. Krankenhäuser seien deshalb darauf angewiesen, "sehr effektive Prozesse" anzubieten. Koch bezeichnete es als Stärke privater Kliniken, dass sie erwirtschaftetes Geld wieder reinvestierten.

Busse: Personalmangel in der Pflege liegt auch im System

Der Direktor der Intensivmedizin der Uniklinikum Jena, Michael Bauer, forderte, dass Ärzte wieder mehr Einfluss bei der Organisation bekommen und der Patient im Zentrum stehen müsse. Wirtschaftliche Anreize könnten sinnvoll sein. Allerdings bestehe die Gefahr, Fehlanreize zu setzen. Er plädierte in der Sendung ebenfalls für eine Spezialisierung und einen besseren Austausch der Kliniken.

Die Frage zwischen staatlicher und privater Klinik sah Gesundheitsökonom Busse dagegen nicht als zentral an. Er merkte vielmehr an, dass 2021 jedes dritte Bett in Thüringen nicht belegt gewesen sei. Die Häuser seien aber darauf angewiesen, die Betten zu füllen, um Geld zu verdienen.

Die Gefahr bestehe, dass Patienten stationär behandelt werden, obwohl sie lieber ambulant behandelt werden wollen. "Das führt dazu, dass sich das Pflegepersonal um Patienten kümmern muss, die eigentlich nicht stationär da sein müssten." Pro Patient gebe es so wenig Pflegepersonal, weil viele "unsinniger Weise in Betten liegen", sagte er.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 10. Januar 2022 | 22:10 Uhr

21 Kommentare

astrodon vor 1 Wochen

@martin: Nur gegen Dividendenerwartung ? Oder auch auf den Kursgewinn bedacht ? Ich bin kein Aktionär ...
"die Ärzte dort unter ziemlichen Zeitdruck erlebt - der dann halt zu solchen Fast-Fehlern " - ist das aber nicht überall so, unabhängig vom Betreiber ? Ich sehe da wenig bis keine Unterschiede.
Bei einer reinen Staatsfinanzierung habe ich Bauchschmerzen, denn die finanziellen Mittel werden NIE für alle Wünsche reichen. Und dann werden, wie in der Planwirtschaft, Entscheidungen nicht vor Ort getroffen. Ist aus meiner Sicht mindestens genau so schlecht, wie mit Gesundheit Gewinn erwirtschaften zu müssen ...

martin vor 1 Wochen

Ich stimme zu, dass es im Kern nicht darauf ankommt, ob ein Aktionär 2% Dividende bekommt oder der gleiche Betrag einem Stiftungskapital zugeführt wird.

Allerdings sehe ich den Unterschied darin, dass ein Aktionär sein Geld i.d.R. nur gegen eine Dividendenerwartung verleiht - sprich die Abläufe sind so zu organisieren, dass ein Gewinn anfällt. Eine Stiftung ist häufig mit der schwarzen Null zufrieden.

Als Ex-Patient von Bad Berka kann ich einem pauschalen guten Ruf nicht zustimmen. Zumindest in meinem Fall war die Diagnostik durch ein Denken geprägt "Bei 90% der Patienten mit diesem Bild trifft die Diagnose x zu." Eine halbwegs systematische Ausschlussdiagnostik fand nicht statt und hätte ohne meine Skepsis nebst einer für das Personal sicher unangenehmen Renitenz zu einer Falschbehandlung mit bleibenden Schäden geführt. Damit will ich die Klinik nicht schlecht machen. Aber ich habe die Ärzte dort unter ziemlichen Zeitdruck erlebt - der dann halt zu solchen Fast-Fehlern führen kann.

hinter-dem-Regenbogen vor 1 Wochen

@martin
Sehr gutes Beispiel, wie das Geschäft mit der Krankheit funktioniert - aber auch Risiken in sich birgt.

Der Zusammenbruch der "Fresenius Medical Car" Aktie, war seinerzeit darauf zurückzuführen, als bekannt wurde, dass durch Corvid19- Infektionen, vorrangig u.a. Dialysepatienten versterben.
Das Hauptgeschäft von "Fresenius Medical Car" befasste sich mit der Dialyse.
So ergab sich auch, dass diesbezüglich keine statistischen Erhebungen mehr getätigt wurden. Das "Geschäft" sollte vermutlich nicht weiter strapaziert werden.

! Krankheit und Börse, das gehört nicht zusammen !
Und unter diesem Aspekt sollte man auch die gesetzliche und "allgemeine Impfpflicht" verstehen.

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