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Fakt ist! aus ErfurtVon Solaranlagen auf Äckern und neuen Flächen für Futter

von Sascha Richter, MDR THÜRINGEN

Stand: 12. April 2022, 02:32 Uhr

Die weltweiten Krisen sind längst vor der eigenen Haustür spürbar. Unangenehme Fragen stellen sich: Lieber Lebensmittel oder besser Energie den Vorrang geben - oder geht beides zusammen? Darum ging es bei Fakt ist! aus Erfurt.

In Deutschland droht laut dem Thüringer Bauernverbandspräsidenten Klaus Wagner keine Lebensmittelknappheit. Es müsse niemand hungern, auch Hamsterkäufe seien nicht nötig, sagte Wagner in der MDR-Sendung Fakt ist! aus Erfurt am Montagabend. Allerdings trete das Bewusstsein in den Vordergrund, dass Rohstoffe nicht immer verfügbar seien und dass es Abhängigkeiten gebe.

Der von Andreas Menzel und Lars Sänger moderierte Politik-Talk stand ganz im Zeichen der weltweiten Krisen und ihrer Auswirkungen - angefangen beim Ukraine-Krieg, über Lieferkettenprobleme bis hin zum Klimawandel. Um unabhängiger zu werden, stellt sich auch die Frage nach den Flächen: Lieber der Lebensmittelproduktion oder der Energiegewinnung den Vorrang geben - oder geht beides zusammen?

Agrarland Deutschland

Fast die Hälfte der Flächen in Deutschland sind Felder und Weiden. Auf einem Großteil wird Tierfutter angebaut wie Gras oder Mais. Lebensmittel wie Weizen oder Kartoffeln haben auf einem Fünftel der Fläche Platz. Auf 14 Prozent der Äcker werden Energiepflanzen angebaut, so Mais für Biogasanlagen oder Raps für Biodiesel.

Ein kleiner Teil der landwirtschaftlichen Gebiete ist stillgelegt und als ökologische Vorrangfläche ausgewiesen, um Ökosysteme und Arten zu schützen. Die EU-Kommission hat im Zuge der Ukraine-Krise bis Ende des Jahres eine Ausnahmeregelung beschlossen, nach der diese Flächen für die Futtergewinnung als auch für Nahrungsmittel genutzt werden können.

Doch die Bundesregierung spielt da nicht mit. Freigegeben wurden lediglich Flächen, um Futter zu gewinnen oder Tiere weiden zu lassen. Das gelte aber nicht für Lebensmittel, sprich für "Getreide und Pestizide", wie die zugeschaltete Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, Ophelia Nick (Grüne), in der Sendung sagte. Artenschutz und Klimaschutz dürften nicht auf die lange Bank geschoben werden, sagte sie als Begründung.

Debatte um Flächen und Fleischkonsum

Beim agrarpolitischen Sprecher der Thüringer CDU-Fraktion, Marcus Malsch, trifft das auf Unverständnis. Thüringer und deutsche Landwirte stünden immer im Wettbewerb. "Wenn die EU das Angebot macht und sagt, ihr könnt jetzt die Flächen nicht nur für Futtermittel, sondern auch für Nahrungsmittel nutzen, dann sollte man das Angebot annehmen", sagte er.

Für die Agrarwissenschaftlerin Kerstin Wydra von der Fachhochschule Erfurt ist die Suche nach immer neuen Flächen nicht unbedingt der richtige Weg: Sie betonte, dass 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für die Futtermittelproduktion reserviert seien. "Man kann an diesem Verhältnis etwas ändern und mehr in die Nahrungsmittelproduktion gehen." Denn mit dem Anteil an Fleisch wie bisher könne die Weltbevölkerung künftig nicht mehr ernährt werden. "Wenn wir weniger Fleisch essen und die Futtermittelproduktion durch Nahrung ersetzen, wäre es einfacher."

Bauernpräsident Wagner entgegnete: "Diese Unterteilung in Teller, Trog, Tank gibt es bei uns nicht." Er nannte Beispiele, weshalb nicht so leicht in Futtermittel und Lebensmittel unterschieden werden könne. Das Fleisch sei für die Ernährung da, und da komme es auf Proteine und andere Inhaltsstoffe an. Bei der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel fielen auch Nebenprodukte an, die im Tierfutter landen. In Thüringen könne wetterbedingt auch nicht jedes Jahr Brotweizen angebaut werden, sagte er.

Solar-Offensive auf dem Acker

Im zweiten Teil der Sendung ging es vor allem um das geplante "Osterpaket" der Bundesregierung. Bis Ostern will das Kabinett umfassende Maßnahmen beschließen, um das Tempo beim Ausbau des Ökostroms aus Wind und Sonne zu erhöhen. Noch handelt es sich um ein mehrere hundert Seiten umfassendes Eckpunktepapier. Doch relativ sicher ist, dass auch der heimische Acker sich künftig den Platz wird teilen müssen. Denn die Regierung will deutlich mehr Photovoltaik-Anlagen auf landwirtschaftliche Flächen bringen, um den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen. Auch die Genehmigungsverfahren sollen erleichtert werden.

CDU-Politiker Malsch bezeichnete das Paket als "faules Ei". Gesehen habe man das beim Thüringer Förderprogramm "Solar Invest", bei dem die veranschlagten zehn Millionen Euro binnen Tagen abgerufen wurden und keine Anträge mehr möglich waren. Er meldete zudem Zweifel an, wie in Deutschland die angepeilten zwei Prozent der Landesfläche für Windkraft reserviert werden sollen. Klaus Wagner rechnet damit, dass es einen Großteil der landwirtschaftlichen Fläche treffen wird. Der Bauernverband werde sich aber nicht verschließen. Wagner forderte, dass bei Photovoltaik als auch bei Windkraft die Menschen vor Ort mit einbezogen werden.

Zum Ausbau beitragen könnte die sogenannte Agri-Photovoltaik (Agri-PV). Dabei handelt es sich um die gleichzeitige Nutzung von Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion und zur Energieerzeugung. Solarzellen bilden dabei ein Dach über dem Anbau von Nutzpflanzen. Sie können aber auch senkrecht aufgestellt werden. Agri-PV ist Teil des Eckpunktepapiers der Bundesregierung und Kerstin Wydra von der FH Erfurt eine Verfechterin dieser Technologie. Die Professorin im Forschungsbereich Pflanzenproduktion im Klimawandel sieht sogar bessere Wuchsbedingungen für Nahrungsmittel. Denn der Klimawandel verringere auch den Ertrag in der Landwirtschaft. Die Anlagen könnten die Kulturen beispielsweise vor Frost oder Hagel schützen.

Agri-PV-Solarmodule in Moret-sur-Loing Frankreich Bildrechte: imago images/IP3press

Bedenkenträger Wagner und Malsch

Bauernpräsident Wagner äußerte sich skeptisch zu den Photovoltaik-Plänen auf landwirtschaftlichen Flächen. Bei Getreide müssten die Anlagen hoch aufgestellt werden. "Extreme Kosten kommen auf uns zu." Darunter fahrende Mähdrescher erzeugten viel Staub: "Es muss jemand hoch und putzen."

Wagner zufolge eignet sich Agri-PV eher bei Obst oder Heidelbeeren, die in Thüringen aber eine geringere Rolle spielten. Ähnlich sieht es CDU-Politiker Malsch: Solarmodule seien besonders anfällig für Hagelschäden, gab er zu bedenken.

Die Thüringer Landwirte Johannes Schmidt und Astrid Hatzel im Studiosaal schlugen stattdessen vor, die Grünflächen für Solaranlagen zu nutzen. Rinder und Schafe könnten auf diesen Flächen weiter weiden. Genau bei diesem Punkt gibt es aber noch ein Problem: Grünflächen sind im "Osterpaket" als mögliche Flächen für Agri-PV nach aktuellem Stand nicht berücksichtigt. "Bei Grünland sind wir noch im Gespräch, weil es schützenswert ist", sagte Staatssekretärin Ophelia Nick.

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 11. April 2022 | 22:10 Uhr

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