Fakt ist! aus Erfurt Tourismus-Chef Hofmann: Es fehlt der gewisse Thüringenstolz

Ostsee, Bayern, Schwarzwald und irgendwo dazwischen Thüringen. Der Freistaat zählt nicht unbedingt zu den Top-Reisezielen in Deutschland. Woran das liegt und worin die Chancen in Corona-Zeiten liegen.

Drei Personen stehen in einem Fernsehstudio um einen Tisch und unterhalten sich.
Die Runde bei FAKT IST! mit Franz Hofmann (links), Moderator Andreas Menzel (Bildmitte) und Knut Kreuch (rechts). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erfolg im Tourismus und eigener Stolz hängen laut dem neuen Thüringer Tourismus-Chef eng zusammen. Es fehle der gewisse Thüringenstolz, sagte Franz Hofmann, der seit August 2020 Geschäftsführer der Thüringer Tourismus GmbH ist. In Bayern etwa gebe es das "Mia san mia". Damit werde eine Lebenshaltung verbunden, die auch bei den Gästen ankomme. "Wenn wir das als Thüringer erreichen, sind wir einen Schritt weiter", so Hofmann.

Bei Fakt ist! aus Erfurt diskutierten die Gäste diesmal rund um Urlaub, Reisen und Tourismus in Corona-Zeiten. Ausnahmsweise wurde die Sendung schon am Donnerstag aufgezeichnet und wird am Montag, 1. März, um 22:10 Uhr im MDR ausgestrahlt. Im Studio zu Gast oder per Monitor zugeschaltet waren:

  • Franz Hofmann, Geschäftsführer der Thüringer Tourismus GmbH
  • Knut Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha
  • Claudia Brözel, Professorin für Tourismus-Ökonomie
  • Christian Leetz, Herausgeber von Tourismus News Deutschland
  • Peggy Greiser, Landrätin im Kreis Schmalkalden-Meiningen

Hofmann, der als gebürtiger Südtiroler den Blick von außen hat, erkennt aber auch viel Potenzial: "Thüringen darf man nicht unterschätzen, sondern ist sehr bekannt." Jetzt gehe es darum, herauszufinden, wie die Urlauber auch kommen.

Wesentlich kritischer äußerte sich Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD). Seit 15 Jahren ist dieser nun schon im Amt und wirbt seitdem mit dem herzoglichen Erbe der ehemaligen Residenzstadt. Kreuch sagte, vielen Bundesbürgern sei Thüringen noch immer kein Begriff. Es müsse gezeigt werden, was hier einzigartig ist. "Dann kommen die Leute." Für ziemlich misslungen hält er die aktuelle Tourismus-Kampagne des Landes, die den Titel "Tür an Tür mit Thüringen" trägt.

Tourismuskampagne Tür an Tür mit Thüringen
Plakat der Tourismuskampagne "Tür an Tür mit Thüringen" mit der Wartburg im Hintergrund. Bildrechte: Flashlight TK, Regionalverbund Thüringer Wald/H2F Kommunikationsagentur

Tür an Tür mit Thüringen

Thüringen nutzte den Trend zum Sommerurlaub im eigenen Land für eine groß angelegte Werbeoffensive. Dafür machte das Wirtschaftsministerium eine Viertelmillion Euro locker.

An 700 Standorten bundesweit gibt es großflächige Plakate, so in Hessen, Sachsen und Bayern. Aber auch online wird Werbung geschaltet - über die sozialen Netzwerke und eine eigens aufgebaute Seite. Gezeigt werden Reiseziele in ganz Thüringen, von der Rhön über das Thüringer Becken bis zum Altenburger Land.

"Keiner bringt damit Thüringen in Verbindung", sagte Kreuch. Die Farbe Blau passe eher zum Meer. "Das muss korrigiert werden."

Der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch vor Gemälden der niederländischen Malerei.
Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Chance in Corona-Zeiten?

Andere halten die Thüringen-Werbung für geglückt: Wer nicht weit in den Urlaub fahren möchte oder ihn generell in Deutschland plant, werde mit der Werbung erreicht, sagte die Tourismusökonomin Claudia Brözel. Außerdem habe Corona die Bedeutung des Internets noch einmal beschleunigt. Die Familie schaue im Netz nach, wohin sie vereist, fasste Tourismus-Chef Hofmann zusammen.

Laut Brözel herrscht momentan eine große Unsicherheit, was das Reisen angeht. "Die Menschen wollen in der näheren Umgebung bleiben." Gleichzeitig wollten sie wieder etwas erleben, forderten aber auch Sicherheit, was sie für Corona-bedingte Einschränkungen am Zielort erwartet. Brözel geht davon aus, dass es im Sommer wieder gut möglich sein wird, zumindest innerhalb Deutschlands zu verreisen.

Chance Bundesgartenschau

Mit der in zwei Monaten beginnenden Bundesgartenschau habe Thüringen einen Joker wie kein anderes Bundesland, sagte Hofmann. Neben den Ausstellungsflächen in Erfurt locken 25 historisch bedeutsame Parks und Gärten über den gesamten Freistaat verteilt. Tourismus-Forscherin Brözel pflichtete bei: Die Buga könne bei Anwohnern und Gästen gleichermaßen zu einem Erlebnis führen und so eine positive Haltung entwickeln lassen.

Claudia Brözel, Professorin für Tourismus-Ökonomie und -marketing an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Claudia Brözel, Professorin für Tourismus-Ökonomie und -marketing an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Bildrechte: Claudia Brözel

Thüringen sei vielen als Reiseziel zwar ein Begriff, erklärte der zugeschaltete Publizist und Reiseexperte Christian Leetz. Fakt sei aber auch, dass hier nur ein Bruchteil für den Tourismus ausgegeben werde als beispielsweise in Bayern. Ein weiterer Punkt, den Leetz ansprach: Die ostdeutschen Länder betreiben erst seit 20 Jahre professionelles Tourismusmanagement - haben entsprechend einiges nachzuholen.

Prachtregion und Instagram-Influencer

Landkreise experimentieren dabei hin und wieder, wie der Kreis Schmalkalden-Meiningen mit seiner "Prachtregion"-Aktion. Dabei zierte das Wort "Prachtregion.de" die Po-Ansicht der Suhler Volleyballerinen, was den Initiatoren nicht nur eine Rüge vom Werberat einbrachte, sondern auch den Negativpreis der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" wegen sexistischer Werbung.

Landrätin Peggy Greiser (parteilos) verteidigte die Idee in der Sendung: "Wir haben die Kampagne weitergesponnen." Der Slogan heißt jetzt "Grüner geht's nicht - Prachtregion.de". Außerdem setzt der Landkreis stark auf Social Media und engagierte den Instagram-Influencer Joerg Nicht, dem mehr als eine halbe Million Abonnenten folgen. Auf der Plattform können nun jede Menge schöne Fotos aus Schmalkalden-Meiningen bestaunt werden, die Gäste in die Region locken sollen.

Landrätin Peggy Greiser
Schmalkalden-Meiningens Landrätin Peggy Greiser Bildrechte: Landratsamt Schmalkalden-Meiningen

Oberhof im Sommer

Dass Thüringen in einigen Bereichen noch Nachholbedarf hat, erfuhr auch der neue Betreiber des Oberhofer Sporthotels. Erst vor kurzem übernahm Christoph Michael Wagner die Einrichtung und will sie nun fit für die Zukunft machen. Oberhof habe sehr viel zu bieten, sagte er. Erst seit einiger Zeit findet im Ort ein Umdenken statt, nicht nur auf Winter-, sondern auf Ganzjahrestourismus zu setzen - gerade in Zeiten, in denen der Schnee mehr und mehr wegbleibt.

Bestes Beispiel für die alten Zeiten: Als sich Wagner das Buchungssystem des Sporthotels vornahm, waren die Sommerpreise nach eigenem Bekunden auf Nebensaison eingestellt. "Den Sommerurlaub hatte man noch nicht auf dem Schirm."

Quelle: MDR THÜRINGEN/sar

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 01. März 2021 | 22:10 Uhr

13 Kommentare

Tpass vor 6 Wochen

Oh Ha ! Das könnte gut sein. Aber das Sprichwort stimmt mit den Hunden! Vergleiche mit anderen Landeshauptstädten zeigt es deutlich. Infrastruktur und Tourismus bezieht man in Thüringen nur auf die Krämerbrücke Wartburg und Weimar?? Ach und das Wahnsinnige Projekt Buga wobei alles andere den Bach runter geht.

Ritter Runkel vor 6 Wochen

Die Frage ist doch eher, wo will der Thüringer Tourismus eigentlich hin?
Schon allein bei der Tourismuskampagne "Tür an Tür mit Thüringen", deren Inhalt und die grafische Gestaltung zeigt die Schwächen der Thüringer Tourismus GmbH, die sie trotz neuer Leitung immer noch hat.
Was dringend notwendig und auch als Erstes änderbar ist, die optische bzw. grafische Gestaltung der Internetseite, der Broschüren etc. der Thüringer Tourismus GmbH.

helmut57 vor 6 Wochen

Natürlich können wir auf unser Thüringen stolz sein. Und wenn Sie Glück haben, können sogar Sie dieses Alter erreichen. Und wenn wir nicht aufpassen, geht das Licht für die Erde in naher Zukunft aus. Also nicht so kleinlich kommentieren.

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