Pandemie Neue Corona-Strategie für Thüringen gefordert

Nicht nur auf Inzidenzwerte schauen, die Belegung der Krankenhäuser im Blick haben und raschere Lockerungen für Aktivitäten im Freien: Immer mehr Politiker in Thüringen fordern eine neue Corona-Strategie für den Freistaat.

Auf einer Tafel stehen die Inzidenzwerte von 50 und 35
Ab welchem Inzidenzwert wird welche Regel gelockert? Immer noch sorgen diese Werte für Diskussionen, weswegen Forderungen nach einer neuen Strategie laut werden. (Symbolfoto) Bildrechte: dpa

In Thüringen machen sich immer mehr Politiker für eine neue Corona-Strategie stark. Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) warb am Dienstag für Lockerungen bei Aktivitäten, die im Freien stattfinden können. Andreas Bausewein (SPD), Oberbürgermeister von Erfurt, forderte die Abkehr vom alleinigen Blick auf die Inzidenzwerte. Unterstützung erhält er von seinem Parteifreund Matthias Jendricke, Landrat von Nordhausen.

Siegesmund: Lockerungen für Aktivitäten an der frischen Luft

Geht es nach Siegesmund, so sollten Aktivitäten im Freien schneller wieder möglich sein. "Wir müssen zwischen drinnen und draußen unterscheiden", sagte sie. Deshalb könne aus ihrer Sicht auch die Außengastronomie so schnell wie möglich wieder öffnen. Siegesmund plädierte außerdem dafür, Ferienangebote mit sehr geringen Ansteckungsmöglichkeiten mit Hygienekonzept rechtzeitig vor Ostern wieder zuzulassen. Dazu zählten Ferienwohnungen mit Selbstversorgung, Campingplätze und Caravanstellplätze.

Drinnen seien die Ansteckungsgefahren dagegen deutlich zu hoch. Die Politikerin mahnte mit Blick auf die weitere Corona-Impfstrategie ein unbürokratisches Vorgehen an. Es brauche mehr Impfstoff, mehr Zentren und Hausarztpraxen, die impfen dürfen.

Bausewein: Wichtiger, auf Krankenhäuser als auf Inzidenzwerte zu schauen

Der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) fordert eine Abkehr vom alleinigen Blick auf die Corona-Inzidenzen. Inzwischen seien die Seniorenheime durchgeimpft, jetzt sei die Altersgruppe 70 plus an der Reihe, sagte er MDR THÜRINGEN. Das seien die Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von einem schweren Corona-Verlauf betroffen sind. Mit einer Inzidenz von 200 bezogen auf die Altersgruppen unter 50 könne man einigermaßen leben, so Bausewein. Diese Altersgruppen hätten für gewöhnlich keinen schweren Corona-Verlauf. Die Inzidenz sei wichtig, aber nicht als alleiniges Kriterium.

Eine Tabelle zeigt verschiedene Öffnungsoptionen und Regeln, i Abhänigkeit von Inzidenzen
Eine Tabelle zeigt verschiedene Öffnungsoptionen und Regeln in Deutschland, in Abhänigkeit von Inzidenzen Bildrechte: Bundesregierung

Wichtiger sei es, auf die Krankenhäuser zu schauen. In den Erfurter Krankenhäusern gehe die Zahl der Corona-Patienten inzwischen zurück. Wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet ist und die Krankenhäuser Luft haben, könnte auch mehr gelockert werden, so der Erfurter Oberbürgermeister. Bausewein plant bereits am kommenden Wochenende die Geschäfte in der Innenstadt zu öffnen. Allerdings nur für Erfurter, die vorher negativ auf das Coronavirus getestet wurden. Derzeit prüft das Land, ob das Vorhaben umgesetzt werden kann.

Jendricke: Geschlossene Läden nicht länger hinnehmbar

Zum wiederholten Male fordert auch der Nordhäuser Landrat Matthias Jendricke vom Land weitere Öffnungsmöglichkeiten. Wie Jendricke sagte, liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Nordhausen seit Anfang Februar konstant bei 50. Er sei nicht mehr bereit, geschlossene Geschäfte hinzunehmen.

Zudem kritisierte der Landrat das Vorgehen der Gesundheitsämter in Nachbarkreisen. Es könne nicht sein, dass beispielsweise im Eichsfeldkreis Corona-Testergebnisse am Wochenende drei Tage lang nicht weitergegeben werden. Im Kreis Nordhausen sei die Behörde an den Wochenenden besetzt, werktags werde bis 22 Uhr gearbeitet. So könnten Betroffene schnellstmöglich über positive Befunde informiert werden.

In Thüringen gelten viele vom Bund angekündigten Lockerungen, etwa bei Geschäftsöffnungen und Anzahl der Kontakte, nicht. Grund ist die hohe Inzidenz im Freistaat. Diese liegt seit Wochen über 120 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen, zuletzt stieg sie laut Angaben des Robert Koch-Instituts weiter auf aktuell 135 (Stand 9. März 2021, 0 Uhr).

Diese Gruppen können in Thüringen derzeit Impftermine vereinbaren

  • Personen im Alter von über 80 Jahren
  • Personen im Alter von über 70 Jahren
  • Personen mit einer Demenz oder geistigen Behinderung in stationären oder teilstationären Einrichtungen,
  • Tätige in der ambulanten oder stationären Versorgung von Personen mit Demenz oder geistiger Behinderung,
  • Personen mit Down-Syndrom (Trisomie21),
  • Personen, die im Rahmen der nach Landesrecht anerkannten Angebote zur Unterstützung im Alltag im Sinne des § 45a des Elften Buches Sozialgesetzbuch regelmäßig bei älteren oder pflegebedürftigen Menschen tätig sind,
  • Personen, die in Kinderbetreuungseinrichtungen, in der Kindertagespflege und in Grundschulen, Sonderschulen oder Förderschulen tätig sind oder
  • Personen mit Vorerkrankungen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf sind.
  • Personal in medizinischen Einrichtungen (umfasst sind jeweils auch Auszubildende und Studierende mit unmittelbarem Patientenkontakt);
  • Personal in Positionen, die für die Aufrechterhaltung der Krankenhausinfrastruktur besonders relevant sind
  • Personal des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ohne Patientenkontakt sowie
  • bis zu zwei enge Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen oder Schwangeren
  • Polizei- und Ordnungskräfte, die in Ausübung ihrer Tätigkeit zur Sicherstellung der öffentlichen Ordnung, insbesondere bei Demonstrationen, einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind
  • Soldatinnen und Soldaten, die bei Einsätzen im Ausland einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 09. März 2021 | 07:00 Uhr

30 Kommentare

Eulenspiegel vor 19 Wochen

Hallo Critica
Also ich denke die Politiker haben genau so die Schnauze voll. Denn Pandemie heißt für sie zu viel zusätzliche Arbeit, zu viel Stress, zu viel Angst und Unsicherheit über den richtigen Weg und die richtigen Endscheidungen.
Und das nennen sie dann das spiel mit der Macht?
Wachen sie auf und begreifen sie einfach mal das auch Politiker ganz normale Menschen sind mit Stärken und Schwächen wie jeder andere Mensch auch.

MDR-Team vor 19 Wochen

Anspruch auf eine Corona-Schutzimpfung haben derzeit u.a. Personen mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf. Dazu zählen unter anderem Personen nach Organtransplantation, mit einer Demenz oder schwerer psychiatrischer Erkrankung, mit Mukoviszidose, Leberzirrhose und bestimmte Personen mit Diabetes mellitus.
Eine vollständige Auflistung finden Sie auf Seite 4 dieser Verordnung. Bei Zweifeln empfehlen wir ein Gespräch mit Ihrem Hausarzt/Ihrer Hausärztin.

https://www.kv-thueringen.de/fileadmin/media2/Corona/Impfstellen/impfen-thueringen/CoronaImpfV_Aktualisierung_6.2.21.pdf

Eulenspiegel vor 19 Wochen

Also wenn man hier so die Kommentare liest dann kann man richtig spüren das sie kurz vorm platzen stehen. Das ist verständlich schließlich sind wir alle gestresst und genervt. Auch die Politiker. Ich denk wir sind alle froh wenn dieser Albtraum vorüber ist.
Aus meiner Sicht haben wir aber das Schlimmste der Pandemie überstanden und die Lockerung wird kommen.

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