Friseure Schwarzarbeit im Corona-Lockdown: Haarige Zeiten in der Grauzone

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Am 1. März dürfen die Friseure ihre Salons wieder öffnen. Zehneinhalb Wochen waren die Geschäfte dann dicht. Kunden und Friseure fiebern dem Termin entgegen - und dem Ende eines Versteckspiels in einer Grauzone. Wir haben mit einem Friseur gesprochen, der die ganze Zeit weitergeschnitten hat.

Eine Frau geht mit Mund-Nasen-Schutz im Frankfurter Gutleutviertel an einem Friseursalon vorbei, dessen Rollläden heruntergelassen sind.
Nicht wenige Salons könnten während der Pandemie ihre Fensterläden für immer geschlossen haben. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Nennen wir ihn einfach "der Friseur". Er hat seinen Salon hier in Thüringen, wo genau, verraten wir nicht. Denn das, was er in den letzten Wochen gemacht hat, war nicht erlaubt. Damit ist er aber nicht alleine. Nur spricht er nach mehreren Anläufen mit mir darüber. Wir kennen uns nicht persönlich, meine Haare hat er nie geschnitten.

In seinem Salon arbeiten insgesamt vier Friseure. Nach dem ersten Lockdown hat er - wie wohl alle Berufskollegen - in Plexiglas, Masken, Desinfektion - kurz Hygienekonzept - investiert. Er hat sich ein Schichtsystem überlegt, damit alle vier Friseure arbeiten können. Der Salon öffnete morgens früher und schloss abends später.

Dann kam der zweite Lockdown. Ab 16. Dezember 2020 mussten sein und auch alle anderen Friseurläden geschlossen bleiben. Das war ein Mittwoch. Montag und Dienstag wurde in seinem Salon bis Mitternacht gearbeitet. Die Kunden fuhren mit der Farbe auf dem Kopf nach Hause und mussten dort waschen, damit er und seine Kollegen mehr schafften.

Wer am oder nach Mittwoch einen Termin hatte, stellte sich auf haarige Zeiten ein: Schaute Tutorials im Internet, besorgte sich Schere und Haarschneidmaschine, nahm sich vor, den lästigen Übergang diesmal auszuhalten, oder machte Friseuren unmoralische Angebote. Jede Menge davon kamen auch bei diesem Friseur an.

Viele von euch lassen den Partner zum Rasierer oder der Schere greifen
Vielerorts legen derzeit die Menschen - oder deren Partner - selbst Hand ans Haar. Bildrechte: imago images/ Westend61

Manche Kunden haben acht Wochen auf ihren Dezember-Termin gewartet. Das Buch ist vor Weihnachten rammelvoll. Jeder will nochmal drankommen. Das wollte ich abfedern.

Der Friseur

Sein Telefon steht nicht still. Während seine Angestellten in Kurzarbeit sind, arbeitet er weiter.

Die meisten haben gefragt: Willst du nicht mal zum Kaffee zu uns kommen und mich besuchen? Gefühlt hätte ich Frühstück, Mittag, Kaffee und Kuchen und Abendbrot bekommen können. Ich habe mega viele Termine gemacht. Fast wie sonst, wenn ich arbeiten gehe. Doch Anfragen von Leuten, die ich nicht kenne, habe ich abgelehnt. Ich wusste ja nie: Ist das ein Test? Will dich jemand verpfeifen?

Der Friseur

Mit seinen angestellten Friseuren spricht er über Schwarzarbeit und Freundschaftsdienste. Er sagt: "Sie sind sehr, sehr vorsichtig. Die haben wirklich nur Familie gemacht". Bei ihm ist es anders. Er fährt zu seinen Kunden nach Hause. Organisiert es so, dass sie die Haare selbst waschen und er mehrere Termine in der Gegend hat.

Pinwand mit Angeboten von Frisören
Manche Friseure weichen in Zeiten der Salon-Schließungen auf Heimarbeit beim Kunden aus. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Geisser

Ausnahmesituation für Friseure und Kunden

Bevor er einen Salon hatte, hat der Friseur schon mobil gearbeitet. Er kennt es, den Tag zu planen, die Routen. Er kennt es, die Farben zu packen und weiß, dass er nichts vergessen darf oder vor Ort improvisieren muss. In kleinen Badezimmern, Küchen oder Wohnzimmern.

Das ist eine Ausnahmesituation. Natürlich ist es im Salon schöner. Wer will zuhause schon den Dreck haben? Das ist für die Kunden nicht schön. Aber auch für den Friseur nicht. Es gibt keinen Hocker zum Hochpumpen, es ist umständlich und nicht gut für den Rücken. Doch die Kunden, bei denen ich war, die haben sich sehr gefreut. Sie waren sehr großzügig, sehr dankbar - es gab viel Trinkgeld.

Der Friseur

Wie viel genau, das sagt er nicht. Über Geld sagt er nur: Im ersten Lockdown gab es Corona-Hilfe. So hat er die ersten Wochen überbrückt. Im zweiten Lockdown fehlt das Geld nun. November- und Dezemberhilfen kommen nicht infrage, weil erst ab 16. Dezember geschlossen war. Die Überbrückungshilfe III kann erst seit Kurzem über die Steuerberater beantragt werden. Der Friseur hat zwar gespart, aber für einen weiteren Salon. An dieses Polster will er jetzt keinesfalls rangehen. Während die Angestellten zumindest Kurzarbeitergeld bekommen, gehen die Chefs derzeit (noch) leer aus.

Das kritisiert auch Sybille Hain, Landesinnungsmeisterin für Friseure und Kosmetiker in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Als ich mit ihr telefoniere, sagt sie, an Unterstützung und Überbrückungshilfe kommt in diesem Lockdown nichts bei den Friseuren an.

Das ist gar nichts. Die Ausgaben laufen weiter. Mit dem Schließen der Salons wurden Friseure in die Schwarzarbeit getrieben. Mit Stand Mitte Februar 2021 sage ich: Die ein oder andere Friseurin wird es wohl müssen. Es gibt Fälle, da haben Friseure ihr Auto verkauft. Nicht jeder sagt offen, ich kann mir keine Lebensmittel mehr leisten. Aber das gibt es.

Sybille Hain Landesinnungsmeisterin für Friseure und Kosmetiker in Thüringen und Sachsen-Anhalt

Einen jungen Mann werden die Haare geschnitten
Das Straßenbild zeigt viele Menschen mit professionell geschnittenen Haaren - obwohl eigentlich alle Salons geschlossen sind. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Addictive Stock

Gut frisiert durch den Lockdown

Wenn sie durch Erfurt geht, die Stadt, in der sie einen Salon betreibt, schätzt sie, dass etwa 60 Prozent der Leute, die sie sieht, einen professionellen Haarschnitt haben. Sie hat Geschichten gehört, in denen Kunden "richtig was bieten", um einen Haarschnitt zu kriegen - etwa "den doppelten Preis".

Hain kritisiert, dass "die sicheren Salons" geschlossen wurden - und nun "im privaten Bereich" gearbeitet wird. Ohne Kontrolle. Denn während die Ordnungsämter die Salons kontrollieren dürften, ist die private Sphäre "heilig" und in die Wohnungen darf keiner rein. Das versteht Hain einerseits - wundert sich aber andererseits.

Selbst wenn es Hinweise gab, dass permanent Kunden kommen - es wird und wurde nicht verfolgt. Da sage ich: Was nützen Gesetze und Vorschriften, wenn sie nicht kontrolliert werden? Mir ist in Thüringen kein Fall bekannt, in dem es Strafen gegeben hat.

Sybille Hain Landesinnungsmeisterin für Friseure und Kosmetiker in Thüringen und Sachsen-Anhalt

Bei der Handwerkskammer Südthüringen gab es laut Christian Beck, Leiter der Rechtsabteilung, auch Hinweise auf Schwarzarbeit. Friseure hätten berichtet, dass die eher geringeren Rücklagen langsam aufgebraucht sind und dass es ihnen mit schwerer werdender Situation "auch schwerer fällt, sich an die Regeln zu halten - wenn sie von Berufskollegen mitbekommen, dass die zuhause bei der Kundschaft schwarz arbeiten."

"Der Friseur" geht davon aus, dass ihn keiner "in die Pfanne haut". Trotzdem hat er keine Lust auf Strafen zwischen 250 und 2.500 Euro und ist froh, wenn der Salon am 1. März wieder offiziell öffnen darf. Sein Telefon steht nicht mehr still, seit klar ist, wann es offiziell wieder im Laden weitergeht. Allein an diesem Montagmorgen kurz nach 10 Uhr sagt er, gab es schon "gefühlt 100 Anrufe".

In Hinblick auf das Infektionsgeschehen ist niemandem gedient, wenn im Badezimmer oder am Küchentisch geschnitten wird. Aber ich gehe auch davon aus, dass die Kunden sich auf die Bedienung im Salon freuen, auf Wohlfühlatmosphäre und darauf, sich selbst etwas Gutes zu tun. Die Erleichterung, dass die Arbeit im Salon wieder losgeht, ist groß. Aber alle hoffen, dass die Salons nicht nochmal geschlossen werden.

Christian Beck Leiter der Rechtsabteilung Handwerkskammer Südthüringen

Ansätze und Extensions

Nicht nur die Kunden mit Kurzhaarfrisuren drängeln und hoffen. Auch Frauen mit Haarverlängerung reicht im Moment nicht nur ein Zopfgummi.

Bei Extensions muss man alle vier bis sechs Monate zum Friseur. Wenn das jetzt genau im Lockdown ist, können im schlimmsten Fall die Haare abbrechen. So Jemanden kann man doch nicht hängen lassen, dass er dann einen Schaden hat! Und auch die Omis sehen unmöglich aus.

Der Friseur

Einer Frau werden die Haare geschnitten
Haarverlängerungen bedürfen besonderer Pflege. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Sven Simon

Viele ältere Damen kommen zum Beispiel in den Salon von Silke Winter. Sie ist Obermeisterin der Friseurinnung Eisenach. Vergangene Woche beteiligte sie sich an der Aktion "Tote Scheren". Mehrere Hundert Scheren kamen beim Aufruf der Handwerkskammer Südthüringen zusammen. Per Post trudelten noch immer welche ein, sagt ein Sprecher der Kammer. Deshalb wurde die Aktion bis Ende der Woche verlängert, die "toten Scheren" sollen kommende Woche in Berlin übergeben werden.

Ich habe viele Kunden, die laufen mit einem Ansatz rum. Sie kommen sonst einmal in der Woche zum Waschen und Legen. Die weinen, wenn sie mich jetzt auf der Straße sehen. Die können die Haare teilweise nicht selbst waschen und frisieren. Aber die kommen auch zum Reden.

Silke Winter Obermeisterin der Friseurinnung Eisenach

Neue Regeln für Friseursalons

Bei Silke Winter steht das Telefon aktuell auch nicht still. "Wir könnten rund um die Uhr arbeiten", wenn es am 1. März wieder losgeht. Allein die neue Verordnung macht manchem ihrer Kollegen Probleme.

Pro Kunde und pro Friseur brauchen wir dann jeweils zehn Quadratmeter. Doch viele Salons in Thüringen geben das nicht her. Um einen einzigen Kunden zu bedienen, braucht man also 20 Quadratmeter Platz. Und das, obwohl beide dicht beieinander stehen. Für die Salons heißt das unter Umständen: Es können nicht alle Friseure voll arbeiten, es gibt weiter Kurzarbeit und das trotz ausgeklügeltem Hygiene- und Bestellsystem.

Silke Winter Obermeisterin der Friseurinnung Eisenach

Ihr Salon hat 93 Quadratmeter. Platz ist also da. Doch ein Aufteilen wie früher, das geht nicht mehr: Während die Farbe bei einer Dame einwirkt - einen "Herrenschnitt dazwischen".

Haare schneiden
Aufwendiges und zeitintensives Färben wird auch nach dem 1. März problematisch. In wenigen Salons können mehrere Kunden zeitgleich bedient werden. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Der Salon des "Friseurs" ist auch groß genug. Das Schichtsystem wird bei ihm zurückkehren. Die Kunden - so schätzt er - auch.

Landesinnungsmeisterin Sybille Hain hat da ein anderes Gefühl und sagt, manche Kunden "werden es bequem finden und den Weg nicht zurück in den Salon finden. Das schadet alles noch im Nachgang". Und nicht überall wird nach dem Lockdown auch noch ein Salon sein.

Vor Corona gab es 1.931 Friseursalons in Thüringen. Innungsmeisterin Hain befürchtet: "Viele Kleinere werden jetzt schließen, einige Friseure, die in Rente gehen, werden keine Nachfolger suchen und schließen, junge Friseure, die in die Selbstständigkeit starten wollten, werden es kaum schaffen." Im ersten Quartal 2021 haben die Friseure laut Statistischem Bundesamt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 11,8 Prozent weniger Umsatz gemacht. Die Zahl der Beschäftigten verringerte sich um 4,3 Prozent. Hain rechnet damit, dass 15 bis 20 Prozent der Thüringer Friseursalons Corona nicht überstehen. Die haarigen Zeiten sind also auch mit Öffnung am 1. März noch nicht vorbei.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 15. Februar 2021 | 12:30 Uhr

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