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Frank Möller (links), Vorsitzender der Stadtverbandes Erfurt der Kleingärtner mit Kneipenpächter Christian Knauf (40) – der gelernte Koch bewirtschaftet seit sechs Jahren das Gartenlokal "Pfortenweg" in Erfurt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

GastronomieDie kleine (Garten)kneipe stirbt langsam aus

von Antje Kirsten, MDR THÜRINGEN

Stand: 30. April 2022, 15:31 Uhr

Die Tendenz ist eindeutig: Es gibt immer weniger Gartenlokale in Thüringen. Doch einige Betreiber trotzen dem negativen Trend mit Innovationen. Beliebt sind die Lokale vor allem für Familienfeiern und Vereinszusammenkünfte.

Auf ein Bier oder eine Bratwurst mit Kartoffelsalat in die Gartenkneipe? Das war einmal. "Das ist 30 Jahre her", sagt Frank Möller, Vorsitzender des Stadtverbandes der Kleingärtner Erfurt. "Viele Kleingärtner feiern den Feierabend heute lieber auf der eigenen Terrasse. Das hat auch was mit Geld sparen zu tun. Wir haben viele Gärtner, die sich genau aus dem Grund einen Garten genommen haben, weil sie sich eben keinen großen Urlaub leisten können." Und das spüren die Pächter der Gartenlokale. Auch gerade jetzt, wo die Preise für Lebensmittel rasant steigen.

Corona-Zeit für Renovierung genutzt

Das Essen in der Gartenkneipe einfach teurer machen, funktioniere nicht, sagt Christian Knauf. Der 40-Jährige gelernte Koch hat in Erfurt gleich zwei Gartenlokale gepachtet: Den "Langen Graben" und den "Pfortenweg". Letzteres "Gasthaus", so steht es in der Tat auf dem Schild, hat er in den vergangenen zwei Jahren komplett saniert: "Wir haben die Corona-Zeit genutzt, alles umzubauen und neu zu machen. Wir wollten eine moderne Gaststätte haben, damit sich die Leute wohlfühlen und wiederkommen", zeigt er zwei helle Räume mit bequemen Stühlen, einem extra mit Spots erleuchteten Buffetbereich.

Das Bier wird an einem Tresen aus hellem Holz gezapft. Nichts ist hier muffig und altbacken. "Gartenkneipen haben das Problem, dass sie keine Laufkundschaft haben. Bei uns kommen die Touristen nicht vorbei wie auf dem Erfurter Domplatz. Das macht es schwer, wir sind halt weg vom Schuss. Da muss man sich was einfallen lassen und eine Stammkundschaft aufbauen", sagt er und ist stolz, auf das, was er mit seiner Mannschaft geschaffen hat.

Christian Knauf ist Pächter des Gartenlokals "Pfortenweg" in Erfurt. Ursprünglich wollte er von hier aus nur Catering anbieten – doch das Lokal lief besser als gedacht. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Christian Knauf hat investiert und setzt auf gemütlich-modern. So flogen auch die Plastik-Stühle von der Terrasse und eine weiße Vespa wurde zum rollenden Buffet umgebaut. "Ich denke, das hier hat Potential. Ich würde den Pachtvertrag gleich für weitere zehn Jahre unterschreiben." Momentan läuft der Vertrag für fünf Jahre.

Stammkundschaft und Feiern wichtig für das Überleben

Frank Möller bestellt sich einen Cappuccino. "Den machen sie hier besonders gut." Gartenkneipen, da wo es sie noch gibt, gehen mit der Zeit und überleben vor allem mit Veranstaltungen und Feiern. Sie werden gebucht für Hochzeiten, Geburtstage oder Trauerfeiern. Doch es gibt immer weniger dieser Traditionslokale.

"Wir als Stadtverband der Kleingärtner in Erfurt haben 119 Kleingartenanlagen und da gab es bis vor zehn Jahren noch 45 betriebene Vereinsgaststätten. Mittlerweile gibt es noch neun", bedauert Möller. Damit, sagt er, sterbe auch eine alte Kultur. "Vereinshäuser waren früher der Dreh- und Angelpunkt in einer Gartenanlage. Außerdem müssen die Vereine ja ein Vereinsleben nachweisen und sich mindestens einmal im Jahr zur Mitgliederversammlung treffen, dafür braucht es Räume. Wir als Stadtverband sehen die Vereinslokale als sehr wichtig an, weil es zentrale Punkte für die Gärtner sind."

Im "Pfortenweg" wird auf eine moderne Inneneinrichtung gesetzt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Starker Rückgang an Gartenlokalen

Doch die Gartengasthäuser sterben aus. Das bestätigt auch der Landesverband Thüringen der Gartenfreunde e.V. In den letzten zehn Jahren hat der Verband nach eigenen Aussagen neun Prozent der Gartenvereine und damit auch Gartenlokale verloren und ungefähr acht Prozent der Mitglieder. Besonders dramatisch, teilte der Verband MDR THÜRINGEN mit, sind dabei die Verluste in den ländlichen Gebieten des Kyffhäuserkreises, im Altenburger Land und in Gera.

Für die Ballungsräume Erfurt und Jena trifft dies nicht zu, dort gibt es kaum Angebote an Kleingärten, eher sogar Wartelisten. Obwohl in den Großstädten keine Gärten leer stünden, so ist doch auch dort zu beobachten, dass die Zahl der "Gartenkneipen" rückläufig sei, teilte der Verband MDR THÜRINGEN auf Anfrage mit. Das liege, so der Verband, vermutlich auch daran, dass es schwierig sei, Betreiber zu finden und - wie generell in der Gastronomie - entsprechend Personal. Zahlen, wie viele Gartenkneipen in ganz Thüringen dicht gemacht haben, liegen dem Verband nicht vor.

Im Sommer ist die großzügige Terrasse des "Pfortenwegs" gut besucht. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

MDR THÜRINGEN (dgr)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 30. April 2022 | 06:00 Uhr

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