8. Mai, Tag der Befreiung Gedenken als Balance-Akt: Thüringen erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs

Eine rote Blume liegt auf einem Grabstein.
Am 8. Mai haben viele Thüringer Städte mit Gedenkveranstaltungen an das Ende des zweiten Weltkriegs vor 77 Jahren erinnert. Bildrechte: Mitteldeuscher Rundfunk

In Thüringen ist am Sonntag vielerorts an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa vor 77 Jahren erinnert worden. Dabei wurde auch der gefallenen sowjetischen Soldaten gedacht. Mit 27 Millionen Toten beklagte die Sowjetunion mehr Opfer als jedes andere Land. Diese stammten nicht nur aus Russland, sondern unter anderem auch aus der Ukraine oder Weißrussland.

Die Erinnerung wird nach Angaben der Kriegsgräberfürsorge Thüringen durch den Ukraine-Krieg überschattet. Deshalb wies Geschäftsführer Henrik Hug darauf hin, dass in den Gräbern nicht nur Soldaten, sondern auch Zwangsarbeiter, darunter Frauen und Kinder, beerdigt sind.

Blumen und Kränze am sowjetischen Ehrenmal in Erfurt

Auf dem Erfurter Hauptfriedhof legten am Sonntag Vertreter verschiedene gesellschaftlicher Organisationen Blumen am sowjetischen Ehrenmal nieder und hielten eine Schweigeminute ab. Danach ergriff Reinhard Schramm von der jüdischen Landesgemeinde das Wort: Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine füge beiden Völkern große Wunden zu, sagte Schramm.

Schon jetzt müsse darüber nachgedacht werden, wie man nach dem Krieg miteinander umgehe. Völkerhass und Nationalismus dürften in Europa nicht bestimmend sein. Als deutsches Friedensprojekt schlug Schramm einen Jugendaustausch zwischen Polen, Deutschland, der Ukraine und Russland vor.

Jenaer Oberbürgermeister erinnert an Kriegsopfer der Ukraine

Gedenkveranstaltung vor der Jenaer Stadtkirche am 8. Mai 2022
In Jena erinnerte Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (Bildmitte) an die Kriegsopfer der Ukraine. Bildrechte: Stadtverwaltung Jena

In Jena gedachten vor der Stadtkirche Stadtratsmitglieder, Bürgerinnen und Bürgern sowie Oberbürgermeister Thomas Nitzsche der Ereignisse vor 77 Jahren. In seiner Rede forderte Nitzsche dazu auf, über den Ereignissen in der Ukraine die Opfer und Leistungen zur Niederschlagung Nazi-Deutschlands nicht geringzuschätzen. Dabei stellte er heraus, dass die Ukraine schon damals einen hohen Blutzoll zahlte.

"Die Ukraine verlor im deutschen Vernichtungskrieg ein Viertel der Bevölkerung", erinnerte Nitzsche. "Die menschlichen und materiellen Opfer der Ukraine im Zweiten Weltkrieg werden umso schmerzlicher, ja machen wütend, wenn man die Bilder des russischen Angriffskriegs sieht." Darüber hinaus bedankte er sich für die große Hilfsbereitschaft der Jenaer Bürger und Bürgerinnen, die geflüchtete Menschen aufnehmen und ihnen in der Zeit des Krieges ein Zuhause bieten.

Russland beschmutzt das Andenken der sowjetischen Befreier

Der Zweite Weltkrieg kostete insgesamt rund 60 Millionen Menschen das Leben. Der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, bezeichnete das Gedenken in diesem Jahr als Balance-Akt. Er sieht das Andenken der einst für die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus kämpfenden Sowjetsoldaten durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine beschmutzt.

"Es sollte nach Möglichkeit verhindert werden, dass russische Regierungsvertreter diese Veranstaltungen für ihre Zwecke kapern", sagte Wagner. Vielmehr sollten Geflüchtete aus der Ukraine eingeladen werden.

Jens-Christian Wagner
Jens-Christian Wagner, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald Bildrechte: dpa

Gedenken in vielen Thüringer Städten

Auch in vielen anderen Thüringer Städten wie beispielsweise in Gera, Eisenach, Ilmenau oder Saalfeld wurden Kränze niedergelegt. In Weimar hatte die Mal- und Kunstschule Friedenstauben aus Ton für die sowjetischen Soldatengräber vorbereitet, als Zeichen der Hoffnung und des Friedens, so Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos). Auf Öffentlichkeit und große Reden verzichtete die Stadt hingegen.

Neben Gedenkveranstaltungen gab es am Sonntag noch eine zweite Aktion zum Tag der Befreiung. Unter dem Motto "Gold statt Braun" wurden an vielen unterschiedlichen Stellen im Freistaat Rettungsdecken aufgehängt - als Zeichen gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Krieg.

Keine politischen Versammlungen angemeldet

Aufgrund der symbolischen Bedeutung des Kriegsendes vor 77 Jahren war befürchtet worden, dass der Tag für pro- oder antirussischen Versammlungen genutzt würde. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN wurden jedoch keine Versammlungen in Thüringen angemeldet. Bisher meldete die Polizei keine Zwischenfälle.

Thüringen war im April 1945 zunächst von amerikanischen und britischen Truppen besetzt worden, die im Zuge des Gebietstausches mit West-Berlin wieder abzogen. Daraufhin rückte die Rote Armee in Thüringen ein.

MDR (ask), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | THÜRINGEN JOURNAL | 08. Mai 2022 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

Karl Schmidt vor 13 Wochen

@hansfriederleistner:
Wieso in Gottesnamen sollte irgendjemand an einem 8. Mai den Toten der DDR-Diktatur gedenken und das laut Ihrem Kommentar vergessen haben????

17.6., sagt Ihnen dieses Datum vielleicht entfernt etwas?

hansfriederleistner vor 13 Wochen

Der Oberbürgermeister gedachte aller Toten. Dazu gehören neben den Opfern der Nazis auch die Opfer der DDR Diktatur. Ganz vergessen wurden überall die an der Grenze ermordeten Menschen, die von Deutschland nach Deutschland wollten. Auch das sind Opfer der Diktatur.

Tpass vor 13 Wochen

Millionen Tote Menschen und hier wird gestritten um was ? Die Menschen werden entweder aufwachen müssen oder sterben. Anscheinend gibt es immer noch Leute die glauben mit Verleumdungen die Welt zu verändern. Auch ein agierenden gegen die Gesellschaft. Krieg bleibt Krieg. Und diesen haben wir dem Amerikanern zu verdanken mit Ihrer NATO und Waffenlobiismuss

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