Serie I Starke Frauen Frauenwahlrecht ist kein Meilenstein, aber ein Etappensieg der Geschichte

100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, doch immer noch werden Frauen schlechter bezahlt. Die Thüringer Gleichstellungsbeauftragte sieht noch viel, was getan werden muss. Doch es gibt viele Frauen in Thüringen, die genau das in Angriff nehmen.

Katrin Christ-Eisenwinder
Die Thüringer Gleichstellungsbeauftragte, Katrin Christ-Eisenwinder. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Katrin Christ-Eisenwinder ist die Thüringer Landesbeauftragte für die Gleichstellung von Frau und Mann. Das Jubiläum des Frauenwahlrechts ist natürlich ein wichtiges Thema für sie. Allerdings kein Meilenstein in der Geschichte der Gleichbehandlung. Denn, so Eisenwinder, es bleibt einfach noch sehr viel zu tun. Die theoretischen Grundlagen sind aus ihrer Sicht schon gut. Egal, ob man das Grundgesetz anschaut oder das Thüringer Gleichstellungsgesetz, das mittlerweile auch schon seit 20 Jahren in Kraft ist. Die Probleme liegen ihrer Meinung nach in der Praxis. "Frauen werden schlechter bezahlt, in der Kindererziehung und in der häuslichen Pflege leisten sie weit mehr Arbeit als Männer. Und Frauen sind sehr viel häufiger Opfer von Gewalt.“

Warum ist das so?

Am Ende ist diese Frage - also die der Gleichberechtigung - vor allem eine Machtfrage. Es geht um Dominanz und Macht.

Was war für die Frauen damals der Grund, sich für das Frauenwahlrecht einzusetzen?

Das Entscheidende war, dass dadurch Frauen in die Öffentlichkeit treten konnten. Sie waren ja schon immer da, haben sich in den meisten Lebensbereichen eingebracht. Aber sie waren nicht sichtbar. Deshalb war dieses Wahlrecht so ein entscheidender Schritt.

Hatte sich die Rolle der Frauen durch den Krieg verändert?

Auf jeden Fall. Wenn man sich die Geschichte von Frauenbewegungen anguckt, das ist wie eine Amplitude – mal auf, mal ab. Und in Zeiten, wo die Männer nicht da sind, Frauen alles alleine stemmen mussten, wurde ihnen klar, dass sie etwas ändern müssen.

Wie weit sind wir seitdem gekommen?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe mal eine Studie gelesen. Da stand, wenn das Tempo der Gleichstellung so weiter läuft wie bisher, brauchen wir noch 207 Jahre. Unsere Kinder machen vieles schon anders. Zum Glück. Das Teilen von Haushalt oder Kinderbetreuung ist da gar kein Thema mehr. Die leben schon neue Rollenmodelle. Aber die gesellschaftlichen Bedingungen passen noch nicht so recht.

Das heißt, das Jubiläum ist gar kein Grund zum Feiern?

Doch. Natürlich. Aber es gibt auch heute so viele Frauen, die engagiert für eine Sache streiten, die sich täglich um andere kümmern. Denen manchmal gar nicht klar ist, wie besonders das ist, was sie da tun. Diese Frauen sollte man feiern. Denn sie bringen tatsächlich die Gesellschaft voran. So wie eben auch die Frauen, die vor 100 Jahren das Wahlrecht erstritten haben.

Was muss jetzt passieren, damit die Gleichberechtigung voran kommt?

Ich denke, dass Gleichstellung mit Verbindlichkeit gestaltet sein muss. So vieles hat nur einen Appell-Charakter. Wir probieren Dinge aus, gucken, ob die Menschen bereit für Veränderungen sind. Das zieht alles in die Länge. Das ändert sich nur durch Verbindlichkeiten. Wir brauchen da klare Ansagen.

Katrin Christ-Eisenwinder lebt in Weimar. Sie ist gelernte Erzieherin und Verwaltungsbetriebswirtin, hat im Landtag gearbeitet, aber auch mit straffälligen Jugendlichen und im Kinderheim. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 09. November 2018 | 18:05 Uhr

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