Ausbildung Warum das Handwerk um Gymnasiasten wirbt

Alle Branchen suchen Nachwuchs, im Handwerk fehlen Hunderte Azubis. Doch ein Drittel der Thüringer Schüler besucht das Gymnasium, um dann zu studieren. Zeit, klassische Bildungs- und Ausbildungswege zu hinterfragen.

Drei Teenagermädchen stehen vor ihrer Schule und lächeln in die Kamera
Laila Mönch, Nina Sattler und Clara Garcia Martinez aus der Klasse 9b am Heinrich-Mann-Gymnasium Erfurt haben in verschiedene Handwerke hineingeschnuppert Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Sie bauten eine Mauer, wechselten Reifen, experimentierten mit Farben und arbeiteten mit Holz. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b des Heinrich-Mann-Gymnasium in Erfurt durften Anfang Oktober drei Tage lang verschiedene Handwerksberufe ausprobieren.

Auch für Gymnasiasten: Schnupperwoche im Handwerk

"Schnupperwoche" nennen das die Handwerkskammern, sie ist ein Bestandteil der Berufsorientierung, die es schon seit 1996 gibt. Aber nicht an allen Schulen, vor allem nicht an Gymnasien. "Die Berufsorientierung ist erst im letzten Jahr für Gymnasiasten geöffnet worden", sagt Ellen Mangold von der Handwerkskammer Südthüringen.

Für das Handwerk braucht es schlaue Köpfe.

André Kühne von der Handwerkskammer Ostthüringen

Das hat gute Gründe. "Wir brauchen den Nachwuchs sowohl von der Regelschule als auch von den Gymnasien. Für das Handwerk braucht es schon schlaue Köpfe", sagt André Kühne von der Handwerkskammer Ostthüringen. "Es gibt so viele Bereiche, in denen die Technik sich weiterentwickelt hat. Das Handwerk ist davon nicht losgelöst."

Kühne zählt ein paar Berufe auf, die sich mit den digitalen Möglichkeiten gewandelt haben: Kfz-Mechatroniker, Elektrotechniker, Anlagemechaniker Sanitär und Heizung, Tischler. Tischler? Ja, Tischler arbeiteten heutzutage mit hochkomplexen CNC-Maschinen, die für Kundenaufträge programmiert werden müssen. "Man braucht in bestimmten Berufen ein technisches und mathematisches Verständnis. Da sind die Anforderungen in vielen Bereichen gestiegen."

50 Prozent weniger Schulabgänger als in den 1990er Jahren

Doch ein zweiter Grund wiegt fast noch schwerer: Das Handwerk braucht dringend Nachwuchs. Ellen Mangold: "Zu Beginn der 90er Jahre gab es noch genügend Schüler. Dieses Blatt hat sich seit zehn Jahren komplett gewendet. Wir haben 50 Prozent weniger Schulabgänger und so auch weniger Auszubildende."

Die Chancen, jetzt im Handwerk durchzustarten, sind nie so gut gewesen.

Ellen Mangold von der Handwerkskammer Südthüringen

In Thüringen sind fast 900 Handwerkslehrstellen unbesetzt, 500 davon allein in Südthüringen. Und das nicht zum ersten Mal. Seit Jahren schon suchen Betriebe händeringend Azubis. "Die Chancen, jetzt im Handwerk durchzustarten, sind nie so gut gewesen wie seit den letzten drei, vier Jahren. Die Schulabgänger können aus einem Pool an Berufen schöpfen, das hat es so noch nie gegeben. Alle Türen stehen ihnen offen", sagt Ellen Mangold. "Wer sich da nicht ganz schlecht anstellt, hat perfekte Chancen. Die Betriebe bilden aus, um die Leute zu behalten", sagt André Kühne aus Ostthüringen. "Den Bedarf kann man nicht nur über Regelschulen decken." Und Ellen Mangold sagt: "Wir brauchen eigentlich alle."

Das Handwerk ist systemrelevant.

Ellen Mangold von der Handwerkskammer Südthüringen

Und da wirbt man eben auch um Gymnasiasten. "Gymnasiasten und deren Eltern verfolgen ja ein anderes Ziel: die akademische Bildung", sagt Ellen Mangold. Doch "da ist schon vieles in Bewegung und da gibt es auch ein Umdenken bei den Eltern." Denn Handwerksberufe gewinnen zunehmend an Ansehen. Ellen Mangold bringt es auf den Punkt: "Das Handwerk ist systemrelevant".

Vom Lehrling zum Gesellen zum Meister

Außerdem gebe es dort beispiellose Aufstiegschancen. Sie vergleicht das mit einer Pyramide: Vom Lehrling zum Gesellen zum Meister, der vergleichbar mit dem Bachelor sei, und damit habe man Zugang zur akademischen Bildung. Das sei nicht das Schlechteste, meint André Kühne: "Ich mache erst einmal eine Lehre, studieren kann ich immer noch. Das würde auch so mancher Hochschule entgegenkommen." Es müsse auch nicht immer ein Studium sein. "Das sind Sachen, die viele Jugendliche nicht auf dem Schirm haben."

Gerade Führungskräfte werden im Handwerk gebraucht: "Unser ganz großes Problem ist die Unternehmensnachfolge. Wenn wir die nicht haben, wird es immer weniger Handwerksbetriebe geben." Deshalb gibt es die Berufsorientierung auch an Gymnasien. "Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Es ist schwer, an Gymnasiasten heranzukommen", sagt André Kühne. Nicht alle Schulen würden sich daran beteiligen, erzählt auch Ellen Mangold. Doch sie ist überzeugt: "Die Berufsorientierung ist das Beste, das es gibt, um den Schülern zu zeigen, wofür sie Neigungen zeigen."

Jetzt würde ich das vielleicht auch in Betracht ziehen.

Nina Sattler aus der 9b am Heinrich-Mann-Gymnasium Erfurt

Nina Sattler aus der 9b des Erfurter Heinrich-Mann-Gymasiums jedenfalls fand den Tag, an dem sie sich auf dem Feld "Farben und Lacke" ausprobieren durfte, "ganz interessant". Bisher habe sie "eher so in Richtung Studium" gedacht, "aber jetzt würde ich das vielleicht auch in Betracht ziehen". Ihre Klassenkameradin Laila Mönch fand die Schnupperwoche "ganz okay". Auch wenn sie sich eher in Richtung Studium orientieren wolle.

Und die Neuntklässlerin Clara Garcia Martinez sagt: "Ich wollte eigentlich immer studieren, aber dadurch, dass uns das gezeigt wurde, kann ich mir vorstellen, das später mal zu machen. Ich fand es spannend". Sie meint vor allem die Druck- und Medientechnik. Dort konnten die Schülerinnen und Schüler eine Collage machen und verschiedene Drucktechniken kennenlernen. Clara: "Allgemein kann ich mir schon vorstellen, dass ich in die Richtung gehe."

Wir zeigen den Gymnasiasten die Möglichkeiten im Handwerk auf.

André Kühne von der Handwerkskammer Ostthüringen

Das Handwerk scheint also auf dem richtigen Weg zu sein, auch wenn André Kühne unterstreicht: "Das Hauptaugenmerk liegt bei uns weiter auf den Regelschulen. Es ist nicht so, dass wir eine komplette Offensive starten, wir zeigen den Gymnasiasten aber die Möglichkeiten im Handwerk auf. Das Gleiche gilt für Studienabbrecher".

Dennoch, ein Trend ist bereits zu erkennen: "Wir beobachten, dass immer mehr Menschen mit Abitur ins Handwerk gehen", sagte Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung bei "Fakt ist!". Auch André Kühne bestätigt: "Es nimmt zu. Wir haben zunehmend mehr Azubis, die Abitur haben". Seit Mitte August läuft die Berufsschule in der Handwerksausbildung. Ellen Mangold: "Noch bis Jahresende kann jeder einsteigen". Denn: "Das Handwerk hat viel zu tun".

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Quelle: MDR THÜRINGEN

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