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In Thüringen gibt es immer weniger Hebammen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geburtshilfe

Warum es immer weniger Hebammen in Thüringen gibt

von Andreas Dreißel, MDR THÜRINGEN

Stand: 18. August 2021, 13:57 Uhr

Rund 770.000 schwangere Frauen suchen jedes Jahr in Deutschland eine gute Betreuung durch eine Hebamme. Doch gerade im ländlichen Raum wird die Suche immer schwieriger. Laut Landes-Hebammenverband denken über 40 Prozent der angestellten Hebammen darüber nach, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder ihren Beruf ganz aufzugeben.

Zufrieden beißt der kleine Davit in einen Ball. Heute ist er mit seiner Mutter zu Besuch bei Hebamme Birgit Hesse. Für Lena Shetekauri ist es das erste Kind. Auch deshalb sind die regelmäßigen Besuche bei Birgit Hesse sehr wichtig für die junge Mutter.

Das ist eigentlich wie Seelsorge für mich. Sich einfach auch mal fallenlassen können und über die alltäglichen Probleme sprechen können. Einfach mal zeigen: Mir gehts nicht gut, meine Hormone spielen verrückt, was ist los mit mir?

Lena Shetekauri, junge Mutter

Birgit Hesse ist seit 1979 Hebamme, arbeitete viele Jahre auch im Kreißsaal. Seit 1993 ist sie als freiberufliche Hebamme unterwegs und unterstützt die werdenden Mütter bei der Geburtsvorbereitung und in der Nachsorge.

Für mich ist es immer noch der schönste Beruf der Welt. Leider gehen heutzutage fast 30 Prozent der Arbeitszeit für Büroarbeiten drauf. Das ist Zeit, die für die Betreuung der Schwangeren fehlt.

Birgit Hesse, freiberufliche Hebamme

Ihre Kollegin Petra Krämer kann ihr da nur zustimmen. Sie ist seit 1990 freiberuflich als Hebamme unterwegs, arbeitet aber auch in Teilzeit im SRH-Waldklinikum in Gera. Heute wollte sie eigentlich ihre Patienten zuhause besuchen. Doch am Morgen kam der Anruf: Sie wurde im Kreißsaal gebraucht. Eine andere Hebamme war ausgefallen.

Das kommt häufiger vor, dass Dienste kurzfristig angesetzt werden. Wir sind zu wenige Hebammen auf der Station. Dann muss ich meine Besuche auf die Zeit nach meinem Dienst verschieben.

Petra Krämer, Hebamme am SRH-Waldklinikum Gera

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Video: Hebammen-Mangel als Problem für werdende Eltern in Thüringen

Arbeitsdruck wächst immer weiter

In fast allen Kliniken ist der Arbeitsdruck gewachsen. Die Hebammen kümmern sich in Stoßzeiten oder bei Personalknappheit um bis zu vier Gebärende. Damit betreuen Hebammen inzwischen mehr als doppelt so viele Gebärende wie in anderen europäischen Ländern. Das hat Folgen. Nach einer Befragung durch den Hebammenverband denken inzwischen 43 Prozent der Hebammen darüber nach, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. 28 Prozent überlegen sogar, ihre Tätigkeit ganz zu beenden. Dabei sind aktuell schon 18 Prozent der Planstellen in den Kliniken vakant. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Wenn gerade im ländlichen Raum immer mehr Kliniken ihre Geburtsstationen schließen, wächst die Arbeitsbelastung an den verbleibenden Klinikstandorten.

Wenn immer weniger Kolleginnen immer mehr Gebärende betreuen, führt das am Ende zu mehr operativen Entbindungen. Die werdenden Mütter wollen ganz einfach das Risiko der Unterversorgung umgehen.

Nicola Hauswaldt-Gildehaus, 2. Vorsitzende Thüringer Hebammen-Verband

Außerdem steigt mit der Arbeitsüberlastung auch das Risiko, dass Fehler passieren. Deshalb fordert der Hebammenverband einen Personalschlüssel, der sich an der Intensivpflege orientiert. Dort betreuen Pflegende bis zu 1,5 Pflegepatienten.

Gesetz soll zusätzliche Stellen schaffen

Das Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz soll den Kliniken helfen. Damit sollen pro Jahr bis zu 600 Hebammenstellen zusätzlich geschaffen werden. Außerdem können über das Programm auch unterstützende Fachkräfte auf den Geburtshilfestationen eingestellt werden. Damit würde sich für die Hebammen auch der Anteil an tätigkeitsfremden Aufgaben verringern. 100 Millionen Euro pro Jahr stellt der Bund insgesamt dafür bereit. Der Haken: Das Programm ist bis 2023 befristet, eine langfristige Entspannung nicht in Sicht.

Und gerade für kleine Kliniken mit Geburtshilfestationen wird es immer schwieriger, genügend Hebammen zu finden. Etwa 18 Prozent der Stellen in Thüringen sind aktuell nicht besetzt.

Hebammenverband wünscht sich mehr Wertschätzung

Bei den freiberuflichen Hebammen führten gestiegene Haftpflichtversicherungsprämien dazu, dass viele aufgeben mussten. Etwa 20.000 Euro kostet eine Haftpflichtversicherung pro Jahr. Im ländlichen Raum mit weniger Geburten können viele Hebammen die Beiträge nicht aufbringen. Seit 2015 werden die höheren Prämien zwar von den Krankenkassen ausgeglichen. Allerdings nur rückwirkend.

Der Hebammenverband wünscht sich deshalb mehr Wertschätzung auf allen Ebenen der Politik und eine langfristige Verbesserung der Situation der Hebammen.

Ich bin erschüttert, wie hoch die Fluktuation ist. Viele Hebammen bleiben nach der Ausbildung nur fünf bis sieben Jahre in ihrem Beruf. Als Gründe hören wir immer wieder das hohe Arbeitspensum und die geringe Bezahlung.

Nicola Hauswaldt-Gildehaus, 2. Vorsitzende Thüringer Hebammen-Verband

Klinikum Gera bildet Hebammen aus

Das SRH Wald-Klinikum in Gera bildet seit zwei Jahren wieder selbst Hebammen aus. Damit wollen sie hier den Bedarf an Nachwuchs abdecken, auch weil in den nächsten Jahren immer mehr angestellte Hebammen in den Ruhestand gehen. In der Ausbildung arbeitet das Klinikum mit der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena zusammen. Nach der Novellierung der Hebammenausbildung ist das Berufsbild jetzt ein Bachelor-Studiengang. Den praktischen Teil ihrer Ausbildung absolvieren die zukünftigen Hebammen in Gera. Dort lernen sie auch die Arbeit in der Kinderklinik, in der Gynäkologie und auf der Frühchen-Station kennen.

Trotz aller Schwierigkeiten ist der Beruf nach wie vor gefragt. Wir haben viele Bewerbungen für die Studienplätze. Wieviele dann nach dem Studium bleiben oder in die Freiberuflichkeit wechseln - wir werden sehen.

Petra Krämer, Hebamme am SRH-Waldklinikum Gera

Birgit Hesse wird Lena Shetekauri noch bis zum Ende der Stillzeit betreuen. Die junge Mutter hofft, dass es auch in Zukunft genügend Hebammen für die werdenden Mütter gibt.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. August 2021 | 19:00 Uhr

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